Tristesse $00
von onkelhoste am 28. Januar 1999Ich hatte einmal einen Freund, der mit mir einen kleinen, ich will sagen einen sehr kleinen Händel vereinbarte: Er gebot mir, ihn jeden Morgen, sobald ich seiner Angesichtig wurde, kräftig zu treten. Manchmal verlangte er auch, ich möge ihn mehrmals hintereinander in die Wange zwicken. Er entlohnte mich schweigend mit einem kleinen Geldstück, das ich sorgsam unter der losen Diele hinter der Küchentür verbarg, während meine Mutter einholen war.
So verfuhren wir lange Zeit. Ein Treffen in einer stillen Seitengasse, dann der Vollzug des bizarren Rituals. Als ich ihm einmal vorschlug, das Ohr zu verdrehen, fuhr er erschreckt zurück. Wir beließen es also bei unserer Abmachung und sprachen nie mehr darüber.
Er hat mir nie gesagt, was er mit diesem Händel bezweckte noch fragte ich ihn je. Auch vermochte ich keinerlei Gründe zu erkennen, welche ihn bewogen, sich aus freiem Willen dieser beschämenden Tortour zu unterziehen.
Als ich mit meinen Eltern in eine andere Stadt zog, verabschiedeten wir uns kurz. Ich trat ihn in alter Gewohnheit und meinte, für einen kurzen Augenblick eine Regung in seinem Gesicht erkennen zu können. Er drehte sich schweigend um und ich sah mit tränenerstickten Augen, wie er aus meinem Leben verschwand. Wir sahen uns nie wieder.
Jetzt habe ich erfahren, das er Busfahrer geworden ist und mich dünkt die Frage: Ist das vielleicht meine Schuld?



