Ich will kein Engel sein

Ich habe sie gesehen. Die riesigen Wasserstoff-Wirbel, die rotierten und sich unter der Gravitation weiter und weiter zusammen zogen, bis sie sich unter höllischer Glut zu immer höheren Ordnungszahlen verwoben. Wilde Magnetfelder tanzten unter den Monden, Feuer stieben in den jungen Himmel. Die Größte aller Gestirne zündete schließlich ihr atomares Feuer und alle Planeten drehen sich in einem komplizierten Reigen um ihren Schoss. Seht alle her! Erschafft eure Welten in meinem Licht! Na und? Ich gebe dir 5 Milliarden Jahre, nur 5 Milliarden beschissene Jahre, und du wirst deine inzüchtigen Kinder verbrennen und dann klein wie ein Fußball alles Licht mit in den ewigen Abgrund ziehen! Deine Atome werden ihre Erinnerung verlieren und dann wird es wieder still und leer sein.

Ich habe sie gesehen. Die Meteore, die Bakterien in ihrem Leib trugen, die Ursuppe, die Aminosäuren, die ersten Volvox-Kolonien, die sich vor dem Sonnenlicht verstecken mussten wie Diebe. Nach so langer Zeit erhoben sie sich aus dem Schlamm, holten Luft, und kämpften gegen einander, so wie sie es gelernt hatten. Doch all diese tragen den Tod in sich. Wenn der Sand durchgelaufen war, sammelte ich sie auf. Die Radiolarien, die Saurier, und auch die, welche sich Krone der Schöpfung nennen. Parallel zu den Grossen war aus dem Schlamm und der Fäulnis war längst neues Leben erwachsen, winzig klein und diabolisch. Es lebte in den Ritzen, es fraß ihre Eier, es drang in die Atemwege, ins Blut. Das machte es schwerer für jene, die sich anschickten, die Erde zu beherrschen. Viele blieben nicht, als der grosse Meteor kam. Ich breitete mein großes Tuch aus, es bereitete keine Mühe. Als ich es einzog, war ich satt. Für lange Zeit.

Die ersten Neuen wurden nicht alt. Sie vergifteten sich, hieben sich ihre Schädel entzwei oder trennen sie vom Rumpf. Sie wühlten in den Eingeweiden ihresgleichen. Ich nahm sie mit, mischte sie wieder unter die Unbelebten. Materie geht nicht verloren. Niemals! Ich wusste, das würde ewig so weitergehen. Ich hatte nie Langeweile. Gestorben wurde zu jeder Zeit und allerorten. Als die Pest über Europa kam und die Scheinheiligen unter Krämpfen ihre Kreuze schlugen, wandelte ich unter ihnen, doch nur ich hörte die Trompeten. Eitrige Schwielen zeugten von Dummheit, Verwesung, Verfall. So vergingen die Jahrhunderte. Ich erledigte jeden Auftrag. Der Tod wurde kultiviert. Man besang mich, flocht Kränze, Verehrung wurde mir zuteil. Ich habe nie bereut, unbestechlich zu sein. Erinnerungen durchfluten mich.

Ich sitze in einer dieser edlen Kutschen aus dunklem Holz. Die Insassen, mit weißen Perücken machen derbe Scherze in französischer Sprache. Gepuderte Pfauen! Ich greife einem von hinten in den Hals, quetsche sein Kleinhirn wie einen Schwamm. Es quillt zwischen meinen knöchernen Fingern hindurch. Er trägt meinen Hauch bereits in sich, seit Langem. Er sackt in sich zusammen, leblos, findet nicht einmal mehr die Zeit, etwas Überflüssiges zu sagen. Der Arzt weiß nicht, was er auf den Totenschein schreiben soll, fährt dem Toten durchs Haar und hält es büschelweise in der Hand. Dann nickt er langsam. Erst zweihundert Jahre später wird ein findiger Wissenschaftler den Erreger finden. Jetzt noch ist es die Krankheit der feinen Leute.

1914 - 18 hatte ich reiche Ernte gehalten. Der schwarze Freitag bringt ein wenig Abwechselung danach, da erscheint ein kleiner, hässlicher Mann auf der Bildfläche der Geschichte und schreit vielversprechend von den Podien. Ich besuche ihn auf einem Empfang, später. Er isst ein Schmalzbrot, dreht sich langsam zu mir hin, hält inne und erkennt mich. Das ist keine neue Erfahrung für mich. Diese besonderen Monster können den leibhaftigen Tod sehen. Er hat die Prüfung bestanden. Wir sehen uns in die Augen, ich nicke, er versteht. Wir haben unseren Pakt geschlossen. Ich nehme ihm seine Krankheit, er bezahlt mit Blut von über 20 Millionen in sechs Jahren. Die Goldzähne behält er. Zum Schluss kommt auch er, unterschreibt, und dann kommt das Inferno, Hiroshima, natürlich war ich dabei, ich konnte mir die Vorstellung doch nicht entgehen lassen!

Ich besuche wieder Stephen Hawking, seit fünfundzwanzig Jahren. "Bitte", fleht er mit stummen Augen, "ich habe die Formel noch nicht gefunden!" Ich könnte sie dir geben, denke ich noch. Aber ich kann warten. Mal sehen, was Du drauf hast.

Ich hole JFK, er schaut mich an, als sei Bescherung, ein Amerikaner eben. "Hier entlang", sage ich, und: "Du bist kein Berliner!" Die Wahrheit ist eben nicht immer schön.

Ich bin müde. So viel Zeit ist vergangen. Ich liege auf einer Pritsche. Ich möchte bitter lachen. Die irdische Wissenschaft hat das menschliche Genom nahezu komplett entschlüsselt. Was glaubt ihr zu finden? Den Plan? DEN Plan? Die Fenster sind vergittert. Vor draußen gelangen Geräusche von Kettenfahrzeugen an mein Ohr. Funkenstiebende Transformatoren versprühen Ozon. Es riecht nach frisch gemähtem Leid. Neben meiner Pritsche steht ein Computer. "Bist du HAL?", fragte ich spöttisch. "Waren sie David Bowman?", fragt er zurück.

Gleich wird sich die schwere Eisentür öffnen und ein paar Takte Richard Wagner hereinwehen. Dann wird sich ein Professor über mich beugen, fürsorglich auf einen dicken Mann mittleren Alters herabschauen, den er mit "onkelhoste" anspricht und sich nach seinem/ meinem werten Befinden und dem Verbleib von zwölf Praktikanten erkundigen. Ich werde mich wieder für ihn auf meinem Lager winden und ihn mit angstverzerrten Augen anschauen, so wie er es am Liebsten hat. Dann werde ich ihn wieder fragen, wann die Fesseln gelöst werden. "Wenn die Behandlung anschlägt", wird er mich anlügen. Ich verurteile ihn zum Tode durch natürliches Altern. Seine Zellen werden sich weiter teilen und seine mutierte DNA den Rest erledigen.

Um die nackte, blasse Glühbirne kreist ein kleiner Flugzeugträger, der immer, wenn ich nicht hinsehe oder einnicke, mich mit winzig kleinen Kugeln beschießt. Das macht mich ganz verrückt. Ich verlasse den Psychopathen, der gestern aus heiterem Himmel Amok gelaufen ist und einen Reaktorbrand nutzte, um mir zwölf Leben zu überantworten. Ich gehe auf die Strasse zurück. Ich rolle eine Zeitung auf, halte sie einem Passanten unter die Nase. Ob er an den Weltfrieden glaube, frage ich ihn. Er schluckt, schwitzt, nestelt an seinem Kragen herum. Ich sehe kurz in ihn hinein. Fünfzig wird der, bestimmt. Außer der Plan wird geändert. Das macht es ja so spannend. Er hoffe es, das Frieden in der Welt herrsche, irgendwann, stottert er, merkt nicht, das es eine Zeitung ist und kein Mikrofon. "20:15 Uhr, zur besten Sendezeit!", rufe ich ihm hinterher. Warum soll ich nicht auch einmal meinen Spaß haben.

Oder dieser Dicke dort drüben! Er hat Senkfüsse, das Laufen in seinen Schuhen macht keinen Spaß. Ich ergreife Besitz von ihm, setze mich in seine Corvette, im Autoradio läuft RAMMSTEIN:

Erst wenn die Wolken schlafen gehn,
kann man uns am Himmel sehn,
wir haben Angst und sind allein,
Gott weiß, ich will kein Engel sein.

Ich finde einen Revolver im Handschuhfach. Meine Laune beginnt sich zu verbessern. Ich bin wieder da, natürlich, ich war ja nie weg. Allenfalls ein paar tausend Jahre noch, dann werde ich wieder allein sein, verdammt allein. Ich werde dann wieder die Meere aussieben, in der Asche wühlen, die Knochen stapeln, die kleinen toten Chitin-Panzer einsammeln, die im Wind rascheln, bis sich die nächste Spezies empor hangelt. Aber bis dahin....

 
"Ich will kein Engel sein" (C) onkelhoste ~01/2000.
onkelhoste 1961 Geburt | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 1999 www.onkelhoste.de wird geboren _|_ 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons _|_ 2000 Idee für Buch wird geboren, SciFi-Satire "Sonnenwind & Salmonellen" (leidlicher Fortschritt....) | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

Abgeheftet und gestempelt als: Text//////////.

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