Selbstmord einer Stubenfliege
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Daraufhin fließt die Kaffeetasse mit dem Aschenbecher zusammen. Das ist sehr lästig, weil ich nicht weiß, wohin ich die Asche schnippen soll. Ich beschließe, die Sache anders anzugehen. Ich greife mit der rechten Hand (eigentlich bin ich Linkshänder) nach der Tasse, die mir unerwartet ausweicht. Ich weiß nicht warum. Diesen Wesenszug von ihr kannte ich bisher nicht. Vielleicht habe ich sie vernachlässigt in letzter Zeit.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich schaue auf die Küchenuhr und bilde mir ein, eine geringe Unregelmäßigkeit im Lauf des Sekundenzeigers zu bemerken. Ich habe das Gefühl, das er seinen Job nur dann gut macht, wenn ich ihn beobachte. Ich versuche es anders. Ich beobachte ihn aus dem Augenwinkel. Er beobachtet mich aus dem Augenwinkel zurück und macht seinen Job gut. Irgendwann erwische ich ihn.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Die Fliege da am Fenster, die da unablässig gegen die schmutzige Scheibe knallt, die hat’s gut, denke ich noch. Die hat so ein mit konditionierten Reflexen ausgestattetes Strickleiternervensystem. Leider habe ich vergessen, was das bedeutet.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich muss die Augen schließen, damit ich den Saturn besser sehen kann. Ich fliege darauf zu und schaffe es knapp, die cassinische Teilung zu durchqueren. Die Felsbrocken in der näheren Umgebung stieben auseinander wie Staubflocken in einem dünnen Lichtstrahl. Alles ohne ein Geräusch bis auf das Klopfen mehrerer Herzen. Als ich die Augen öffne, hat sich die Tasse wieder vom Aschenbecher getrennt und es schwimmen auch keine Kippen mehr im Kaffee. Dafür ist der Kaffee jetzt schwarz. Ich scheine nur die Milch herausgetrunken zu haben.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich schaue wieder zur Küchenuhr. Ich war nur kurz auf Saturn und schon ist eine ganze Stunde vergangen. Der Sekundenzeiger macht alle anderen Zeiger verrückt. Ich werde ihn auswechseln müssen. Ich werde ihm fest in die Augen sehen und ihm sagen, dass seine Zeit gekommen ist.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Die Fliege fliegt unablässig gegen die schmutzige Scheibe. Es regnet in meinem Zimmer. Kein Wunder also, das sie rauswill.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich glaube, das Telefon klingelt. Ich glaube, ich gehe ran und eine Stimme sagt mir, das Sekundenzeiger keine Augen haben. Ich lege enttäuscht auf. Diese Wendung der Dinge nimmt dem Ganzen die Dramatik. Dafür wird das Telefon unsichtbar und lenkt mich für einen Augenblick wohltuend ab.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich gehe in die Küche zurück und will mich wieder hinsetzen. Ich sitze aber schon da. Das ist ungewöhnlich.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich gehe in die Küche zurück und will mich wieder hinsetzen. Ich sitze aber schon da. Das ist ungewöhnlich. Ich sehe mir fest in die Augen und sage zu mir: Das ist kein deja-vu. Da bin ich aber beruhigt.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich nehme noch einen Zug und versetze mich in die Fliege.
Sie fliegt unablässig gegen die schmutzige Scheibe. Ich fliege unablässig gegen die schmutzige Scheibe. Ich weiß nicht, dass da ein Glas ist. Ich nehme einen neuen Anlauf. Man hat mir nicht gesagt, was Glas ist. Ich knalle gegen die schmutzige Scheibe. Ich schaue noch einmal nach. Nein! In meinem Strickleiternervensystem ist kein Glas, verdammt! Ich will einfach nur hier raus.
Ich sitze in meinem Zimmer und nehme einen tiefen Zug. Ich darf den Kopf nicht schief halten, weil sonst mein Gehirn herausläuft. Plötzlich hört das Summen auf.
"Selbstmord einer Stubenfliege" © onkelhoste, publiziert: ~28. Jan 2001







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