Horus
[REWIND]
Wir erheben uns. Wir laufen durch die Wälder. Wir tragen das Feuer in die Dunkelheit. Wir begraben unsere Toten. Wir sind nicht mehr sprachlos. Wir ziehen Ackerfurchen, verstecken die Saat vor den Räubern. Wir wandern der Sonne entgegen, es wird kühler. Und Horus Schiffe ziehen über den Himmel. Die Hunde finden den Weg. Wir zäunen uns ein und vertreiben den Bären, den Wolf. Wir huldigen den jeweiligen Göttern. Die Waffen reichen weiter als sonst, die Sprache spaltet sich in Hundert Isotope. Wir marschieren im Gleichschritt, indoktriniert, die Fahnen wehen im Wind. Die Schiffe stranden an fremden Küsten, wenig einladend, wir aber sehen nicht zurück. Fremde Lichter leiten uns, die Neugier besiegt die Angst. Andere Sprachen, dunkle Haut, hoch zu Roß, gefaltetes Metall blitzt in der Sonne, der Erde entrissen. Wir heben die Säbel, Kugeln reißen uns zu Boden, Augen brechen unter fernen Himmeln. Wir bauen Strassen von irgendwo nach nirgendwo, Pferdekutschen klappern über Kopfstein, machen Autos Platz. Wir sehen in die Nacht, sie ignoriert uns. Wir bezähmen die Blitze, die Welt eckt an in unserem Kopf. Wir zeigen es der Natur gehörig, wir verschieben Grenzen, im Kopf, im Labor, im Land. Wir dotieren Silizium und ersetzen Milli durch Mikro durch Nano. Kugeln dellen Gummidecken ein, wir können dem Raum nicht mehr vertrauen. Wir treten unseren Trabanten mit Füßen. Mit Computern sind wir gemeinsam einsam, die Welt so klein, das Heimweh so groß. Musik wird programmierbar. Wir öffnen den Viren die Welt, ein Aderlaß von Millionen. Wir bauen neue Menschen, die wie die alten sind. Nur anders.
[FORWARD]
Der rote Planet wird blau. Die Tiere gehen für immer, mit traurigen Augen. Hinter Glas, erfroren. Wir schließen eine Tür ohne Schloß, ohne Tränen. Der Planetoid streift uns kaum, die Sonne geht nun im Norden auf, das Magnetfeld erblüht aufs Neue. Aurora Borealis im Golf von Mexiko. Was davon übrig ist. Wir werden unser eigener Großvater, erzählen uns selbst von den Legenden, an virtuellen Lagerfeuern. Unsere Nährtanks sind bald voll, die Phiolen sind leer. Wir sprechen nicht mehr über die Dinge, wir denken daran.
[FORWARD]
Der müde Stern nimmt ein Viertel des Himmels ein. Wir finden ein Tor, gehen hindurch, schalten alles ab, atomare Höllenfeuer schieben uns berechnet knapp an der Singularität vorbei, gerade noch. Die Mutter, im letzten Atemzug verkrampft, das Spektrum überschlägt sich, der allerletzte Regenbogen ist rot. Sie frißt vier ihrer Kinder, sackt im Todeskampf zusammen, ein schwarzer Ball ohne Erinnerung. Die Gravitationswelle erreicht uns nicht mehr, der Abschiedsbrief ist unzustellbar. Kein Silberstreif am Ereignishorizont. Wir aber tragen den Keim in uns. Wir sind der Staub aus der Sonne, das Atom mit kollektivem Gedächtnis. Gezähmte Entropie, Selbstorganisation auf Zeit, wider dem molekularen Rauschen.
[REWIND]
"Horus" © onkelhoste, publiziert: ~28. Jul 2001








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