Niemand hatte mir gesagt    



Niemand hatte mir gesagt, wie es ist, in Hamburg-Altona in einem kleinen Einzimmer-Appartement mit billigen Versandhausmöbeln zu sitzen und zu warten, bis das billige japanische Telefon klingelt.

Wir waren jung, unbeschlagen, unbeschwert, einige nahmen einige Drogen. Die Mädchen kicherten, verschlossen sich noch vor der Wahrheit ihrer Karriere in der Küche und die Jungs dachten unentwegt ans Kopulieren. Die Mädchen wechselten ihren Besitzer und irgendwann, im Tumult einer Party, zogen wir meine Freundin aus und hielten sie fest und bemalten sie mit einem Filzstift von oben bis unten und schrieben “Die Milchbar hat geöffnet” quer über ihre Brüste und sie schien das sichtlich zu genießen und ich genoss, dass sie es genoss und dachte noch, das hast du mir nie erzählt, du kleine Schlampe.

Da war eine, die hieß Annette und die war blond, die hatte ihre große Liebe gefunden und die ein Lächeln hatte wie eine Blumenwiese. Die wünschte für sich und ihren Kerl Glück und eine Wohnung und Kinder und eben alles, was man sich wünscht, wenn man eben nicht alle Wünsche kennt, die es im Leben gibt. Ihr Kerl war ein wenig unbeschlagen und verschlagen und spielte ein wenig mit ihr und sie lächelte ein wenig hilflos, bis sie merkte, das aus dem Spiel Ernst wurde und dann war ihre große Liebe verschwunden. Sie vergrub ihr Gesicht in die Hände und ihr Herz irgendwo am Ufer unseres Mittellandkanals. Sie machte noch eine Weile alleine weiter und dann verschwand sie einfach.

Wir machten auch immer weiter und alles verlief sich schließlich und ein paar gingen zum Bau und ein Anderer ging in den Bau und immer wenn wir uns trafen, sprachen wir über Annette. Aber alles war nicht mehr so unbeschwert wie früher, als sei die Wirklichkeit zwischen uns gefahren. Die Mädchen standen in der Küche und die Jungs dachten unentwegt ans Kopulieren und an das Lachen von Annette.

Und irgendwann war sie wieder da, niemand wusste, wo sie gewesen war und es gab natürlich ein paar Gerüchte von einem Nachtclub an einer Bundesstrasse. Ihr Lachen war seltener und härter und ihre Augen leerer. Sie hatte nur ein paar Plastiktüten mit Schlüpfern und wenn sie nicht auf den dunklen Gängen im Sozialamt saß, wusste sie nicht wohin. Sie zog bei einem Freund ein, der machte sich falsche Hoffnungen, es gab Tränen und dann verschwand sie wieder.

Viel später klingelte mein Telefon und da war Annette dran. Sie machte Witze und gab sich weltgewandt und ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, was sie mir die ganze Zeit zu erklären versuchte. Das sie jetzt in Hamburg lebt. Das sie jetzt eine “Professionelle” ist und ihr Name mit einer Telefonnummer in der Hamburger Morgenpost steht. Ich verstand schließlich, dachte ein wenig ans Kopulieren und kaufte eine Fahrkarte und besuchte sie.

Da saßen wir nun in Hamburg-Altona in einem kleinen Einzimmer-Appartement mit billigen Versandhausmöbeln und diesem billigen japanischen Telefon und lachten verschämt wie früher, aber das Gesetz der Strasse hatte sie längst eingeholt und als das billige japanische Telefon klingelte, wechselte sie ihre Stimme aus und hauchte etwas in den Hörer und ich bekam Geld, um in einer Kneipe gegenüber was zu trinken und auf ihr Fenster zu starren, wenn sie dort steht und winkt und die Luft wieder rein ist und ich wieder rüber kommen kann, immer wieder, bis es dunkel wurde und an zu regnen fing.

Ihr billiges japanisches Telefon klingelte wieder und ihre Augen glänzten und dann kam so ein Typ zu ihr, der war Flugkapitän und der war sanft und wollte nur reden und gab ihr immer viel Geld. Und weil es schon dunkel war und es regnete, trug sie mir auf, mich in den Schrank zu setzen und mich ruhig zu verhalten. Und dann saß ich da, den Kopf ins Kissen gepresst, den Magen voller Luft von diesem Cola-Barcardi Gemisch und ich musste lachen und der Typ redete und redete und schließlich, als er gegangen war, kugelte ich aus dem Schrank und wir lachten wie früher.

Dann kam ihr “Freund”, sie gab ihm das ganze Geld und wir gingen essen und redeten über Sachen, die keinen von uns wirklich interessierten und sie hatte ihr Leben wirklich im Griff und wollte wirklich bald wieder aufhören und ihr Kerl sei meistens wirklich nett. Daneben saß noch eine, die ihr Leben wirklich im Griff hatte und wirklich auch bald wieder aufhören würde und die musste wirklich wissen, wovon sie sprach, weil sie das wirklich schon sehr lange jedem erzählte. Dann schlief ich auf der billigen Umbauliege aus dem Versandhaus und dachte nicht mehr ans Kopulieren.

Wir verabschiedeten uns und ich fuhr nach Hause zurück, mit diesem Zug, im Februar. Ich erzählte es den Jungs und ich glaube, keiner lachte mehr, außer an der Stelle mit dem Schrank. Wir tranken dann wieder Bier und ein paar von den Mädchen mit dickem Bauch machten Schnittchen und ein paar mussten los, weil Schicht war oder Sportschau oder einfach, weil die Ausgangszeit zuende war.

Und jetzt, nach Jahren, ist das Lachen von Annette wieder da, aber natürlich nur in meinem Kopf. Ich versuche mir nicht vorzustellen, was aus ihr wurde, aber heute weiß ich, was ein geborenes Opfer ist.





"Niemand hatte mir gesagt" © , publiziert: ~28. Mar 2002
1961 Geburt | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 1999 www.onkelhoste.de wird geboren _|_ 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons _|_ 2000 Idee für Buch wird geboren, SciFi-Satire "Sonnenwind & Salmonellen" (leidlicher Fortschritt....) | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

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