Tristesse $23
Um endlich meiner übermäßigen Völlerei Herr zu werden, erlegte ich mir neulich einige Regeln auf, welche dafür sorgen sollten, mein Körpergewicht und Wohlbefinden wieder auf einen erträglichen Wert zu senken. Ich schlug mir allerdings ein Schnippchen, indem ich unter Berufung der Ausübung meines Rechts auf freie Entfaltung ein weiteres Nackensteak mit dicker Soße auf den Teller legte. Dies aß ich mit aller Genüsslichkeit und von demonstrativem Schmatzen begleitet vor meinen eigenen Augen auf. Ich protestierte während der gesamten Mahlzeit lautstark, drohte mir, eine einstweilige Verfügung gegen mich zu erwirken und forderte zur Sicherheit eine Unterlassungserklärung, was aber alles nichts half. Zufrieden und rasend vor Wut starrte ich den leeren Teller. Mein Einwand, einem vorbeiziehenden Gefühl des Appetits doch einfach mal mit einem Joghurt oder Apfel zu begegnen, schlug ich mit schallendem Lachen aus.
Als ich allerdings einen Moment nicht aufpasste, gelang es mir, mir einen Arm auf den Rücken zu drehen und mich unter lautstarkem Protest ins Badezimmer zu zerren. Dort stand meine Personenwaage, die ich sicher Jahre nicht benutzt hatte. Wenn meine Argumente schon nicht zogen, raunte ich mir ins Ohr, würden Zahlen eine wohl sicher deutlichere Sprache sprechen!
Ich rieb beleidigt meinen malträtierten Arm und stieg widerwillig auf das so verhasste Instrument, begleitet von meinen Ermutigungen. Ich schaffte es nicht, auf die Anzeige zu sehen, aber ich informierte mich gehässig darüber, das vierundneunzig Kilo für einen Menschen meiner Körpergröße signifikant zuviel sei. Ich versuchte, meine Vorwürfe zu überhören, aber da hatte ich mich auch schon gepackt! Ich überschüttete mich mit Vorwürfen zum Thema Lebenserwartung und Zivilisationskrankheiten und rüttelte mich derart, das mir die Brille von der Nase fiel.
Als ich mich beruhigt hatte, beruhigte ich mich und schlug mir vor, in die gegenüber liegende Kneipe zu gehen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich stimmte zu. Ich führte ein gutes Gespräch und vereinbarte mit mir, das Ganze gelassener anzugehen und einen Plan zu erstellen, welchen ich dann mit meiner Hilfe in die Tat umsetzen würde. Leider geriet ich mir zu fortgerückter Stunde erneut in die Haare, gerade was den Zeitablauf meines Projektes und das Endfälligkeitsdatum meines Idealgewichtes betraf. Ich diskutierte heftiger und heftiger mit mir, bis mir schließlich der Geduldsfaden riss. Ich zog mich am Kragen auf die Strasse, hielt mir eine Standpauke und verprügelte mich dann nach Strich und Faden! Wortlos und geschunden ging ich nach Hause. Auch ich brachte während des gesamten Heimweges keinen Ton heraus.
Ich rede nun mittlerweile seit drei Wochen nicht mehr mit mir. Aus reiner Böswilligkeit lege ich mir in der Kantine Riesenportionen auf den Teller, die ich wiederum während des Essens mit schnippischen Bemerkungen quittiere. Wo soll das nur enden?
"Tristesse $23" © onkelhoste, publiziert: ~28. Aug 2002







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