Tele-Pathie – der Tatort aus Ludwigsburg    



Der 4. Krimi für starke Frauen


Jingle:
Diese Sendung wird ihnen präsentiert von “Drei-Schwaben-Hochzeitsnudeln”
(Version glückliches Paar in Schloss Solitude – blitzende Spätzlemesser am Brett in der Mehrsterneküche)

Hauptkommissarin Trollinger zog ihre Schublade bis zum Anschlag heraus. Ihre Dienstwaffe fand sie unter einer leeren Packung kleiner bunter Gummis aus dem Drogeriemarkt.

“Nichts wie hin” scheuchte sie ihren jungen Kollegen und zwängte die geschwollenen Füße zurück in die Pumps.

Das Strafvollzugsmuseum glich dem Labor eines Kernforschungszentrums, es wimmelte von Männern in Anzügen, für die sich Gaultier geschämt hätte. Unbekannte Täter hatten Gustav Tölpel, den letzten lebenden Henker, entführt, der neben einer Leihgabe aus Berlin ausgestellt worden war. Vor allem die Kinderkurse “Grusel zum Anfassen und Selbstbasteln” waren stets gut besucht.

“Jede Menge Bekennerschreiben, Chefin,” rief der Kollege mit den Latexhandschuhen und knallte einen fast 20 cm hohen Stoss vollkommen identischer Umschläge auf das Auflagebrett der Guillotine. “Schon irgendwelche Erkenntnisse?” murmelte Hauptkommissarin Trollinger in die Runde und rückte die Briefe über der Ablaufrinne Kante an Kante übereinander. Die Männer schauten betreten auf eine Flasche Testpulver für Fingerabdrücke, die unter die Guillotine gerollt war.

“Na dann lesen wir sie eben!” grunzte Hauptkommissarin Trollinger, inzwischen auch in Latex. Sie schritt energisch zur anderen Seite der genormten Umschläge, dort, wo sich die Aufschrift “bitte hier öffnen” befand. Überzeugt von ihrer Effektivität betätigte sie die Auslöserstange. Mit einem Schlag hatte sie Dutzende von Briefen sauber geöffnet. Ihrem Arbeitseifer war nur der Museumswächter entgangen, der sich auf das Auflagebrett der Guillotine gelegt hatte und bei der jährlichen Ölung des Messerschlittens auf dem bequemen Kopfbrett eingeschlafen war.

Obwohl die Briefe vor Blut trieften, war der identische Text rekonstruierbar: “Ich, Gustav Tölpel, erkläre hiermit, dass ich den Hals voll habe und wieder nach Berlin gehe.”

Enttäuscht blickte Hauptkommissarin Trollinger auf die Leute vom Erkennungsdienst und sagte: “Lassen Sie die Putzkolonne kommen, ist ja eine Sauerei hier! Der Rest ist ein Fall für die Kollegen vom Betrugsdezernat.”

Ihr junger Kollege wagte einen Einwurf: “Aber die sind doch beim Staatsempfang im Café Tucher!”

Hauptkommissarin Trollinger drehte sich auf ihren Pumps um, so elegant das mit geschwollenen Füssen ging, und stellte klar, wie die Akte beendet werden würde: “Das ist nicht unser Bier. Wir können uns schließlich nicht um jeden dahergelaufenen Henker kümmern.” Etwas versöhnlicher wandte sie sich an die Männer in den Schutzanzügen: “Ach ja, bevor wir noch ein Viertele trinken gehen, schaffen sie die Leiche weg. Vergessen Sie den Kopf nicht.” Im Hinausgehen murmelte sie: “Früher hatte man für so was noch Auffangkörbe, aber der Staat spart ja an allem!”


Jingle:
Diese Sendung wurde Ihnen präsentiert von Drei-Schwaben-Jägerspätzle
(Version Halali – erlegtes Wildschwein – blitzendes Spätzlemesser am Brett)





"Tele-Pathie – der Tatort aus Ludwigsburg" © , publiziert: ~16. Oct 2002
DDD wollte eigentlich als Frau auf die Welt kommen, hasst aber Frauenkrimis zu sehr. Brüllte bei Abnabelung Heavy Metal und trägt immer noch keine Krawatten. Mit fünf Jahren leere Sprechblasen aus Comics als Hörbuch eingelesen. Erstes Poem mit zwölf Jahren: „Mein Ascher stinkt wie blaue Weizenklei’“. Jobs als Fernfahrerbeifahrer, Leichenwäscherhelfer, Literaturpreismanuskriptesortierer, Siebdruckfarbanrührer und Tanzboy. Studium bei Raymond Chandler und Dagobert Duck. Erster Roman über die Sprechpausen Phil Marlowes. Gewann fünf Pfund Butter beim renommierten Regiokrimi-Preis „Butter bei die toten Fische“. Lieblingsschriftsteller: Jack Torrance. DDD lebt und arbeitet nach dem Prinzip von Tschechows Rasierklinge in Cleveland, Neustadt an der Weinstraße und Clichy.

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