Dunkle Feuer.    



Gab es etwas schöneres, als den frisch gemähten Rasen zu riechen? Die Vögel zu hören, wie sie an Sommermorgen am schönsten sangen? Was für ein Tag.

Sie konnte vom Bett aus durch das Fenster nach draußen sehen. Wie lange war es her, dass sie sich so schlecht gefühlt hatte? Sie wusste es nicht mehr. Denn letzte Nacht hatte sich alles verändert. Mit Gänsehaut dachte sie an die nächsten hundert Jahre. So lange, glaubte sie, würde sie brauchen, um ins Leben zurückzufinden. Falls es noch ein Leben für sie gab.

Vor zwei Jahren lernte sie David in der Firma kennen, in der sie arbeitete. Sie mochte ihn sofort und er sie. Das gute daran war, dass er schwul war und nichts Körperliches von ihr wollte.

David war reizend zu ihr, behandelte sie wie eine Dame, war immer höflich und niemals verletzend. Bis zu diesem einen Tag war er der perfekte Gentleman. Sie wünschte, dieser Tag wäre niemals gekommen, sie wünschte, sie wäre an diesem Tag nicht in der Firma gewesen. Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen.

Es fing schon damit an, dass nicht David persönlich sie zur bevorstehenden Kundenpräsentation rief, sondern seine Sekretärin vorschickte. Er hatte miese Laune und reagierte sehr heftig aus Tianas wohlgemeinte und liebevolle Ratschläge.

Was war bloß mit ihm los, er war schon seit Monaten so gereizt. Das konnte doch nicht nur mit dieser Präsentation zusammenhängen? Warum schnauzte er sie nur so an? Sie fühlte sich schlecht und hatte Schuldgefühle. Wenn sie doch nur wüsste, warum er so schlecht auf sie zu sprechen war.

Sie musste mit ihm darüber sprechen und nahm sich vor, ihn heute Abend zu besuchen – ohne Vorankündigung. Abends rief sie ihn an. Seine Mailbox sprang an. Sie sprach ihm drauf und versuchte unbeschwert zu klingen. Normalerweise rief er spätestens nach einer Stunde zurück. Es vergingen 3 Stunden, ohne dass er zurückrief. Sie hielt es nicht mehr aus und setzte sich direkt vom Büro aus ins Auto, um zu ihm zu fahren.

halteverbotDie Straßen waren leer und sie kam gut durch. Hastig parkte sie im Halteverbot und lief in großen Schritten zu Davids Haus. Sie klingelte fast Sturm und wurde sich dessen plötzlich bewusst. Es war ihr peinlich und die versuchte sich zu beruhigen. Bloß in nichts reinsteigern, dachte sie. Sie drehte sich seufzend um und wollte schon gehen, als sie plötzlich ein lautes Gepoltere hinter der Tür hörte. Mit einem großen Satz war sie wieder bei der Tür.

“David!”, rief sie, “bist Du das?” Sie lehnte das Ohr an die Tür. “Mach doch auf, bitte!

Eine Weile war es still, dann hörte sie zwei Stimmen, die laut flüsterten. Beide Stimmen kamen ihr vertraut vor. David’s erkannte sie ja gleich, aber die andere… angestrengt überlegte sie, kam aber so schnell nicht drauf. Sie klopfte nochmals leise.

“David! Mach auf – komm schon!” Wieder Rascheln und Flüstern. Dann klackte das Schloss und David öffnete die Tür. Sie sah ihn an. Er sah sie an, sein Gesicht war ernst. Sie lächelte erleichtert. Ein Glück, er war gesund und munter, nur sein Gesichtsausdruck gefiel ihr nicht.

“Ich muss mit Dir reden”, sagte sie, “hast Du Zeit”?

David sah sie einen Augenblick ernst an. “Ja”, sagte er kurz und knapp, “komm’ rein.” Erleichtert betrat sie seine Wohnung. Und dachte, sie sah nicht richtig.

“Was machst DU denn hier”? Große, vertraute blaue Augen sahen sie stumm an. Mario sagte gar nichts. Sie sah zwischen Ihrem Fast-Ehemann und ihrem besten Freund hin und her. Zuerst hatte sie überhaupt keine Vorstellung, was er hier verloren hatte und dachte im ersten Augenblick nur an einen harmlosen Besuch ihres Mannes bei ihrer besten (schwulen) Freund.

Dann begriff sie, dass die beiden in Hemd und Unterhose vor ihr standen und das DAS irgendwie nicht in dieses Bild passte. Es dauerte gute zehn Sekunden, bevor sie begriff, was hier abging. An ihren Gesichtszügen hingen kleine Gewichte und sie hatte Angst, dass Ihre Mundwinkel gleich bis zum Boden hängen würden.

Fragend, mit großen Bambiaugen und kreisrundem geöffneten Mund starrte sie von einem Mann zum anderen. Die beiden wichen ihren entsetzen und enttäuschten Blicken aus. Sie fühlten sich mehr als schlecht, denn Tianas Gesichtsausdruck glich dem eines kleinen Mädchens, das gerade erfahren hatte, dass sie nicht mit Papi zur Kirmes fahren würde. Sie tat ihnen leid. Mehr als das. Aber es war nun einmal so, wie es war.

Niemand sagte etwas.

Tianas Träume zerrissen wie Pergamentpapier. Die letzten drei Jahre ihres Lebens wurden ausgelöscht, zerfielen zu Staub. Das Bild, dass sie sich von ihrem zukünftigen Leben gemacht hatte, wurde zu einer blassen Erinnerung, wie aus Tusche gemalt, auf die Regen fällt. Ihre Pläne, ihre Sehnsüchte, schöne Augenblicke mit einem ihr nun völlig fremden Mann, alles nichts mehr wert, alles umsonst. Die ganze Mühe, die ganze Kraft, so viele Tage und Nächte, in denen sie nur über diesen Mann und die Zukunft mit ihm nachgedacht hatte.

Sie hatte immer gedacht, dass das schlimmste sein würde, ihn an eine andere Frau zu verlieren oder – noch schlimmer – durch den Tod. Aber das stimmte nicht. Wäre er einfach nur gestorben, hätte sie ihren Stolz bewahren können, hätte sich nicht so schlecht, so schäbig, so ausgeschlossen gefühlt.

Sie hasste beide dafür, sie hasste sich, sie hasste dieses Gefühl, abgewiesen und ungeliebt zu sein. Und sie war sehr verzweifelt. Denn keiner der beiden feigen Hunde sagte auch nur ein Wort. Keine Entschuldigung, kein Bedauern. Nur Neutralität und das Gefühl, kein Teil dieses Bundes zu sein. Das Gefühl unendlicher Einsamkeit beschlich sie und sie wollte sterben. Jetzt auf der Stelle. Stumm, mit Tränen in den Augen und großem Kloß im Hals dreht sie sich langsam um. Sie ging zur Tür und wusste, dass eine sehr schmerzhafte und leidvolle Zeit auf sie wartete. Und wünschte sich nichts mehr, als alles rückgängig machen zu können. Ein dunkles Feuer breitete sich in ihr aus.

Wenn sie doch David niemals kennen gelernt hätte, wenn sie doch nicht so blind gewesen wäre und so blöd, wenn sie doch damals nur “nein” zu Marios Antrag gesagt hätte…Wenn… vier Buchstaben, die für das Nichts standen.





"Dunkle Feuer." © , publiziert: ~16. Feb 2003
Geboren im schönen Süd-West-Afrika + mit unfassbar vielen Talenten beseelt, die allesamt nichts mit Kunst, aber umso mehr mit Unterhaltung und Pragmatismus zu tun haben + z.B. Tanzen und Singen (in echt!) + oder Haare schneiden (wirklich!) + künstlerisch ansonsten völlig unbegabt (kann Malen nach Zahlen) alle möglichen Berufe und Nichtberufe ausgeübt + lebt mal in Köln, mal in Hamburg . einfach so.

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