Tatorte
Tatorte sehen in der Regel wenig einladend aus. Hier eine Vernissage, zu derer der verkannte Künstler vor seiner Eröffnungsrede viele Proseccos spendieren muss, um seine wenigen Besucher mit verkrampfter Gestik, schmerzverzerrtem Gesicht und leisen Klängen avantgardistischer Musik davon zu überzeugen, dass Photoshopfilter und Siebdruck ihn zu einem ganz neuen Menschen haben werden lassen. Er weiß längst, dass er erst sterben muss, um wenigstens über die Stadtgrenze hinaus bekannt zu werden, wie Van Gogh zum Beispiel, aber er kämpft dagegen an (auch, sich eines seiner Ohren zu entledigen), weil er glaubt, dass tief in ihm etwas Unbenennbares, etwas Einzigartiges steckt, das das Recht hat, die Regeln zu brechen. Vielleicht könnte das jemand erklären, der sich im Dunstkreis des Künstlers aufhalten darf und noch mehr von diesem modischen Blubberwasser getrunken hat, dass in Wirklichkeit niemanden wirklich schmeckt. Beide würden dann ihrem elitären Stand entsprechend zusammen Sushi essen gehen und sich gegenseitig in gönnerhafter und weltmännischer Manier versichern, das wäre für diesen Preis durchaus genießbar. Der Künstler selbst schneidet er sich die Haare nicht, hüllt sich in Second-Hand Klamotten, antwortet ausweichend auf Fragen, um sich nicht festzulegen. Festlegen behindert die Metamorphose, Alkohol als Additiv die zusammenhängende Aussage.
Zwischen zerquetschtem Papier, behämmertem Sandsteinabraum und modellierter Bronzeschlacke liegt dann am nächsten Tag ein Opfer, gänzlich konträr zum Arrangement der Farbgebung, vom Täter scheinbar willentlich nicht dem goldenen Schnitt untergeordnet, in seiner Stellung anatomisch hässlich verzerrt. Das Auge mag nicht ruhen auf solch inszenierter Un-Kunst. Die Blutlache tut ihr Übriges, deplaziert zu wirken. Das Gesamtbild ist nachhaltig gestört, das aufgerasterte Bild in der Zeitung ist im Gegensatz zur Ausstellung dilettantisch, der korpus delicti unvorteilhaft getroffen, das Licht stimmt nicht.
Der Pathologe notiert erwartend eine abnorme Eindellung des Hinterkopfes durch einen i.d.R. stumpfen und i.d.R. bisher unbekannten Gegenstand und findet im Magen eine i.d.R. wenig kompromittierende Matsche aus allen Ingredienzien eines dekadenten Buffets. Natürlich ist er überarbeitet und natürlich kann er im Augenblick nicht mehr sagen. Das Opfer ist männlich und der Pathologe fügt in dem seinem Berufsstand eigenen morbiden Humor hinzu, dass es zumindest nicht schwanger war.
Da ist eine erste Verdächtige, die natürlich auch auf der Vernissage zugegen war, eine geschiedene Frau in wallenden Batik-Gewändern, vom Leben gezeichnet, von irgend einer privat finanzierten Therapie zwar nicht geläutert, doch wenigstens gegen Honorar an und durch einen Psychologen im Fernstudium nahezu genötigt, ihre extrovertierten Macken auszuleben. Natürlich malt sie auf Befragung des Kommissars auch ein wenig, wird sie errötend zugestehen und natürlich hat sie zu vorgerückter Stunde auch eine Szene auf der Ausstellung gehabt, nicht zwingend geplant und notwendig, aber durchaus dem Ereignis, wenigstens im kleinen Kreise, angemessen durchgeknallt. Die Zuschauer haben sich, emotional entfesselt, aber intellektuell gebändigt und schon allein wegen ihrem zerbrechlichen Renommee, zum Finale hin abgewendet.
Da ist der Galerist, der in schwerer Stunde zu unserem Künstler hielt und stumm alle Auslagen für Öltuben und Staffelagen beglich und der sich natürlich überhaupt nichts daraus machte, das seine Frau, des Künstlers Muse gleichermaßen, zu ihm auf die Laken sank. Das ging eine ganze Weile und irgendwann überwarfen sich der Protege und der erfolglose Weltschmerzler, dann stritten sie sich und das konnte man Abends von der Strasse aus sehen und hören, als die Sektflasche die große Scheibe im Atelier durchstieß und mit einem Mordskrach auf die Strasse schepperte.
Unten im Wohnzimmer zwischen Renoirs und Beckmanns soff sich die Frau des Galeristen einen an, schnappte sich den Porscheschlüssel und krachte draußen auf der Landstrasse gegen einen Baum. Die Frau kommt nach drei Tagen wieder zur Besinnung und der Galerist und der Künstler auch.
Der Kommissar hat dann irgendwann alle Fragen gestellt und ist allen Hinweisen nachgegangen, hat viel genickt und zieht sich nun zurück, konstruiert, konjungiert und kongruiert. Von der Dienstaufsicht geschüttelt, von Kompetenzgerangel gerührt, im Dunkel einer kleinen Lampe, sitzt er am sperrhölzernen Schreibtisch, einer imaginären, einfallslosen Musik lauschend.
Und zu guter Letzt und nach einigem Hick-Hack ist es dann doch der Galerist gewesen, obwohl unvermittelt mitten in den Ermittlungen dann ein jüngerer Bruder des Künstlers auftaucht, der mit gleichem Erfolg erfolglos gegen sein Unvermögen kämpft, was auf die eigenen Beine zu stellen und ihm vorwirft, undankbar zu sein gegenüber der Mutter, die auf dem Anwesen am See plakativ dahinsiechend ihr Lebensende inszeniert, aber trotzdem ohne Unterlass dem Älteren das Alleinerbe aufdrängt.
Der Kommissar wird dann souverän nicken, weil er schon seit Anbeginn wusste, das es nur der Galerist sein konnte, sich eine Zigarette anstecken oder Gleiches gerade so eben aufgrund eines rechtzeitigen Räusperers seines Partners unterlassen, gerade, als die Flamme die Spitze berühren wollte. Dann wird er einen Fuß auf das Geländer stellen und auf den Rhein hinab sehen oder die Elbe oder eine andere trübe Brühe oder er wird an einer Pommesbude hocken und seufzen und die Verrohung der Gesellschaft anprangern.
Allen gemeinsam ist, das Kommissare Kunst hassen oder nur billige Plagiate von Magritte in der Küche oder der Gästetoilette hängen haben und dass das wohl kaum dem Verständnis für wahre Kunst zuträglich ist, aber der Ausübung seiner kriminalistischen Arbeit keinerlei Abbruch tut.
"Tatorte" © onkelhoste, publiziert: ~14. Oct 2003









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