Kommissar Bredenbeck geht auf und ab    



Der Bewerber rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her. Unzählige, nervös hin- und her rutschende Bewerberhintern hatten die Öberfläche des Bewerberstuhles mit den Jahren spiegelblank gebohnert. Kommissar Bredenbeck sah nervös auf seine Schuhe, deren Leder stumpf und abgewetzt war und dringend einer Politur bedurften. Er überlegte, ob er die Gelegenheit nicht nutzen und sie unbemerkt zwischen Bewerberhintern und Sitzfläche des Bewerberstuhles schieben sollte.

“Kaffee?”, fragte der Bewerber und sah sich mit Kaffeemaschinen suchendem Blick in Bredenbecks Büro um.

“Nicht im Dienst!”, parierte der Kommissar, “aber wo wir gerade so nervös zusammensitzen: Als was möchten sie sich bei uns bewerben?”

Der Angesprochene richtete sich zu voller Breite auf. “Als Zeuge!”

Bredenbeck zog an seinen Augenbrauen. Diese Wendung gab seinem Stuhl einen ganz neuen Namen.

“Irgendwelche Erfahrungen damit? Ich meine, was haben sie denn gesehen?”

“Ich war voriges Jahr auf Ibiza und als Kind an der Ostsee. Ich spreche hier von der perfekten Qualifizierung! Alles, was ich sehe, werde ich ihnen melden.”

Bredenbeck nickte, sparsam beeindruckt. “Dann sind sie kein Zeuge, sondern ein Informant!”

“Wo ist der Unterschied? Verdient ein Informant mehr als ein Zeuge?”

“Weder noch. Ein Zeuge wird eher durch Zufall Beobachter eines Verbrechens, während ein Informant gezielt vorgeht.”

“Und wenn ein Informant durch Zufall Beobachter eines Verbrechens wird?”

Der Kommissar bemerkte aus dem Ohrenwinkel, dass sich der Zeuge Teile seines letzten Satzes ausgeliehen hatte.

“Auch das lassen wir gelten”, sagte er und nahm sein Blick in Gönnerhaft.

“Dann möchte ich Informant werden! Was muß ich tun?”, bohnerte der Bewerber erneut auf dem Zeugenstuhl.

“Nun, einfach mit den richtigen Leuten reden, Beobachtungen machen, ein paar Steine umdrehen, infiltrieren, die Augen offen halten eben.”

“So etwa?”. Der Mann riss die Augen weit auf und starrte Kommissar Bredenbeck an, dessen Augenbrauen auf den Hinterkopf flüchteten.

“Vielleicht ein wenig weniger auffällig. Es soll schließlich niemand wissen, das sie ein Informant sind.”

“Warum nicht?”

“Weil ihre Deckung sonst auffliegt.”

“Tut sie das?”

“Deckungen tun das bisweilen. Da sieht man einmal kurz nicht hin und Schwupps!. Das könnte allerdings anstrengend werden, wenn sie sich gerade unter richtigen Verbrechern befinden.”

“Ich werde mich gerade unter richtigen Verbrechern befinden?“, quiekte der Mann erstaunt über seine eigene Stimme.

“Jetzt gerade nicht, im Dienst schon. Über rechtschaffende Personen brauche ich außerdem keine Informationen.” Der Kommissar stand auf, stellte eine Leiter mitten in den Raum und ging ungeduldig auf und ab.

“Wie erkenne ich den Unterschied? Verbrecher sind außerdem nicht gerade der Umgang, den ich pflege! Was genau verbrechen die denn so?”

“Och, das ist ganz unterschiedlich. Mord ist dieses Jahr ziemlich in Mode.”

“Also, Mord liegt mir gar nicht!”

“Erpressung?”

“Ich habe kein Vermögen.”

“Schade. Wie wäre es mit Steuerhinterziehung?”

“Hab ich auch versucht. Fehlanzeige.”

“Hmmm, und andere Steuerhinterzieher hinter Gitter zu bringen?”

“Ja, warum eigentlich nicht? Ich mochte meinen Bruder nie besonders.”

“Warum werden sie dann nicht Finanzbeamter?”

Das hatte gesessen! Selbst Bredenbecks Fangfrage fühlte sich völlig überrumpelt. Der Kommissar streifte sich blitzschnell noch ein paar Augenschlitze über, bevor die Wirkung nachliess.

Der Informantenhintern begann wieder zu bohnern. “Niemals! Meine Schwester arbeitet beim Finanzamt. Sie schnarcht entsetzlich.”

Bredenbeck zog einen frischen Zeigefinger aus der Hemdtasche und wies damit auf den Informanten.

Ihre Schwester schnarcht? Glückwunsch: Sie haben mir eben ihre erste Information gegeben.”

“So einfach ist das?”

“Für mich schon, aber ich schlafe ja auch allein.”

“Ich könnte ihnen Pläne für einen bevorstehenden Bankraub geben!”

Der Kommissar kniff die Augen zusammen, was ihm nicht ganz gelang, weil seine Nase dazwischen war.

“Wann soll der denn stattfinden?”

“Wann haben sie denn Zeit?”, fragte sein Gegenüber in einem Direktanflug von Überschwang.

“Nein, nein! Sooo funktioniert das nicht. Sie sollen sich die Informationen ja nicht ausdenken. Ich rede von einem wirklich bevorstehenden Bankraub, den sich richtige Verbrecher ganz real ausdenken und auch tatsächlich zu begehen willens und in der Lage sind. Von dieser Art Bankraub rede ich!”

“Ich weiß nichts von solchen Dingen!”

“Da bin ich mittlerweile ganz sicher.”

Bredenbeck stand auf und stellte sich, die Hände sauber hinter dem Rücken gefaltet, ans Fenster und sah einfach hindurch. “Ich kenne da jemanden bei der Verkehrspolizei. Ich werde ihm ihren Namen geben.”

“Ist sein Name denn so furchtbar?”

Der Gag prallte eiskalt an Bredenbecks implantierten Kunstkinn ab. Wenn der Informant jetzt Den hätte ich aber gerne noch eine Weile behalten! geantwortet hätte, wäre es was Anderes gewesen. Aber so…”…bekommen sie einen Job.”, unterbrach er sich selbst in seinen Gedanken.

“Als Informant?”

“So eine Art Informant. Sie sollten nicht gleich die harte Nummer versuchen. Fangen sie mit was Leichtem an. Mit Falschparkern zum Beispiel. Ganz üble Sorte. Die geben ihnen mehr Informationen, als ihnen lieb ist.”

“Verdient man damit viel Geld?”

“Nicht ganz so viel wie der Polizeipräsident, aber für ein paar warme Gedanken wird es dann und wann reichen, denke ich laut.”, dachte er laut.

“Ist das ein geachteter Beruf?”

“Polizeipräsident? Aber ja doch!”

“Nein. Ich meinte, das was ich tun werde!”

“Menschen werden zu ihnen aufschauen!”

“Was für Menschen?”

“Im ersten Lehrjahr nur kleinwüchsige Falschparker, die ihnen Tiernamen geben. Aber denken sie nur mal an die Aufstiegschancen!”

“Ich danke ihnen von ganzem Herzen!”. Seine Brust schwoll bedrohlich. Der Kommissar bemerkte es.

“Sie haben da eine Schwellung.”, sagte er.

“Oh! Tut mir leid. Ich mußte wieder an meine Schwester denken. Trotzdem, noch mal vielen Dank! Ich gehe dann jetzt!”

“Ja, ist wohl nicht zu ändern!”. Bredenbeck hasste lange Abschiede und drehte das Fenster wieder
vor sein Gesicht. “Wollen sie mein Assistent werden?”, fügte er leise dahinter.

“Kein Scheiss?”

“Nein”, sagte der alte Kommissar so kurz, wie es ein Wort mit vier Buchstaben eben zuließ.

“Keine kleinwüchsigen Falschparker?”

“Ich biete ihnen nur einen Job. Nach Feierabend können sie Sex haben, mit wem sie wollen.”

“Was wäre denn meine Aufgabe?”

“Für den Anfang: Endlich Kaffee kochen, meine Schuhe mit ihrem Assistentenhintern immer schön glänzend bohnern und ab und zu den Wagen rausfahren.”

“Gemacht!”

“Eine Frage noch!”, hakte der Kommissar hinter, “darf ich sie Günzel nennen?”

“Sie dürfen mich sogar Herr Günzel nennen!”

Beide Männer fielen sich weinend in die Arme.





"Kommissar Bredenbeck geht auf und ab" © , publiziert: ~28. Feb 2004
1961 Geburt | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 1999 www.onkelhoste.de wird geboren _|_ 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons _|_ 2000 Idee für Buch wird geboren, SciFi-Satire "Sonnenwind & Salmonellen" (leidlicher Fortschritt....) | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

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