Kommissar Bredenbeck pfeift
Kommissar Bredenbeck saß an seinem nußbaumfarbenen Schreibtisch und wippte nervös wippend mit dem Oberkörper vor und zurück, unfähig, auch nur einen einzigen Gedanken beim Schopfe zu packen. Ein fahles Licht kegelte aus einer von vielen Jahren gebeugten Schirmlampe auf eine kleine transparente Plastiktüte, in der sich ein Etwas befand. Sein unwohler Assistent Günzel trat verlegen mit einem Bein auf dem Anderen herum. Der Kommissar sah zu ihm auf, seine Augen genretypisch zu schmalen Schlitzen verengt.
“Was sagen sie dazu, Günzel?”, fragte er.
Günzel zuckte zusammen. Er hasste es, Günzel genannt zu werden. Andererseits war genau das sein Name. Bredenbeck wusste das, hatte ihn aber nie nach seinem Vornamen gefragt. Er hasste auch die Frage “Was sagen sie dazu, Günzel?”. Auch das war Bredenbeck durchaus bewusst. Beide Tatsachen spielte der Kommissar geschickt aus. Alle Abneigungen, in einem kurzem Satz zum Ausdruck gebracht, spiegelte das Verhältnis beider Männer zueinander wieder.
“Weiß nicht, Chef!”, parierte Günzel.
Jetzt war es an dem alten Kommissar, die Fäuste unter dem Tisch zu Ballen zu formen. War Günzels Unwissenheit gespielt? Wusste er doch etwas? Hatte er ihm all die Jahre etwas verheimlicht? Bredenbeck hasste die Antwort “Weiß nicht, Chef!” und Günzel wusste das. Bredenbeck wusste, dass Günzel es wusste und hasste ihn dafür umso mehr. Dafür wiederum hasste ihn Günzel, der wiederum … Drei Punkte und ein verdammter Teufelskreis.
“Wir haben hier ein Motiv!”, keuchte Bredenbeck und wies mit der Spitze eines Bleistifts angewidert auf den Inhalt der Plastiktüte. Günzel hielt es für besser, den Unwissenden zu spielen.
“Das ist gut!”, konstatierte er wie vielleicht ein dummer Schuljunge.
Bredenbeck biss sich auf die Lippe. War sein Assistent vielleicht ein dummer Schuljunge? Mein Gott, wie viele Jahre hält meine Lippe das noch durch? Und: Muss ich erst eine Untersuchung einleiten, um zu erfahren, wie Günzel mit Vornamen heißt? Er beschloss, ihm eine Falle zu stellen.
“Und?”, fragte er süffisant, “fehlt uns vielleicht was?”
Günzel gab seinem Impuls, einen billigen Witz zu reißen, nicht nach, obwohl er einen Guten parat hatte. Er wusste, dass Bredenbeck das erwarten würde und allein deswegen durfte er jetzt keinen Fehler machen.
Der Kommissar starrte ihn an, wie ein wildes, gieriges Tier. Sag es!, zischte seine innere Stimme. Antworte mit: “Ja, Herr Doktor, ich habe hier auf der linken Seite so ein Stechen!”. SAG ES ENDLICH!
“Die Tat fehlt!”, sagte Günzel unvermittelt. Die Leser jedenfalls hatten nicht damit gerechnet.
Bredenbeck wich entsetzt zurück. Günzel weiß mehr, als ich ahnte!, durchfuhr es ihn in mit atemlosen Schrecken. Er musste einen Informanten haben. Ein entsetzlicher Gedanke. Bredenbeck ertappte sich dabei, nicht zu wissen, was genau der Gedanke bedeutete. Er hatte nicht vor, das jemanden zu erzählen. Die Welt war noch nicht reif dafür.
Beide Männer starrten einander eine Weile an. Jeder musterte den Anderen. Zwischen ihnen auf dem Schreibtisch lag, in einer transparenten Plastiktüte, das Motiv. Mahnend, fordernd, beide Männer spürten das. Bredenbeck beugte sich nach vorne, bereit, seinen letzten Trumpf auszuspielen, ohne Günzel spüren zu lassen, dass es sein Letzter war. Er wollte eben unter den Tisch krabbeln, um ihn unbemerkt aus dem Ärmel ziehen zu können, als das Telefon klingelte.
Kommissar Bredenbeck?, krächzte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Der Angesprochene überlegte, ob er die Situation ausnutzen und seinen Gesprächspartner noch ein wenig zappeln lassen sollte. Ein zappelndes Geräusch im Lautsprecher riss ihn schließlich aus seinen sadistischen Gedanken.
“Hier Kommissar Bredenbeck!”, antwortete Kommissar Bredenbeck, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Eine einzige rhetorische Finte und er hatte das Gespräch wieder in der Hand! Der Kommissar verdrängte errötend narzisstische Gedanken und hasste sie dafür, dass sie sich so leicht abschütteln ließen. Er versuchte ihnen noch kurz hinterher zu schwelgen, aber es gelang ihm einfach nicht.
Er sah zu Günzel herüber, der zu Bredenbeck herüber sah. Beide Männer bemerkten die peinliche Situation, die sich voll in ihrem Element befand. Ein erneutes Zappeln lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich und seinen Verursacher.
Wir haben hier einen sonderbaren Fall!, krächzte die Stimme aus dem Hörer wieder, wir haben eine Tat, aber kein Motiv! Haben sie nicht zufällig eins für mich?
Kommissar Bredenbeck grinste in den Telefonhörer. Günzel bemerkte es und hasste ihn auch dafür. Er versuchte mit einem eigenen Grinsen zu kontern, was ihm nachhaltig misslang, weil ihm mittendrin einfiel, dass er keinen Grund dazu hatte. Günzel fasste zerknirscht den Beschluss, sich einen eigenen Telefonhörer zuzulegen, um seine Chancen zu verbessern.
“Ein Motiv? Vielleicht habe ich das!”, gluckste Bredenbeck selbstverliebt in den Hörer. “Günzel kann es ihnen gleich vorbeibringen! Guten Abend und grüßen sie meine Frau von mir! … Nein, nein, von meiner Seite kein Problem, es kann ruhig später werden. Sagen sie ihr einfach, sie soll leise sein, wenn sie kommt! … … Ja, das kann durchaus mehrfach vorkommen!”. Bredenbeck und der Hörer waren gut aufgelegt.
Günzel stand wie erstarrt vor Bredenbecks Schreibtisch, mehrere Hände zur exakt gleichen Anzahl Fäusten geballt. Er fühlte sich ausgelaugt, alt, frustriert, verraten, benutzt, gedemütigt, einsam, hintergangen, zum einfachen Laufburschen degradiert und … Er fragte sich verzweifelt, warum er es niemals zur gehobenen Laufburschen-Laufbahn gebracht hatte. Außerdem waren ihm vor lauter Aufregung die Aufzählungen ausgegangen. Er riss seine völlig überraschte Dienstwaffe aus dem Halfter.
“Das ist mein … “, keuchte er und fuchtelte mit seiner Pistole vor Bredenbecks Gesicht herum, ” … Motiv und ich werde es jetzt einfach an mich nehmen!”. Er hasste unvollendete Sätze.
“Damit kommen sie nicht weit, Günzel! Und hören sie auf zu fuchteln!”, bellte Bredenbecks unbeeindruckt und sprang auf.
“Nein, Bredenbeck! Diesmal nicht!”. Günzels Stimme überschlug sich polternd. “Sie wissen gar nicht, was es mir bedeutet, ein gutes Motiv zu haben. Schon als Kind habe ich mir eins zu Weihnachten gewünscht, aber immer nur eine billige Ausrede bekommen. Rufen sie den wachhabenden Beamten wach! Ich will einen Fluchtwagen!”
Ein Schuss fiel. Günzel sah leicht konsterniert aus, auch weil er nicht wusste, was das Wort bedeutete. Er fuchtelte noch etwas Unverständliches, dann fiel er zu Boden. Das Motiv nutzte die Schlüsselszene, entglitt seinen Händen, rollte über den Boden und kam vor Bredenbecks Schuhen zum Erliegen. Den Mantel des Kommissars zierte ein weiteres Loch in Höhe der rechten Seitentasche. Eine Untersuchung würde klären müssen, wie er so schnell in den Mantel gekommen war, der drei Meter entfernt an der Garderobe gehangen hatte, woher die 37 Löcher in Höhe seiner rechten Seitentasche kamen und woran seine letzten 37 Assistenten gestorben waren.
Kommissar Bredenbeck betrachtete lange Günzels Gesicht, der seinen Blick nicht erwiderte. Wie mochte er wohl mit Vornamen geheißen haben?, dachte Bredenbeck kursiv. Dann steckte er sich das Motiv ein und ging pfeifend aus seinem Büro, um nach seiner Frau zu sehen.
"Kommissar Bredenbeck pfeift" © onkelhoste, publiziert: ~28. Feb 2004







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