Noch schlichter.    



Der Mann kommt auf mich zu und blitzt mich mit seinen weißen Zähnen an.

“Puh” entfährt es mir in Gedanken, sieht der gut aus. Aber nein – jetzt bloß nicht von Oberflächlichkeiten blenden lassen.
“Stell’ Dir vor mein Kind”, sagt dann meine Oma, “Du bist blind. Würdest Du ihn dann genauso toll finden?” Boah Omma, was ist denn das für’n Mist? Das denke ich natürlich nur und sag’s nicht.

“Hm hm”, mach’ ich.

Ich bin aber nicht blind. Ich sehe sehr gut und besonders gestochen scharf sehe ich seine muskulösen Oberarme unter seinem T-Shirt. Plänkel plänkel, diddel daddel quatschen wir ein bisschen Smalltalk. Ich: nervös – sehr nervös. Und sorry – sehr scharf auf den Macker. Meine Hormone fahren Achterbahn. Seit wann das denn eigentlich? Ich habe keinen Schimmer, seit wann ich so schnell reizbar bin – und zwar in jede Richtung (Tränenausbruch beim Bäcker, weil kein Rosinenbrötchen mehr da…).

Er: cool – sehr cool. Und irgendwie kein bisschen scharf auf mich. Shit! Mach’ ich mich jetzt zum Affen und balze hier peinlich rum oder bin ich ganz cool und schmeiße mich mit dem Rücken an die nächste Häuserwand, sobald ich um die Ecke bin?

Ich überlege hin und her: Zum Affen machen – cool bleiben – zum Affen machen – cool bleiben. Wie in “Lola rennt”. Aber jetzt heißt es nur “Macker pennt”, weil der Typ einfach nichts rafft. Ich balze mir ‘n Wolf und bin charmant, blendend, witzig, toll. Und er erzählt mir total tumb von irgendwas, was ich gleich wieder vergessen habe.

Ich werde nervös. Der Gesprächsstoff geht uns aus, es wird nicht mehr lange dauern und wir sagen “Tschüß, du, bis dann” und ich hab nicht bekommen, was ich wollte und er hat nichts gerafft. Und während mir die gesamte Etikette des Benehmens durch den Kopf und die Lappen geht ist der Punkt erreicht: “Tschüß, du…” und so weiter. Benommen bleibe ich zurück und versuche, den Adrenalinschock zu verdauen.

 

Am Abend erzähle ich das meiner Omma. Den Teil mit dem Scharf-sein lasse ich natürlich weg.
Omma lacht nur und sagt “Ja, dachtest du denn, Männer merken so was von allein?”

Ich nicke wissend.
“Nein”, seufze ich, “natürlich nicht”.

“Sie sind noch schlichter” sagt sie und kichert.





"Noch schlichter." © , publiziert: ~16. Feb 2004
Geboren im schönen Süd-West-Afrika + mit unfassbar vielen Talenten beseelt, die allesamt nichts mit Kunst, aber umso mehr mit Unterhaltung und Pragmatismus zu tun haben + z.B. Tanzen und Singen (in echt!) + oder Haare schneiden (wirklich!) + künstlerisch ansonsten völlig unbegabt (kann Malen nach Zahlen) alle möglichen Berufe und Nichtberufe ausgeübt + lebt mal in Köln, mal in Hamburg . einfach so.

Abgestempelt als: Story, , , , , , ...

Beitrag , twittern oder facebooken,
Beitrag kommentieren oder trackbacken.

Themenwolke: abrechnend absurd angst drogen enden erinnern essen global hass humoristisch idylle leben liebe menschen menschlich moderne oben politik rituale schreiben schuld sex sinn spass surrealseltsam tod trinkend tristesse TV urban verbrechen weise ZMK_Exponate

Bisher kein Kommentar.

Hinweis an Kommentarspammer: Nein! Weg! Pscht! Ksst! Aus! Bäh! Schämen Sie sich!

Ihr Kommentar

*

Ausstellungen:

Hanna Scotti: Ausstellung Wortbilder


Hanna Scotti

Wortbilder

Text auf Foto

Frisch:

Kai Roßmann: Unternehmen Vlad

Unternehmen Vlad

Als mein Vater erfuhr, dass sie Prostituierte in Hahnenkostüme steckten und solange kämpfen ließen, bis eine tot war, ging er im ...
Fluff (Bild: Durkee Mower Inc.)

Yankee-Sugar

Er heißt Rolf, aber alle nennen ihn Yankee-Sugar oder auch einfach Sugar. Sugar ist eine internationale Größe im Affiliate-Marketing, aber leicht ...
Refraktärphasen

Refraktärphasen

Du lebst in einer mittelgroßen Stadt. Was machst du hier? Du gehst einkaufen, du spülst, du putzt deine Wohnung. Du isst. ...

Klassiker aus Krimi/Remix:

Damen stricken Socken

Socken für Dimitrij

„Im Winter beschwert ihr Männer euch, dass keine da sind. Du hast es erledigt, Dimitrij?“ ... …

Kommissar Bredenbeck steigt aus

Günzel scheuchte das Einsatzfahrzeug mit 90 Sachen die Strasse hinauf. Kommissar Bredenbeck durchsaß derweil den ... …

hygienebedarf (drogerie-markt-mix)

mir war aufgefallen, dass super-flaush 4-lagig sich schneller verbrauchte als das schleifpapier der firma, das ... …

Stoiber Swinger Sehnsucht

"Der Kandidat ist da. Und natürlich trinkt er, aber nur einen kurzen Schluck. Viel häufiger ... …


Literarische Blogroll:


 

snowflake snowflake snowflake snowflake snowflake