Mein erster linker Fuß    



fuss_aniDie Bühne ist mittig durch eine Wand geteilt. Links ein Schlafgemach, rechts eine Küche, in der eine alte Frau Putzarbeiten ausführt. Die Einrichtung ist schlicht, aber nicht schäbig. Keine Musik.

Der Mann wird langsam wach. Er dreht sich eine Weile mit halb geschlossenen Augen im Bett hin und her, als könne er das Unvermeidliche noch ein wenig hinauszögern. Er vermeidet es, zum Wecker zu sehen, diesem unerbittlichen Sklaventreiber, der auf seinem Nachttisch thront und selbst heute am Sonntag sein Denken dominiert. Die Minuten verstreichen, dann richtet sich der Mann schwerfällig auf und schwingt seine Beine über den Rand des Bettes. Er sitzt wiederum eine Weile mit gesenktem Kopf und blickt stumm auf ein paar Socken, die vor ihm auf dem Boden liegen.

Er beugt seinen Oberkörper nach vorne, streckt seinen linken Arm, ergreift die Socken, hebt sie vor die Augen, dreht sie nachdenklich hin und her und legt sie schließlich in seinen Schoß. Dann fixiert er eine Weile lang in völliger Bewegungslosigkeit einen imaginären Punkt in der Ferne. Er ergreift die Socken erneut, krempelt sie auseinander und beginnt, sie über seine Füße zu streifen. Mitten in der Bewegung hält er inne. Ein Seufzer entfährt ihm. Er steht auf, legt die Socken auf das Bett, wirft seinen Morgenmantel über und geht zur Tür, an die er klopft.

Die Frau hört das Klopfen und geht zur Tür. Sie öffnet sie einen Spalt, kneift die Augen zusammen und erkennt ihn dann. Er tritt ein, geht wortlos hinter der alten Frau her in die Küche und setzte sich an den kleinen Tisch. Sie holt eine zweite Tasse aus dem Schrank und gießt ihm einen Kaffee ein. Es entspannt sich ein kleiner Dialog. Der Mann erzählt, während er gedankenverloren in die Tasse starrt und von Zeit zu Zeit an ihr nippt, die Frau wiederum fährt mit ihrer Arbeit fort.

fuss_ani-1Mann: “Mein linker Fuß ist größer als der Rechte!”

Frau: “Früher hätte es das nicht gegeben!”

Mann: “Das ist schon länger so, vielleicht sogar mein ganzes Leben. Der rechte Socken läßt sich mühelos überstreifen, die Linke nicht. Das Gummi wird straff und klemmt mir die Finger ein. Ich muß mein Bein anziehen und es wegdrücken und dann rutscht mir der Stoff aus den Händen. Die Haut ist dort dann minutenlang gerötet und es juckt.”

Frau: “Der Schulz läßt seinen Hund das Geschäft in das Beet vor dem Haus machen!”

Mann: “Im Stehen brauche ich es erst gar nicht versuchen, dann verliere ich das Gleichgewicht!”

Frau: “Und die Schlampe aus dem dritten Stock hat schon wieder einen neuen Kerl. Flaschengeklimper und Negermusik hört man zu nachtschlafener Zeit! Zustände sind das!”

Mann: “Ich hab schon versucht, die Socken zu tauschen. Ich hatte die Idee, daß die eine Socke, die außen herumgekrempelt ist, mehr gedehnt wird und sich so leichter über den Fuß streifen läßt. Die andere Socke im Inneren ist dann zusammengezogen und geht eben schwerer drüber.”

Die Frau läßt Wasser ins Spülbecken einlaufen, spritzt eine große Portion Spülmittel hinterher und stellt schmutzige Gläser unter den heißen Strahl.

Mann: “Aber auch die andere Socke paßt nicht. Also muß es doch mein linker Fuß sein!?”

Frau: “Pack, verdammtes!”

Angewidert wirft sie das Besteck ins Wasser.

Mann: “Das Komische ist jetzt, das meine Füße mir ohne Socken beide gleich gut in meine Schuhe passen. Ich kann das aber nicht genau überprüfen, weil es bei Schuhen anders als bei Socken ja Rechte und Linke gibt. Ich kann also nicht mit dem rechten Fuß in den linken Schuh steigen und anders herum. Ich hab das aber mal versucht und meine, daß das gleich schwer geht. Ich habe das bei mehreren Paaren versucht, aber ein Beweis ist das noch nicht! Also habe ich was Anderes versucht. Ich habe die Socken morgens angezogen und mir gemerkt, welche Socke außen war und welche innen. Dann habe ich die Socken angezogen und die über dem Linken war natürlich wieder zu klein und dann habe ich die Socken wieder zusammengekrempelt, aber diesmal die Socke, die vorher außen war, nach innen und die Innere drumherum.”

Der Mann schaut zu ihr auf, als erhoffe er sich eine Reaktion. Sie putzt ungerührt und akribisch die Kacheln über dem Herd.

Mann: “Ich habe natürlich die Zeit gemessen, damit die Socken jeweils gleich lang zusammengekrempelt waren. Mit dem selben Ergebnis.”

Der Mann senkt den Kopf, zieht die nackten Füße aus seinen Filzlatschen und betrachtet sie voller Abscheu.

Mann: “Es wäre mir peinlich, mit zwei verschieden großen Füßen durch die Welt zu gehen. Es kann kein großer Unterschied sein. Man kann ihn ja nicht mal sehen. Trotzdem merke ich es an den Socken. Die Socken verraten es. Ich meine, daß sowas nicht richtig ist. Das sollte nicht sein. Mich beschäftigt das schon eine ganze Weile, aber mir fehlt immer noch der Beweis. Das ist unerträglich für mich!”

Der Mann ist sichtlich verärgert. Eine längere Pause entsteht, bevor er erneut zu sprechen beginnt.

fuss_ani-2Mann: “Mutter?”

Die Angesprochene erstarrt in der Bewegung und putzt dann weiter.

Frau: “Ja?”

Mann: “Gibt es etwas über meine Füße, daß ich wissen muß? Ich meine, etwas, das du mir nie sagen konntest?”

Sie dreht sich langsam um und betrachtet ihren Sohn mit dem sorgenvollen Gesicht einer Mutter. Dann besinnt sie sich und dreht sich wieder zur Spüle, um ihre Arbeit fortzuführen.

Mann: “Mutter! Bitte ! Ich muß es wissen!”

Sie antwortet sehr leise.

Frau: “Dein linker Fuß gehörte nicht immer dir!”

Der Mann erstarrt, unfähig, die wilden Gedanken, die durch seinen Kopf jagen, in Worte zu fassen. Seine Mutter kommt ihm zuvor.

Frau: “Ich wollte es dir schon lange sagen. Wir wollten dir ein normales Leben ermöglichen und …!”

Mann: “Daß heißt, ich bin mit nur einem Fuß auf die Welt gekommen!?”

fuss_ani-3“Nein!”

Die Frau stößt die Antwort hervor. Tränen laufen ihr über die Wangen.

Mann: “Also doch zwei Füße? Das verstehe ich nicht. Hatte ich einen Unfall? Was wurde aus, also, meinem ersten linken Fuß?

Frau: “Wir wissen es nicht. Eines Morgens war er nicht mehr da. Dein Vater hat das nie verstanden und begann zu trinken. Ich verstand es auch nicht, aber wir hatten nicht genügend Geld, um beide zu Alkoholikern zu werden. Er verlor schließlich seine Arbeit. Es war eine schwere Zeit, doch eines Tages lasen wir in der Zeitung von einem Arzt aus Amerika, der Spezialist für Fußtransplantationen war. Wir fanden dann schließlich auch einen Spender. Ich verkaufte meinen Schmuck und die ganzen leeren Flaschen und so konnten wir uns die Operation leisten. Er ist größer als dein Rechter, aber es ist ein guter Fuß!”

Der Mann verfällt in andächtiges Schweigen und nickt schließlich. Sein Gesicht hellt sich auf.

Mann: “Danke, daß du mir die Wahrheit gesagt hat, Mutter. Ich hatte ja keine Ahnung. Es ist in Ordnung. Unter diesen Umständen macht es mir nichts mehr aus, daß er größer ist als der andere. Ich werde ihn lieben wie meinen eigenen Fuß!”

Ein erneuter Schatten fällt über ihr Gesicht.

fuss_ani-4Frau: “Das ist noch nicht die ganze Wahrheit, mein Sohn!”

Mann: “Was noch?”

Frau: “Der verkaufte Schmuck reichte bei Weitem nicht aus, alles zu bezahlen: Die Formalitäten, die Operation, die Pediküre. Was soll ich dir sagen: Der Fuß ist nicht gekauft, sondern nur gemietet!”

Der Mann springt auf, die Tasse geht dabei auf dem Boden zu Bruch.

Mann: “WAS?”

Frau: “Es ist wahr. Dein Vater ist nicht mehr da und meine kleine Rente reicht nicht für Beides. Ich kann die Raten nicht mehr bezahlen. Wir müssen den Fuß noch in diesem Jahr zurückgeben!”

Der Mann geht zur Spüle und legt die Hände auf seiner Mutter Schultern.

Mann: “Gräme dich nicht! Dann muß ich meinen eigenen Fuß wiederfinden!”

Die Frau zittert vor Überraschung und Freude.

Frau: “Du willst …?”

fuss_ani-5Der Mann dreht sich ruckartig um und geht zur Tür.

Mann: “Ja, Mutter. Ich weiß nicht, warum mein Fuß mich verließ. Aber ich gehe hinaus in die Welt und werde ihn finden!”

Er verlässt die Küche erhobenen Hauptes und zieht die Tür hinter sich zu. Die alte Frau dreht sich wieder zur Spüle, zieht den Stöpsel heraus und versteigt sich in einen letzten kurzen Monolog.

Frau: “Ja, guter Junge, geh nur und such deinen Fuß! So wendet sich alles zum Guten. Ich hätte es nicht über mein Herz gebracht, ihm zu sagen, das er derjenige war, der eines Tages verschwand und nur sein linker Fuß zurückblieb.”

Vorhang und Ende.





"Mein erster linker Fuß" © , publiziert: ~29. Jan 2005
1961 Geburt | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 1999 www.onkelhoste.de wird geboren _|_ 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons _|_ 2000 Idee für Buch wird geboren, SciFi-Satire "Sonnenwind & Salmonellen" (leidlicher Fortschritt....) | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

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