Ländliche Idylle, Sonntag    



Ein todmüder Stern, der die ganze Nacht wie blöde rumgefunkelt hat, kollabiert dem Horizont entgegen, der es immerhin zu einem Teilzeitjob gebracht hat, aber so richtig glücklich damit auch nicht ist.

Die ersten Sonnenstrahlen krallen sich mühsam und kraftlos am Gebirge fest und ziehen sich schnaufend über den Grat, um auf der anderen Seite geräuschvoll in ein karges Tal zu kotzen und die ortsansässige Flora und Fauna aus dem Schlaf zu holen.

Ein eingebildeter, weil unter Naturschutz stehender Singvogel hebt den Kopf und hupt demonstrativ falsch ein paar Lieder aus dem Gedächtnis, um allen anderen Vögeln, die ihn zu hören gezwungen sind, komplett die Laune zu versauen.

Eine Biene, die über den Rand einer Butterblume auf die Wiese schifft, verliert das Gleichgewicht und legt sich filmreif auf die Fresse. Am Abend wird sie im Bienenstock einen besonderen Tanz aufführen, um davon zu berichten, aber alle anderen Bienen drehen ihr den Arsch zu.

Eine Kuh, die nie Mitglied der europäischen Gemeinschaft werden wollte, furzt infernalisch. Die entstandene Methanwolke verflüchtigt sich schnell, aber ein paar mit Schallgeschwindigkeit ausgestoßene Plocken erlegen emotionslos eine allein erziehende Schmeißfliege.

Die Frühschicht der Ameisenpatrouille singt wenig schmeichelhafte Lieder über ihre nymphomanische Königin, wovon diese Wind bekommt und später die Todesurteile für den gesamten Truppenteil unterschreibt, während die königlichen Befruchter auf ihr schwitzen.

Schließlich erhebt sich die Sonne stöhnend über die Berge, was die genervte Fauna nötigt, sich angewidert abzuwenden. Die Flora bereut, dass sie phototrop wurde und sich das Elend mit ansehen muss. Das einst so stolze Zentralgestirn selbst ist ziemlich angepisst, weil die Creme, die sie gegen ihre Flecken nimmt, keinerlei Wirkung zeigt.

Der Tau auf dem Gras verdampft mit einem hässlichen Knistern, das nur die Horde Zecken wahrnimmt, die aus niederen Beweggründen durch das Gras stolpert und sich gegenseitig auf polnisch beschimpft.

Kleine Anmerkung Eins: Im Verlaufe des Tages werden hier im Tal Tausende Viecher von Blumen fallen, unter Kuhfladen begraben, in Ermangelung eines lebenswichtigen Elementes aufgeben oder schlicht und ergreifend auf der Speisekarte eines anderen Viechs auftauchen, bis die Sonne hinter die Berge kippt und die Überlebenden artgerecht ins Koma fallen. Bis auf ein paar nachtaktive Fresser, die den Kanal nicht voll bekommen können, ist nun endlich Ruhe im Karton.

Kleine Anmerkung Zwei: Die meisten in diesem Stück Schrift vorkommenden Protagonisten verhalten sich allein aus Unkenntnis der Existenz eines Beobachters ganz und gar atypisch. Andere wiederum verhalten sich vorsätzlich atypisch, weil unbedachte Lyrik oftmals leichtfertig über die existenziellen Probleme der Betreffenden hinwegsieht und diese keinerlei Anstalten unternehmen, irgendwelchen Klischees zu entsprechen.





"Ländliche Idylle, Sonntag" © , publiziert: ~28. May 2005
1961 Geburt | 1980 Gründung von AmA (Art meet Art). Zeichnungen und Collagen | 1985 erste literarische Gehversuche | 1990 mehrere kurze SciFi-Stories ernsterer Coleur | 1993 erste satirische Stories | 1999 www.onkelhoste.de wird geboren _|_ 2000 Erstkontakt ZYN!, bis zum Ende über 200 Texte und ein paar Cartoons _|_ 2000 Idee für Buch wird geboren, SciFi-Satire "Sonnenwind & Salmonellen" (leidlicher Fortschritt....) | seit 2001 diverse Kapriolen bei Kaschemme.de

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