Jetzt kein Foto    



Jetzt kein Foto
Als das Gefühl siegte.

Sie war Journalistin. Hatte Laptop und Kamera immer dabei. Ständig auf der Jagd nach Geschichten und Bildern. Sog alles in sich auf. Recherchierte nach. Interviewte. Schrieb. Baute ein Netzwerk zu ihren Informanten auf. Produzierte Bilder. Tagesaktuelles war ihr Leben. Gestern aufgeschnappt. Heute recherchiert und produziert. Morgen in der Zeitung. Übermorgen schon wieder ein alter Hut. Fragte und hörte zu. „Die Geschichten liegen auf der Strasse“, meinte ihr Boss. Damals. Ganz zu Beginn. Als noch alles neu war. „Du musst sie nur aufklauben“, setzte er lächelnd nach. Sie probierte es. Mischte sich unters Volk. Sperrte Augen und Ohren auf. Entwickelte ein G’spür. Verließ sich zunehmend auf ihren Bauch. Und auf ihren Riecher.

Zeit war Geld.
Manchmal, wenn sie an einen Ort kam, roch sie die Geschichte schon. Spürte sie. Und schrieb sie. Andere Male musste sie die Spannung erst aufbauen, bis sie auf die Geschichte stieß. Dann entwickelt sich die Geschichte im Kopf. Zurück in der Redaktion noch eine Nachrecherche. Dann klopfte sie die Geschichte schnell runter. Ging manchmal ganz schnell. Dem Chefredakteur konnte es nie schnell genug gehen. Das eine oder andere Mal musste sie beim Boss um ihre Geschichte kämpfen. Viele belächelten sie. Andere fragten: „Warum tust du dir das überhaupt an?“ Wurde sie belächelt, lächelte sie zurück. Den Fragenden gab sie Antwort: „Weil es spannend ist.“ Las viel. Nicht mehr so viel wie früher. Als Philosophie-Studentin las sie alles, was ihr ins Auge stach. Der Abschluss ihres Studiums lag zwei Jahre zurück. Seither waren ihre Schläfen grau. Ist einfach so passiert. Im Laufe der Zeit. Vieles hat sich so ergeben.

Motiv mit Goldwert.
Heute fand sie sich auf einem Studentenfest wieder. Philosophen-Fest, genau genommen. Sie lehnte entspannt auf einer Ledercouch und atmete nikotingeschwängerte Luft. Störte sie nicht. Nichts konnte ihrer ausgezeichneten Laune was abhaben. Saß da und sagte nichts. Schaute dem Treiben zu und horchte in ihre Seele hinein. Ließ die Seele baumeln und träumte sich ihren Tagtraum. Spürte, dass das sie dabei war, etwas ganz neues in ihrem Leben anzufangen. Die schwarzen Tücher standen in vollkommenen Kontrast zu den weißen Tüchern. Die Wände waren mit Tüchern verhüllt. Rotes Licht flackerte. Die Musik dröhnte. Beine tanzten. Arme streichelten. Finger umhüllten Pappbecher mit warmen Bier. Gesichter lachten. Hände gestikulierten. Auf den Sofas lauter entspannte Gesichter. Auf der Tanzfläche schwitzende Körper. Der DJ starrte in seinen Laptop.

Emotion schlägt Kapital.
Urplötzlich musste sie lächeln. Hatte nur einen Gedanken: Dieses Bild, das sich ihr bot. Das war das perfekte Motiv. Es menschelte. Gefühle, Regungen, Empfindungen. Bewegung. Lichteffekte. Würde sie jetzt den Auslöser abdrücken, könnte sie vielleicht Kapital erwirtschaften. Sie packte ihre Kamera aus. Schaltet sie ein. Und wieder aus. Jetzt nicht. Gerade jetzt nicht. Würde sie jetzt fotografieren, das Bild wäre für immer aus ihrem Gedächtnis. Nichts wäre mehr so, wie sie genau jetzt empfand. Kein Geld der Welt sollte ihr diese Erinnerung stehlen. Sie packte ihre Kamera ein. Lehnte sich noch fester in die Couch zurück. Spürte, wie sich Ruhe ausbreitete. Das zu verlieren, war Kapital nicht wert.





"Jetzt kein Foto" © , publiziert: ~20. Jun 2005
ist Pressefotografin in Klagenfurt.

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