Prime Time 2045
“Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren aller Geschlechter, geschätzte Isomasten, dreiporige Kropfliebkoser und phototrope Quantenschmäher Daheim in den Petrischalen. Hier ist wieder ihr Larry Laffer und es ist 22:30 Uhr!”
(Donnernder Applaus vom Band)
” Heute bei mir im Studio begrüße ich Reverend Baltasynth Schrötsiedel der Überzeugte. Applaus für den Reverend!”
(Der Reverend betritt das Podium.)
“Hi Reverend!”
“Hi, Larry! Schön, hier zu sein!”
“Ehrlich?”
“Ganz ehrlich!”
“Wirklich ganz, ganz ehrlich?”
“Ja, Larry, echt!”
“Du weiß, ich mag’s nicht, wenn man mich belügt, nicht wahr?”
“Klar, Larry, weiß doch jeder!”
“OK, Reverend, setz Dich! Wie war die Reise? Äääh, Du weißt noch, was mit dem Letzten passiert ist, der mich belogen hat?”
“Natürlich Larry, ich hab’s in den Nachrichten gesehen.”
“Zur besten Sendezeit! Also, wir sind uns da einig?”
“Hey, Larry, wer bin ich, der Larry Laffer anlügt?”
“Reverend, ich mag Dich, verstehst Du, es wäre schade, wenn ich …!”
“Klar. Völlig klar. Keine Sorge. Ich hab’s verstanden. Eine ganze Wagenladung Deiner Anwälte hatt’s mir eben genau erklärt. Haarklein. Wenn das hier vorbei ist und alles taco läuft, kann meine Frau in einem Stück nach Hause. Hab’s kapiert. Kein Problem!”
“Also?”
“Oh, die Reise war großartig. Auf Raleka-B ist die Hölle los. Diese dreckigen Rebellen grillen alles, was den Gürtel passieren will. Hatte verdammtes Glück. Die Regierung von N45-JSOL will immer noch nicht verhandeln, obwohl die Aufständischen ihre Sonne in ihrer Gewalt haben. Das sieht gar nicht gut aus!”
“Ja, dumme Sache das. Was meinst Du? Supernova?”
“Ziemlich sicher. Die Dritte im Sektor diesen Monat!”
“OK, Reverend, … OK. Kommen wir nun zu Deinem neuen Buch, wie heißt das noch?”
“Nein, nein, Larry. Es ist nicht mein Buch!”
“Nein?”
“Ich bin eher der Verleger.”
“Aber wer hat es geschrieben?”
“Es ist das individuelle Kondensat eines jeden Menschen, der unsere Dienstleistung in Anspruch nimmt.”
“Reverend, du sprichst in Rätseln. Erzähl uns die Geschichte, aber erzähl sie gut!”
“Die Leute kommen zu uns, sie suchen Hilfe, Beistand, einen Weg aus dem Dunkel, Glauben. Wir geben ihnen ihr Buch.”
“Ihr Buch?”
“Klar. ihr persönliches Buch. Mit ihrem persönlichen Glauben.”
“Und was steht da drin?”
“Das, was die Leute ohnehin die ganze Zeit in ihrem Kopf herum geschleppt haben.”
“Ihr schenkt den Leuten ihre eigene Geschichte?”
“Klar.”
“Du lügst mich an!”
“Nein, Larry, keineswegs. Sieh mal: Die ewige, immerwährende Wahrheit ist tot. Kein Mensch glaubt mehr an einen Gott, den man nicht sehen kann und der einem nicht hilft, wenn’s mal kneift. Klar?”
“Klar.”
“Die persönliche Meinung hingegen stirbt nie. Das Vorurteil – nicht auszurotten, das kleine teuflische Ding. Was also was liegt näher, als die Menschen in dem zu bestätigen, was sie ihnehin schon immer geahnt haben? Und das auch noch in goldenen Buchstaben mit ledernem Einband?”
“Wie macht ihr das? Bescheißt ihr die Leute da nicht ein bißchen?”
“Keineswegs! Wir sagen den Leute genau, was wir machen. Dann schließen wir sie an unseren MARK-IV an …”
“Ihr habt einen MARK-IV? Den berühmten Neuronenquetscher? Der den Kelvin-Macrophargen die Invasionspläne entlockt hat?”
“JEPP!”
“WOW, Larry! Das ja’n Ding! Und was dann?”
“Nun, wir jagen die Sachen durch die Filter, setzen alles richtig zusammen, sakral angereichert und Voila: Drei Tropfen Klerikal nach dem Essen und DEIN Schöpfer spricht zu Dir mit Deiner eigenen Stimme!”
“Ne coole Sache, Reverend, wirklich! Aber macht ihr die Leute nicht zu Individualisten? Ich meine, jeder eiert in seinem eigenen Universum rum. Wie will man solche Leute führen und kontrollieren?”
“Larry, schau Dir doch mal den Dogmatismus der vergangenen Jahrhunderte an! Die Leute sind wie die Lemminge auf die Schlachtfelder gezogen, weil sie geglaubt haben, ihr Fatalismus führt sie direkt ins Paradies. Die eigene D-Denke ….”
“Reverend? Alles klar mit Dir? …? Hey, der Reverend ist irgendwie hinüber!”
(Zwei Techniker huschen auf die Bühne und tauschen den Reverend gegen einen absolut identischen Clon aus.)
“…war ausgeschaltet, weil alles fremdgesteuert ist von einem alten Mann mit Bart, der auf einer Wolke sitzt und Langeweile hat. Rückenmark in Reihenschaltung. Mit unserer Methode muß niemand mehr die Welt eroben, für einen Ideologie sterben oder den Sinn des Lebens suchen. Wenn ein Mensch glaubt, er sei Napoleon – na und? Wir geben ihm genau das Schwarz auf Weiß. Er muß aber nicht mehr durch Europa marschieren, er hält seine Geschichte ja bereits in Händen. Die Leute bleiben Zuhause, sind friedlich und konsumieren. Und darauf kommt es ja an.”
“Da Core!”
“Wenn wir eine Armee brauchen, suchen wir uns die Leute, die losziehen würden, aus der Datenbank.”
“Ihr habt eine Datenbank?”
“Wer nicht?”
“Stimmt. Also, laß mich das mal zusammenfassen: Ihr verkauft jedem Menschen seinen eigenen Glauben. Der Neuronenquetscher kondensiert die persönlichen Gedanken, Wünsche, Hoffnungen und Vorurteile und zieht sie auf Flaschen und …”
“… gießt sie in Buchstaben träfe es besser!”
” … gießt sie in Buchstaben ….!”
“… die sie derart zusammenhängend und geordnet selbst nicht formulieren könnten, ja. ”
“Reverend, ich muß sagen, das ist völlig durchgeknallt!”
“Und denk mal an die Kohle, Larry!”
“Schöne Geschichte das! Reverend, Du hast’s drauf! Eine Applaus für den Reverend”
(Donnernder Applaus vom Band. Der Reverend geht ab.)
"Prime Time 2045" © onkelhoste, publiziert: ~15. Jun 2005











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