Ein lebendig Begrabener    



Daniil Ivanovitsch Juvatschev behielt die Ruhe, als sie ihn verhafteten. Er kannte das. Bereits zum zweiten Mal in seinem Leben rissen ihn geheime Polizisten in aller Frühe aus dem Bett. Er wußte, diesmal würden die Staatsgangster ihn schnell wieder freilassen.

Nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion ließ Stalin Millionen vermeintliche Spione verhaften. Daniil Ivanovitsch war einer von ihnen, einer aus Leningrad, das die Deutschen gerade zu belagern, zu beschießen und auszuhungern begannen. Deshalb haßte Daniil Ivanovitsch die Deutschen.

Man warf Juvatschev in eine Einzelzelle. Dort hauste er zusammen mit Flöhen und Wanzen. Er ging die fünf Schritte der Zelle hin, und er ging sie zurück. Immer wieder. Das ging so lange, bis er ganz wirr wurde. „Aber“, sagte er sich, „besser im Knast als an der Front.“

Irgendwann öffnete sich die Zellentür nicht mehr. Keine weiteren Verhöre. Sie hatten ihn vergessen, und er wußte das. Daniil Ivanovitsch war ein kluger Kopf, einer, der den Hunger kannte. Man könnte die Zelle mit seinem Zimmer vergleichen, das ähnlich eingerichtet war: ein Bett, ein Stuhl, ein Bild. Aber in Freiheit ergab sich hier und dort die Möglichkeit, etwas Eßbares aufzutreiben, daß zwar den Hunger nicht vertrieb, aber am Leben erhielt. In Gefangenschaft war es anders, die Verzweiflung komplett. Das Zellenzimmer wurde zum Grab. Daniil Ivanovitsch Juvatschev verreckte, er verhungerte und verdurstete.





"Ein lebendig Begrabener" © , publiziert: ~30. Nov 2007
geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

Abgestempelt als: Story, Text, , , , , ...

Beitrag , twittern oder facebooken,
Beitrag kommentieren oder trackbacken.

Besuchen Sie auch:

Themenwolke: abrechnend absurd Alltag angst drogen enden erinnern essen experimentell global hass humoristisch idylle leben liebe menschen menschlich moderne oben rituale schreiben schuld sex sinn surrealseltsam tod trinkend tristesse TV urban verbrechen weise ZMK_Exponate
Bisher kein Kommentar.
Hinweis an Kommentarspammer: Nein! Weg! Pscht! Ksst! Aus! Bäh! Schämen Sie sich!
Ihr Kommentar

Ausstellungen:

Hanna Scotti: Ausstellung Wortbilder


Hanna Scotti

Wortbilder

Text auf Foto

Frisch:

Subway UBahn Animation

U-Bahn

Oh, Bahn Du mach(SSSSST!) mich an/aus/ R-Blick-N Aus-Mach-N Wort-N-"D"
Drink

Oscar Wilde’s Day At The Beach

Oscar Wilde’s Day At The Beach: 2 cl Gin / 2 cl Pastis / ....
Beobachter

Augenblick

In den Nächten, da träumen sie von den Gebüschen, aber nie würden sie darüber reden, denn ihr Reden ist zum Schweigen ...

Klassiker aus Story/Remix:

Plattenjugend

Gossenkinder

Panisch flogen die Vögel davon. Wir setzen uns auf den Tisch, die Schuhe auf die ... …
Fluff (Bild: Durkee Mower Inc.)

Yankee-Sugar

Er heißt Rolf, aber alle nennen ihn Yankee-Sugar oder auch einfach Sugar. Sugar ist eine ... …

Ein typischer Scheisstag in Los Angeles (Für deutsche Verhältnisse garnicht übel)

"U.S. Says 300 Fighters Killed Zum Bundesliga-Auftakt gehen die Lichter aus Job Growth Meager, Markets Stunned" …

271

die fenster ohne griffe KULTUR Amt für ohne Grenzen Einwohneramt Ausländerangelegenheiten für das multikulturelle Nürnberg …

hygienebedarf (drogerie-markt-mix)

mir war aufgefallen, dass super-flaush 4-lagig sich schneller verbrauchte als das schleifpapier der firma, das ... …


Literarische Blogroll: