Kommissar Bredenbeck steigt aus
von onkelhoste am 28. Februar 2009Günzel scheuchte das Einsatzfahrzeug mit 90 Sachen die Strasse hinauf. Kommissar Bredenbeck durchsaß derweil den Beifahrersitz und stellte bei der Beobachtung seines Fahrgeräusche imitierenden Assistenten felsenfest, dass Intelligent Design keinesfalls für die Entstehnung der Arten verantwortlich sein konnte.
"Er entkommt uns!", schrie Günzel die Frontscheibe an, die an manchen Stellen durchblinken ließ, dass sie Fahrer mit feuchter Aussprache hasste.
"Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, dass in Ihrem Leben etwas falsch läuft?", fragte der Kommissar nebenbeiläufig und kurbelte seinen Sitz in Liegeposition, um noch lässiger zu wirken.
"Was?", günzelte sein Sozius mit hochrotem Kopf zurück und schielte entlang einer gestrichelten Linie auf den Karton mit den Spitzfindigkeiten, den Bredenbeck im Schoß hielt.
"Oder anders gefragt:", fragte er anders, "sind Sie Veränderungen gegenüber aufgeschlossen?"
"Welche Veränderungen?", echote sein Assistent überzeugend ahnungslos.
"Zum Beispiel: Das dass von uns verfolgte Fluchtauto immer kleiner wird!"
Günzel durchwühlte vergeblich das Handschuhfach, um eine plausible Erklärung zu finden. Er formulierte in Gedanken ein vorsichtiges Weil es sich immer weiter entfernt?, wußte aber, dass er damit nicht durchkommen würde. Nicht bei Bredenbeck, dem mit allen Fahrwassern gewaschenen Kriminaler. "Weil es schneller ist als wir?", überraschte er sich selbst mit kursiver Schrift.
"Und was können wir dagegen tun?", fragte der Kommissar so gedehnt, dass seine Sehnen knackten.
Günzel fühlte, dass er sich vollens in die Enge getrieben fühlte und das lag massgeblich daran, dass sein Chef unbemerkt an seiner Sitzverstellung gespielt hatte, die ihn bedrohlich zwischen Rückenlehne und Lenkrad einquetschte.
"Ich weiß nicht!", erwiderte Günzel gepresst. "Haben sie vielleicht leihweise eine gute Antwort für mich?"
"Wie wär's mit: In den dritten Gang schalten?", grinste Bredenbeck eigenhändig. Dann nahm er sich einen Korb und begann die Früchte seiner raffinierten Verhörmethoden zu ernten.
Seinem Assistenten entfiel alle Farbe aus dem Gesicht, die sich platschend in den Fußraum ergoß. "In den dritten Gang schalten!", wiedergab der kleinlaute Günzel mehr klein als laut. Seine jahrzehntelange Fahrschulzeit lief in Zeitraffer vor seinem einzigen geistigen Auge ab: Die Eröffnung der Fahrschule, die Pensionierung ihres Gründers, die vom Verkehrsminister persönlich mit sorgenvollem Gesicht verlesene Strassenverkehrsordnung.
Günzel stoppte den Film, trat beherzt nach dem Kupplungspedal und betätigte den Schaltknüppel. Verschiedene, bis an die Zähne bewaffnete Zahnräder gerieten aneinander. Einige, von umsichtigen Autoherstellern ursprünglich für den Rückwärtsgang vorgesehene Teile bekamen überraschend den Einsatzbefehl und stürzten sich verwundert, aber pflichtbewußt ins Getümmel. Ein Rucken ging durch den schweren Wagen, als eine Reihe von Getriebeteilen durch die Motorhaube entkam und nach kurzer Suche das Weite fanden. Ein Schuß durchfiel die folgende Stille. Das Einsatzfahrzeug rollte langsam aus und kam am Bordstein zum Erliegen.
Minutenlang ergriff niemand das Wort, obwohl eine ganze Reihe davon zur freien Verwendung bereitgelegen hatten. Schließlich war es der Kommissar, der sich zum Sprechen anhob.
"Sie wußten, dass sie eines Tages während eines Einsatzes sterben würden, nicht wahr?", fragte Bredenbeck nicht wirklich interessiert aber trotzdem, nachdem er gelangweilt in seinem Fragenkatalog geblättert hatte.
Günzel fühlte sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut - zum Einen, weil er selbst darin steckte und zum Anderen, weil sich neben ihm noch eine Kugel darin befand.
"Ja!", ächzte Günzel final. "Aber dass mir das ausgerechnet in einem Fahrsimulator passsieren muß!"
Der kinderlose Kommissar nickte väterlich und verließ das Gefährt. Seine Waffe dachte noch lange nicht daran, mit dem Rauchen aufzuhören.




