Nicht heute, heute noch nicht    



Dein Leben begann irgendwann und entweder bist du dann schon 9 Monate lang jemandem ein Dorn im Auge gewesen oder man hat sich auf dich gefreut, und es sind durchaus Fälle bekannt, wo letzteres der Fall war.

blumen_350pxSo oder so gab es Diskussionen wegen dir, schon bei der Herstellung. Vielleicht wurde die Ehe vollzogen, das war früher noch üblich, möglicherweise gegen den Willen deiner Mutter, auch das war nicht selten. Vielleicht aber schien der Mond auf eine Stelle im Wald, oder die Sonne auf die Decke mit dem leeren Picknickkorb in der Wiese aus plattgedrückten Blumen. Auf der ein Paar sich liebte, und einer von beiden hatte Senf am Knie und sie mussten irgendwann lachen deswegen, ja selbst das ist nicht unmöglich, und die Diskussionen kamen dann erst später.

Vielleicht war dein Vater Alkoholiker und hat gar nicht mitbekommen, wie er seine Nudel in deine Mutter hineinsteckte und abspritzte, dumpfgesoffen, vielleicht war er aber auch tapferer Jagdflieger und zärtlich und voller Liebe und Respekt. Deine Mutter hat vielleicht wegen dir das Rauchen aufgehört und auch weniger Racke Rauchzart getrunken. Vielleicht auch nicht, und vielleicht wurde dann viel darüber diskutiert. Und über die Babywäsche. Ob du, wie dein Vater, ein Mann werden würdest, oder, wie deine Mutter, eine Frau. Denn das ist von Anfang an klar: Für das Grau dazwischen ist in der Welt von Rosa und Blau kein Platz.

Vielleicht hat ein Patenonkel für dich ein Sparkonto eingerichtet. Vielleicht hat dein Vater mehr gekegelt als sonst, vielleicht hat er eine Super8-Kamera auf den Bauch Deiner Mami gehalten oder sein Ohr.

Vielleicht. Du jedenfalls weißt davon nichts. Vieleicht war es eine tolle Zeit, mit sanften Lichttönen und tiefen Lauten. Vielleicht hast du nur im Fruchtwasser gelegen und gehofft, dass man dich nicht abtreibt, nicht heute, heute noch nicht.





"Nicht heute, heute noch nicht" © , publiziert: ~29. Jun 2009
(küntzlername 'stirnulator') ist autor, maler und fotograf und lebt in berlin | am liebsten schreibt er gebrauchstexte für die industrie, weil küntzla und adelige arm sind und dreck die meiste asche abwirft | findet den literaturapparat unappetitlich aufgeblasen - und fazinierend, jedenfalls den teil mit den texten

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