Merry-go-round
von onkelhoste am 21. Dezember 2009Heinrich Bessel stand im Regen und sah an sich herunter. Der müde Blick leerer, stumpfer Augen tasteten den Stoff seines Mantels nach Fusseln ab, so wie sie es jeden Morgen getan hatten, so viele Jahre lang. Eine stoisch ausgeübte, wiederkehrende Prozedur, akribisch eingeübt bis zur militärischen Perfektion. Erst dann, wenn das Bild stimmte, wenn alles gerade saß, der Kragen hoch, der Knoten des karierten Schals mittig am Hals und fest anliegend, ohne Faltenwurf im Stoff, erst dann drehte er den Schlüssel seiner Eingangstür herum und schlüpfte, nachdem er einen letzten prüfenden Blick zurück in die alte Wohnung geworfen hatte, durch den entstandenen schmalen Spalt, darauf bedacht, die Wärme der Heizung nicht entweichen zu lassen, ins Treppenhaus, um seinen Weg ins Büro anzutreten. Doch heute schien er den Regen nicht zu bemerken, der ihm in den Nacken lief, während er zusah, wie das Wasser, das in dicken, schweren Tropfen auf seine Schuhe klatschte, in kleinen Rinnsalen von den Spitzen perlte und zwanzig Stockwerke hinab vom Dach des Hochhauses in die Tiefe stürzte, vor dem sich langsam eine Menschentraube bildete.
Bessel schloss die Augen und legte seinen Kopf nach hinten, als wollte er ein allerletzes Mal den Regen auf seiner Haut spüren und der Wind, der seine wenigen Haare durcheinander wirbelte, sang dazu ein Lied in seinen Ohren, das nach Schmerz und Sehnsucht klang. Der Mann ballte die Fäuste und verlagerte sein Gewicht nach vorne, unendlich langsam, einem finalen Scheitelpunkt entgegen, bis er nach einem kurzen Augenblick eines scheinbaren Gefühls völliger Schwerelosigkeit kopfüber vom Dach kippte.
Myriaden von Gedanken überschwemmten ihn in Sekundenbruchteilen und von der Heftigkeit einer Explosion gleich. Das Gesicht seiner Frau manifestierte sich vor seinem geistigen Auge, während ihn brennender, verkrampfender Schmerz übermannte. Ihr Verhalten war nicht abweisend gewesen in den letzten Wochen, eher geheimnisvoll, mit einem leisen Lächeln in den Augen, die in unerwarteter Frische aufgeblüht waren, wie ein später, verirrter Frühling im Herbst des Lebens. Er war Fünfzig und hatte sie lange nicht mehr berührt. Kein Alter mehr für Gänsehaut und errötende Gedanken. Ein fremdes Verlangen musste sie gefangen halten, hatte er sofort gedacht. Der flüchtige Blick eines anderen Mannes vielleicht, geheimnisvoll und verheißend, für den sie heimlich ein Kleid anprobierte, dessen Versandhaus-Karton sie akribisch zerkleinert und in den Abfall gestopft hatte. Für den sie schneller als sonst und vor ihm zum Telefon gelaufen war, an dessen anderen Ende wohl möglich der Fremde war und ihr lüsterne, verbotene Dinge ins Ohr raunte, die sie verstohlen und flüsternd quittierte, während ihr Mann am Küchentisch saß und mit feinen, schnellen Strichen die Margarine vom Rand schabte, was sie seit jeher so fürchterlich pedantisch fand. Er ertappte sich bei dem aberwitzigen Gedanken, diesen Tick abzustellen und als er es bemerkte, verzog er sein Gesicht zu einem hässlichen, bereits dem Tod geweihten Grinsen, während er unaufhaltsam dem Boden entgegen fiel.
Ein Geräusch hinter ihm, leise, vorsichtig, kaum wahrnehmbar, ließ ihn aufhorchen. Er drehte sich herum und erblickte einen Polizisten an der Außentreppe, in sicherer Entfernung, in geduckter Haltung, abwartend. 'Ich bin heute fünfzig Jahre alt geworden! Viel zu alt für dich, um das hier zu verstehen!', dachte Bessel, als er in die panischen, unschlüssigen Augen des jungen Uniformierten sah, der schwer atmend an seinem Funkgerät herumfingerte und auf Instruktionen wartete, die nicht kamen und der schließlich, von Bessels stummen, bohrenden Blick verfolgt, über die Blitzableiter stolpernd den Rückzug antrat. Bessel dreht sich erneut zum Abgrund und bemerkte mit einer für ihn befremdlich anmutenden Zufriedenheit, dass es zu regnen begann.
Bessel hatte heute Morgen vor dem Spiegel seine Hände betrachtet. Die Falten auf den Handrücken, die fleckige Haut, die brüchigen Fingernägel, alle Attribute körperlichen Verfalls, unweigerliche Indizien des Niedergangs menschlicher Kraft, jugendlicher Energie und Lebenslust, eingebrannt auf seiner Haut, in seinen Gedanken und Erinnerungen. Heute wurde er Fünfzig. Er drehte sich und blickte minutenlang durch die halb geöffnete Schlafzimmertür auf seine schlafende Frau. Wie ruhig sie da liegt, als wenn nichts wäre, dachte er. Wer mochte der fremde Mann sein, wie hieß er, welcher Arbeit ging er nach? Was ist in der Tüte, die sie so sorgsam unten im Schrank versteckt hielt? Er schloss die Augen, als wolle er der Antwort nicht erlauben, zu ihm vorzudringen. Er verließ die Wohnung, ohne sie zu wecken, wie ein Dieb.
Er öffnete für einen winzigen Augenblick die Augen. Schemenhaft erschienen gleichförmige Linien in seinem Gesichtsfeld, die nahezu sofort wieder verschwanden, wie bei dem Anblick aus dem Fenster eines schnell fahrenden Zuges. Sein Gehirn brauchte einen weiteren Augenblick, um zu erkennen, dass jede Linie ein Stockwerk markierte, an dem er vorbei flog.
Und dann, nach unendlich lang erscheinender Zeit im freien Fall, voller Ungewissheit und Angst, der Ewigkeit zu begegnen und doch gleichermaßen eine Erlösung von allen weltlichen Dingen zu erfahren, in einem Höllenfeuer voller letzter, wahnsinniger Gedanken, die wie Tiere in ihm kämpften, brüllten und zerrten, gefangen in einem sterbenden Körper, die verlangten, herausgelassen und ausgesprochen zu werden, bevor alles Lebendige zu Ende geht, bevor sich der Geist verflüchtigt, um seinen Platz im Nichts einzunehmen, da verstand Heinrich Bessel mit einem Male.
Und während sein Kopf auf dem Boden aufschlug und sich sein Gehirn über den Asphalt verteilte, während seine Knochen zu Dutzenden unter dem Gewicht seines verzerrten Körpers splitterten, sich in sein Fleisch bohrten und seine Organe perforierten, zog seine Frau sorgsam den Ausschnitt ihres neues Kleides zurecht, sah auf die Uhr und kontrollierte ein letztes Mal den feierlich gedeckten Tisch mit den Geschenken.





bei uns in frankfurt taut es. ich wünsche ein schönes weihnachtsfest und ein gutes neues jahr.