Der Auftrag    



Und so sieht sich Seppo auf der Straße wieder, was ihm nicht bekommt. Eben hat er noch im sicheren Kontor gesessen, nun sieht er sich den möglichen Blicken vieler Menschen ausgesetzt.

Seppo saß gerade beim Frühstück, als sich die Tür öffnete: „Wedelmaier! Wahnweiler Markt 3, Kolonialkunst Rostbaum.“
„Alles klar, Chef“, und ab.
„Pichler! Altona, Sackgasse 7, bei Schwatzke.“
„In Ordnung“, geht.
„Und Sie, Seppo“, schmatzte die Chefschabe und blinzelte, „Sie fahren zur Hoheluftbrücke und springen dort ins Wasser!“
„Aber“, stotterte Seppo und ließ sein Wurstbrot fallen, „aber Chef, ich bin noch nie im Außendienst gewesen.“
„Sie sehen doch, wir kommen mit der Erledigung der Aufträge nicht mehr hinterher. Da müssen Sie mit ran.“
„Und die Verwaltung?“ flehte Seppo. Er stand auf und stammelte: „Wer kümmert sich darum?“
„Keine Sorge, da haben wir schon Ersatz.“
„Aber…Chef, Chef!“ heulte Seppo und sank auf die Knie. „Ich habe doch noch nie im Außendienst gearbeitet.“
„Lassen Sie sich nicht so gehen!“ barschte der Boss. „Kopf hoch, da müssen Sie jetzt durch!“ Und bevor die Chefschabe ihre Bürotür schloss und den Riegel ein für allemal vorschob, lugte sie ein letztes Mal zu Seppo, der zu Boden gesunken war, zurück. Unter Verzerrung der Gesichtsmuskeln zu einer Fratze drückte ihm das Insekt den Daumen.

springAls sich Seppo auf der Hoheluftbrücke stehen sieht, wird ihm ganz anders zumute. Er schließt die Augen und pumpt Luft in die verkrampften Lungenflügel. Ganz und gar nass geschwitzt hat er sich. Schließlich kann sich das Wasser nicht länger in der Blase halten. Es sickert durch den überforderten Muskel. Dann durchläuft ihn eine trügerische Ruhe und Klarheit. Plötzlich springt er über das Brückengeländer. Einige Passanten laufen zu der Stelle, an der sie ihn springen gesehen haben, aber nachdem die letzten Luftblasen auf dem Fluss zerstoben sind, geht jeder wieder seiner Wege.





"Der Auftrag" © , publiziert: ~10. May 2010
geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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