Wenn ich Kafka wäre, dann hieße es:    

Von


Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Durch Zufall kommt eines Tages ein Mann vom Lande zu diesem Türhüter und fragt, ob dieser ihn nicht in das Gesetz einlassen könne. Der Türhüter aber antwortet, dass er ihm jetzt nicht gewähren könne, einzutreten. Also fragt der Mann nach kurzem Überlegen, ob er später vielleicht eintreten dürfe. „Das ist möglich“, entgegnet der Türhüter, „nicht aber jetzt.“ Weil das Tor zum Gesetz aber geöffnet steht, wie es wohl immer geöffnet zu sein scheint, und der Türhüter zur Seite tritt, neigt sich der Mann, damit er durch das Tor ins Innere sehen kann. Der Türhüter merkt das, lacht und sagt schließlich: „Wenn du hinein willst, versuche doch, trotz meines Verbotes, einzutreten. Siehe aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der niederste Türhüter. Ich sage dir: von Saal zu Saal stehen Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon beim Anblick des dritten wird mir so übel, dass ich seine Gegenwart nicht einmal mehr ertragen kann.“ Derartige Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht vorausgesehen, das Gesetz soll doch jedem immer zugänglich sein, denkt er sich, und geht rastlos vor dem Tor hin und her.

Nach ein paar Stunden, in denen der Mann überlegt hat, fragt er: „Warum kommt kein anderer und bittet im Einlass?“ „Das Tor ist nur für dich bestimmt.“, antwortet ihm darauf der Türhüter und lacht. Plötzlich mit schäumender Energie geladen macht der Mann einen Satz zum Tor hinein und, obwohl ihn das gleißende Licht blendet, rennt ohne einen Gedanken an Luft und Licht zu verschwenden weiter, immer weiter. Auf seinem Weg kommt er durch viele Türen und Tore – alle bewacht und doch stehen sie ihm alle offen und lodern gewaltig im Licht. Er rennt gedankenlos. Er rennt getrieben. Eine unsichtbare Macht bewegt seine kräftigen Glieder. Alles rauscht vorbei. Aber wie er so rennt, scheint ihm der Sinn allmählich verloren und er fragt sich, was all dies Rennen solle.

Da hielt er an und überlegte, ob er nicht umkehren und den Wächter, den er vor einigen Jahren gesprochen hatte, nach dem Weg befragen sollte. Das Licht, das ihn die ganze Zeit über gestört hatte, hatte nun aufgehört zu scheinen. Um ihn herum war es nun eher dunkel und leer. Die riesigen Hallen waren schwarz und in ihrer Höhe unschätzbar. Düstere Stille breitete sich aus. Als er auf seine Füße blickte, bemerkte er, dass sie bluteten. Den Schmerz hatte er den langen Weg über nicht gespürt, jetzt stach und folterte es ihn an seinem ganzen Körper und die Rillen zwischen den Pflastersteinen schienen sich mit seinem Blut zu füllen. Er drehte sich um und lief ein paar Tore zurück, um den Wächter um Hilfe zu ersuchen. Rennen konnte er nicht mehr, vielmehr stürzte er, fiel, weil er nicht mehr stehen konnte. Er war verloren. In der Leere tastete er sich auf allen Vieren vorwärts und rückwärts. Es war schon tiefe, tiefe Nacht. Weder Hand noch Fuß konnte er sehen. Blindlinks und schwer atmend kroch er noch einige Längen, ohne zu wissen, wie viel Zeit verging. Dann verließ ihn die Kraft und er streckte sich aus und blieb liegen. Seine Lungen füllten sich mit Blut. Er lag ruhig und schien in der Ferne plötzlich ein Licht aufflackern zu sehen. Es erlosch, als er in seinem Blut erstickte und das letzte Gurgeln in unerträglicher Weise sein Ohr füllte.


"Wenn ich Kafka wäre, dann hieße es:" © , publiziert: ~14. Mar 2011
Man kann nicht nach den Sternen greifen. Trotzdem steigen wir geradewegs in den Himmel und fallen, fallen tief -- das nennt man dann eine Sternschnuppe.

Abgestempelt als: Story, Text, Titelstory, , , , , , , , ...

Beitrag , twittern oder facebooken,
Beitrag kommentieren oder trackbacken.

Besuchen Sie auch:

Themenwolke: abrechnend absurd Alltag angst drogen enden erinnern essen experimentell global hass humoristisch idylle leben liebe menschen menschlich moderne rituale schreiben schuld sex sinn spass surrealseltsam tod trinkend tristesse TV urban verbrechen weise ZMK_Exponate
Bisher kein Kommentar.
Hinweis an Kommentarspammer: Nein! Weg! Pscht! Ksst! Aus! Bäh! Schämen Sie sich!
Ihr Kommentar

Specials:

Dan Roccos Starke-Frauen-Schnellkrimis


DDD

Schnellkrimis

Tatorte en masse
Hanna Scotti: Ausstellung Wortbilder


Hanna Scotti

Wortbilder

Text auf Foto

Frisch:

flutschfinger

Composition surréaliste (1)

Pulsaderförmig rinnt das Leben / in die Zweisamkeit gebrochener Herzen.
anschnallen

Der erste Mensch seit Jahren

... sie sind irgendwo da draußen / über den ganzen Planeten / verstreut und werden / immer weniger ...
odyssee

Laufenlassen

Die Übertreibung ein probates Mittel um eine Note Humor zu erzeugen in einem Gedicht wenn jedoch die Wirklichkeit übertreibt könnte man ...

Klassiker aus Scifi/Remix:

futuristic_building

Speedway to Hell

Anhalten. Anhalten, bloß anhalten. Erst mal 'ne Pille schlucken. Das macht mich wieder einigermaßen locker. ... …
Goldbarren (Foto: Kinross Gold)

X-Factor – das Unfassbare

DR. JACOBSON: So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Und du weißt, ... …
Beschützte kleine Buben fliegen high

Beschützte kleine Buben fliegen high

Schon schwebe ich über dem Boden, kein Wunder, der Glider hat fünfzigtausend Credits gekostet, ein ... …
excel-fuchs

#excel #fuchs

ein remix | über knappen platz | in excel zellen …
la Nuova

Spiegel online 23.09.2012

... im Gipfelfieber hebeln / den Rettungsschirm ... …


Literarische Blogroll: