Ein Brief    



Sitze am hölzernen Schreibtisch, der schon fast in sich zusammenbricht.
Was drauf steht?
Nicht viel.
Ein Licht.
Ein Becher, mit ein paar Stiften drin.
Ein Blatt hab ich vor mir liegen.
Daneben steht noch eine Flasche.
Fast vergessen, diese Flasche.
Die steht hier auch.
Aber ich trinke langsam, ganz gemütlich.
Die Lampe brennt und wirft einen faden Lichtstrahl auf mein Blatt.
Ich will versuchen mit jedem Wort ein wenig Weiß wegzubekommen.
Papier (Foto: TJakobs of the German Wikipedia)Ich mag dieses Weiß auf diesem Blatt nicht.
Ich glaube, ich fange gleich an in den Schubladen nach einem Tuschkasten zu suchen und male das ganze Ding einfach schwarz.
Aber das wäre doch albern.
Einfach albern.
Aber so manche Albernheiten gehen mir schon hin und wieder durch den Kopf.
Ich denke zum Beispiel an Spiele.
Spiele im Sand.
Spiele auf der Wiese.
Spiele auf der Straße.
Spiele zu Hause.
Ich glaube, ich mach mich jetzt dran und schreib dir endlich einen Brief.

Oh, ich sage dir, ohne dich sind die Tage grau und öde.
Nichts ist wirklich los.
Heute war ich mal wieder unterwegs.
Zog mir die Schuhe an und machte einfach mal einen Spaziergang durch die Gegend.
Ich ging hinten durch das Industriegebiet und dann auch durch die Straßen, wo die ganzen Häuser von den feinen Leuten stehen.
Dann ging ich noch über den Spielplatz, blickte die Rutsche hoch, gab der Schaukel ein wenig Schwung, aber Du saßt ja sowieso nicht darauf.
Ich ging weiter die Straßen auf und ab.
Am Kiosk an der Ecke machte ich zwischendurch mal halt und holte mir eine Limonade.
Ich hatte keine Lust mehr auf Bier.
Ich suchte mir also eine Bank in der Nähe des Waldes.
Dort wo man ungestört sitzen und nachdenken kann.
Ich öffnete meine Flasche und nahm einen kräftigen Schluck.
Ich sag dir, das tat vielleicht gut.
Am Himmel stand die Sonne und nur wenig Wolken gaben sich wirklich Mühe sie zu ärgern. Die Hitze wurde von Stunde zu Stunde kräftiger und irgendwann hatte ich das unkontrollier-bare Verlangen einfach mein Shirt auszuziehen und mit freiem Oberkörper wie ein Verrückter durch die Straßen zu laufen.
Aber das wäre ja was geworden.
Du kennst ja die Leute hier.
Aber mach dir keine Sorgen, ich hab mich schon nicht zum Affen gemacht.
Ich weiß ganz genau, was ich besser tun und besser lassen sollte.
Meistens jedenfalls.
Ich setzte einfach meinen Spaziergang fort und ging ein bißchen durch den Wald.
Ich schaute mich um und sah all die Wege, die ich mit dir noch gehen möchte.
Es sind so viele Wege, aber das ist kein Problem.
Umso mehr, umso besser.
Wir haben ja auch noch so viele Jahre.
So viele Jahre.
Nur wir zwei.
Wir werden groß sein.
Wir werden zusammen groß werden.
Es wird eine schöne Zeit.
Jetzt ist fast nicht mehr vom Weiß übrig, falls Du weißt, was ich meine.
Alles Liebe.


"Ein Brief" © , publiziert: ~26. Oct 2011
Jahrgang 82, jobbt, schreibt Geschichten, baut Luftschlösser. Zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Literaturmagazinen. Aktuelles Buch: Los Perdidos Gibt eigene Magazine am laufenden Band heraus, nach LOST VOICES derzeit ROGUE NATION http://rogue-blogue.blogspot.de/

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