Ein Brief aus Buxxawaan    



Lieber Freund,

Zuchthaus (Foto: Gleb Borisov)Sie kennen mich nicht
und ich kenne Sie nur vom Namen her.
Ich wei├č wo Sie sich gerade befinden
und ich wei├č, dass Sie nichts daf├╝r k├Ânnen.
Wir sind uns fremd und
dennoch haben wir beide das Leben
des anderen eines Irrtums wegen
grundlegend ver├Ąndert.
Sie leben in einem Gef├Ąngnis,
aus dem Sie fr├╝hestens in zehn oder elf Jahren
wieder freikommen werden.
Danach werden Sie nie wieder zu jenem Teil
der Gesellschaft geh├Âren, zu dem Sie vor
Ihrer Inhaftierung geh├Ârt haben.
Ich lebe noch in dieser Gesellschaft.
Sie hingegen sind ein verurteilter M├Ârder.
Doch umgebracht haben Sie niemanden.
Ich wei├č das so genau, da ich derjenige
bin, der diese Tat ver├╝bt hat.
Sie sind nun schon seit ├╝ber vier Jahren
f├╝r ein Verbrechen eingesperrt, das ich
begangen habe.
Ich m├Âchte Sie nicht mit meinem Gewissen
langweilen.
Ich w├╝sste auch gar nicht, was ich
sagen sollte.
Ich bin nicht sehr geistreich.
Ich h├Ątte wahrscheinlich einen Dichter
beauftragen sollen, Ihnen diesen Brief
zu schreiben.
So bleibt es nur ein Brief von einem
bedeutungslosen M├Ârder, der nie
verurteilt wurde und dem Sie, ohne
es zu wollen, das Leben gerettet haben.
Ich w├╝nschte ich h├Ątte wenigstens ein
Zitat parat oder k├Ânnte Ihnen mitteilen,
dass ich vor einem Jahr mehrere Kinder aus
einem brennenden Haus gerettet habe.
Doch so was passt nicht zu mir.
Ich bin ein Feigling und das Gl├╝ck
war einfach auf meiner Seite.
Ich habe eine Frau und ein Haus.
Zuchthaus (Foto: Gleb Borisov)Ich lebe ein gutes Leben und habe vor zwei Monaten
einen Sohn bekommen.
Ich habe ├╝berlegt ihm Ihren Namen zu geben,
als nette Geste sozusagen, aber ich denke nicht,
dass es ein gutes Omen w├Ąre.
Sie sind ein Held des Pechs.
Sie sind mein Held.
Ich hoffe Sie verbringen Ihre Tage einigerma├čen
sinnvoll und haben die Hoffnung auf ein
besseres Leben noch nicht aufgegeben.
Sollten Sie das Leben und Gott verfluchen,
dann mache ich Ihnen auch keinen Vorwurf.
Ich w├╝nschte ich k├Ânnte sagen, Sie sitzen
f├╝r eine gute Sache ein, dass durch Ihre
Inhaftierung eine Art Revolution oder ein
Umdenken bei den Menschen ausgel├Âst wurde.
Aber nichts dergleichen ist passiert.
Niemand interessiert sich f├╝r den Helden des Pechs
und niemand f├╝r das Opfer des Gl├╝cks.
So ist es nun mal.
Es tut mir leid.
Nun muss ich hier schlie├čen, denn ich
brauche noch Milch
und der Supermarkt an der Ecke
macht in zehn Minuten zu.
Bleiben Sie tapfer.

Gr├╝├če aus Buuxxawaan!


Jahrgang 82, jobbt, schreibt Geschichten, baut Luftschl├Âsser. Zahlreiche Ver├Âffentlichungen in verschiedenen Literaturmagazinen. Aktuelles Buch: Los Perdidos Gibt eigene Magazine am laufenden Band heraus, nach LOST VOICES derzeit ROGUE NATION http://rogue-blogue.blogspot.de/.
'Ein Brief aus Buxxawaan' © 02/2012
Buzzwords: Lyrik, Story, Text, Tipps, , , , , , , ...
 

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