Bahnhofsbekanntschaften    

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Wenn ich zur Seite schaue, wird mein Blick erwidert. Ich bin gern zu zweit. Manchmal wird meine Einladung abgelehnt, dann bleibe ich allein. Heute Abend diese leere Bank auf dem Bahnsteig, eine einladend leere Bank. Im Sitzen warten, ihn erwarten. Ich wusste, dass er nicht widerstehen kann. Aber sein Tag war anders. Seine Begegnung mit der Frau war von rotem Blut. Sie hei├čt Liebmich, ein sch├Âner Name, dar├╝ber sind wir uns einig. Rotes Blut. Mich st├Âren die Geheimnisse, die er vor mir hat, sie machen mich traurig. Er k├Ânnte offener zu mir sein, niemand h├Ârt uns zu, er wei├č es doch. Er h├Ątte mir vorher sagen sollen, dass Liebmich da ist. Das verzeihe ich ihm nicht, nicht so leicht.

Bahnhofsbekanntschaften Liebmich steht am Ende des Bahnsteigs vor dem schwarzen Loch, vor der Unterwelt. Die Unterwelt wird den Zug entlassen, er wird sich f├╝r Sekunden den Menschen ├Âffnen und wieder entfliehen. Ein Zug muss vieles ├╝ber sich ergehen lassen. Liebmich sei ├╝ber die Rolltreppe gekommen, behauptet er. Ich glaube ihm nicht. Die Rolltreppe ist ganz in der N├Ąhe, sie f├╝hrt auf die Bank zu, auf der wir sitzen. Liebmich musste mich sehen, sie h├Ątte bestimmt gel├Ąchelt, mir zugewinkt. Wahrscheinlich w├Ąre sie gekommen und h├Ątte sich neben mich auf seinen Platz gesetzt.

Das sind so seine Behauptungen. Er neigt dazu, sie verletzen mich, da wo die Gedanken in den Kopf eintauchen. Angeblich w├Ąre Liebmich schon vorher dagewesen, sie h├Ątte schon vorher hinten am Bahnsteig gestanden vor dem schwarzen Loch, aus dem der Zug hervorschnellt. Ich w├Ąre ihr hinterhergelaufen, das behauptet er. Ich muss mich sammeln, ich werde ihm so lange mit meinem Schweigen zusetzen, bis er verschwindet. Man kann nicht st├Ąndig Leute um sich haben, jeder braucht seine Ruhe. Doch er bleibt. Genug ist genug, ich schreie ihn an.

“Ist mit Ihnen alles in Ordnung?”
Vor mir steht ein Mann in Uniform.
“Es ist nichts. Ich habe mich nur ge├Ąrgert.”
“Mensch ├Ąrgere dich nicht.” Der Mann in Uniform lacht, er beweist seinen Humor, er braucht keine Zeugen, er will mich aufheitern, das steht ihm nicht zu, dazu habe ich ihn nicht aufgefordert. Ich mag keine Anz├╝glichkeiten, man ist ihnen ausgesetzt, diesen Zubilligungen von Mitgef├╝hl, W├Ąrmekr├╝mel, achtlos hingestreut wie Taubenfutter.
“Wann kommt der Zug?”, frage ich.
“Gleich.”

Bahnhofsbekanntschaften 2Verlassen hat er mich. Nun vermisse ich ihn. Ich h├Ątte ihn nicht anschreien d├╝rfen, er ist empfindlich. Er l├Ąsst sich nicht mehr blicken, es kommt vor, dass er tagelang schmollt. Der Zug wird gleich einfahren. Wenn ich zu Liebmich will, dann wird es Zeit. Mein Weg f├╝hrt dicht an dem Mann in Uniform vorbei, der Mann hat sein Gesicht verloren, er sucht es. Wenigstens kann er mir nicht mehr nachblicken und mir Gl├╝ck w├╝nschen. St├Ąndig w├╝nschen die Menschen anderen Menschen Gl├╝ck. Als ob Gl├╝ck w├╝nschbar w├Ąre. Dem Mann in Uniform ist alles zuzutrauen, ich beschleunige meine Schritte, ich lasse ihn unendlich weit hinter mir. Der Bahnsteig ist lang. Kurz vor dem Ziel werde ich ├╝berrascht, er springt hinter einer der m├Ąchtigen S├Ąulen hervor, die das Bahnhofsgew├Âlbe tragen. Er ist wieder da. Wir begr├╝├čen uns nur kurz, man kennt sich. Ich fl├╝stere ihm zu, dass ich das rote Blut sehen will. Er wendet er sich ab, er wirkt bek├╝mmert.

Liebmich sieht blass aus neben dem schwarzen Loch, aus dem der Zug im n├Ąchsten Moment hervorschnellen wird. Kein rotes Blut. Sie streckt mir ihr Gesicht entgegen, ihr Sehnen, sie breitet ihre Arme weit aus. Seine Warnung ist unn├Âtig, ich f├╝hle, dass ich sie nicht umarmen darf, sie w├╝rde zu weinen anfangen, sie w├╝rde in mich hinein zerbrechen. Und dann steht er einfach daneben. Auch ich breite meine Arme aus. Wir beugen uns vor. Unsere Augen sind es, unsere M├╝nder, sie treffen sich, zwei offene M├╝nder, die sich aneinanderschmiegen, eine Zunge ertastet die andere, sie umschlingen sich im Speichelschaum. Liebmich schaut mir in die Augen, unsere Augen werden ein Sehen, unsere Blicke verschmelzen, ein einziger Lichtraum, in dem wir uns vereinigen.

Der Zug ist ein w├╝tendes Ungeheuer, pl├Âtzlich steht es neben uns, es faucht, zischt, will uns ├╝berschlucken, uns fressen.
“Einsteigen!” Vor mir steht der Mann in Uniform, er hat sein Gesicht wiedergefunden, es hat sich verbogen, es passt nicht mehr genau, es ist verkantet, gratige Risse am Kopfrand. Der Mann in Uniform verdeckt ihn, er lugt hinter ihm hervor und winkt mir aufmunternd zu. Ich soll mit Liebmich alleine wegfahren. Er bleibt auf dem Bahnsteig zur├╝ck, zusammen mit dem Mann in Uniform, hier, nachts in diesem Bahnhof tief unter der Erde.
“Einsteigen!”
Liebmich ist unentschlossen, sie z├Âgert einen Augenblick zu lange. Ich packe sie, da entgleitet sie mir, ich f├╝hle, wie sie noch im Sturz zerf├Ąllt, wie sie aufschl├Ągt auf dem Schotter zwischen der Bahnsteigkante und den Gleisen. Der Mann in Uniform hat mich in den Zug gesto├čen, ich stolpere hinein, erschrockene Blicke von Fahrg├Ąsten, die nichts verstehen. Die Fahrg├Ąste verstehen nichts. Ein freier Platz neben einer dicken Frau, K├Ârperkontakt, fl├╝chtig, voneinander abr├╝cken. Schlecht wie nie f├╝hle ich mich, niemand ist mehr bei mir, ich kann nur ein Wort denken: Liebmich.


"Bahnhofsbekanntschaften" © , publiziert: ~09. Apr 2012
ÔÇô seit 1952 als Mensch gef├╝hrt durchlatsche ich so meine Existenz, ich denke ├Âfter nach, wei├č aber nicht, warum, sp├Ąter m├Âchte ich im Altersheim mit bunten B├Ąllen werfen, meine Freundin ist die Tastatur, sie ist geizig, will immer die sch├Ânen S├Ątze f├╝r sich behalten ÔÇô manchmal falle ich einfach ├╝ber sie her. Ich hab jetzt ├╝brigens einen eigenen Blog, wo ich bisher der einzige Besucher bin - macht trotzdem irgendwie Spa├č: deeplooker.com

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