Affentheater (glutenfrei)

duerchdievorhaengelichtBoris und Malte sitzen in einem Zimmer; die Vorhänge sind geschlossen, weil die Sonne scheint kommt trotzdem ein bisschen Licht herein; unverkennbar schwebt der Duft von Marihuana und schalem Bier in der Luft.

Boris (nach einer längeren Pause): Malte, wir sind wie Hamster, eingesperrt in einem Käfig trotten wir durch das Laufrad der Zeit.

Malte (nach einer ebenso langen Pause): Boris, gestern hab ich einen sogenannten „Verrückten“ in der Straßenbahn gesehen. Er brabbelte Unverständlichkeiten vor sich hin, aber er lächelte dabei. Darum habe ich ihn beneidet, offensichtlich war dieser Mensch glücklich.

Boris betrachtet die Knabberzeugschachtel in seiner Hand für ein paar Sekunden. Dann greift er zum Telefon (mit Wählscheibe!) und wählt sehr langsam die Nummer von der Packung.

Boris: Hallo? Bin ich hier bei Snackworld gelandet? Ich hätte da mal eine Frage: Auf ihrem Nuss-Mix steht: „Kann Spuren von verschiedenen Nüssen enthalten!“

Malte holt inzwischen die Post.

Boris: Was heißt „was meine Frage ist“? Ich mach mir nur Sorgen um euch…

Malte kommt mit einem Flugblatt in der Hand zurück (Werbung für Sicherheitsschlösser). Er nimmt Boris das Telefon vom Arm und wählt.

Malte: Hallo! Sie machen da ja Werbung auf Ihrem Flugblatt für mehr Einbrüche, aber sagen Sie mal: Wie kommen denn Sie eigentlich in die Wohnhäuser rein?

Pause.

Malte: Mhm.

Längere Pause.

Malte: Eigentlich interessiert mich das alles gar nicht…

Malte legt auf.

Boris: Lass uns weiter am Weihwasser-Unternehmen arbeiten…

Malte: Es läuft nicht, niemand will Weihwasser kaufen, das von Pfaffen am Fließband gesegnet wurde. Die Leute legen Wert auf Handarbeit bei solchen Sachen.

Boris: Um drei Uhr kommt eine Bewerberin.

Malte verrenkt seinen Kopf Richtung Wanduhr.

Malte: Das ist jetzt.

Die Türglocke bestätigt es.

Malte: Aber wir wollen doch gar niemanden einstellen…

Boris: Weißt du einen besseren Zeitvertreib?

Boris geht zur Tür.

Malte stopft inzwischen seine kleine goldene Marihuanapfeife.

Boris kommt mit einem etwa 20-jährigen Mädchen ins Zimmer.

Boris: Das ist Anne. Sie will sich hier bewerben. Hast Du die Unterlagen vorbereitet?

Malte (nimmt einen Zug): Hää?

Anne: Hallo…

Malte: Ähm, ja, hallo auch!

Boris geht zum Schreibtisch und holt eine paar zerfledderte Zettel aus einer der Laden hervor.

Boris: Also gut, Anne. Dann erzähl uns mal, warum du gerade in UNSERER FIRMA arbeiten willst?

Anne: Naja, da stand „keine Vorkenntnisse“ im Inserat, außerdem ist das hier nur fünf Minuten von mir Zuhause weg…

Boris (macht sich Notizen, verzieht dabei die Mundwinkel): Verstehe. Wo siehst du dich in FÜNF JAHREN?

Anne: Da hab ich noch nicht so drüber nachgedacht, hoffentlich nicht mehr im Studium (grinst).

Boris (macht sich wieder Notizen, schüttelt dabei den Kopf): Könntest du dir eine Affäre mit mir am Arbeitsplatz vorstellen?

Anne: Das ist ein Scherz, oder?

Malte lacht und hustet: Nein, das meint der schon ernst.

Anne: Kann ich jetzt noch nicht sagen, dafür kenn ich dich zu wenig.

Boris (nickt lächelnd und macht sich Notizen): Setz dich mal an den Tisch da drüben (deutet auf den Schreibtisch).

Anne geht hin, Boris legt ein Blatt vor sie.

Boris: Hier sind ein paar Denksportaufgaben, um deine analytischen Fähigkeiten zu überprüfen.

Anne: Kurvendiskussion? Das ist bei mir aber schon länger her… „Löse das P/NP-Problem“… ist das nicht eines dieser mathematischen Rätsel, für deren Lösung ein amerikanischen Institut eine Million Dollar ausgesetzt hat?

Boris: Die Zeit läuft. 15 Minuten.

15 Minuten später.

Boris sieht sich den Zettel an, schüttelt dabei den Kopf: Wir melden uns. Was machst du heute Abend?

Anne geht wortlos, Malte schlägt die Gratiszeitung „Austria“ auf.

Malte: Schlagzeile: „HASCH-NEGER RAUCHTE MARIHUANA. DROHT IHM JETZT DIE ABSCHIEBUNG?“ Auf Seite 5, mit Foto einer Gruppe Neger, aufgenommen von einem unserer Lesereporter. Dafür gibt’s 50 Euro!

Boris reißt ihm die Zeitung aus der Hand, blättert herum: Wo ist das Horoskop?

Malte (genervt): Letzte Seite…

Boris (findet es): „Schneenashorn: Veränderungen stehen an in nächster Zeit. Riskieren sie nicht zu viel. Ein Freund wird etwas Unerwartetes tun. Das Wetter kann schwanken.“

Boris wirft die Zeitung in die Ecke.

Clemens Ettenauer

Clemens Ettenauer wurde 1986 in St. Pölten geboren. Nach häufigem
Sitzenbleiben hat er an einem Abendgymnasium maturiert. Er lebt mit Freundin und Katzen in Wien, wo er bei einem Buchmagazin arbeitet und nebenbei Komparatistik studiert. Neben dem Schreiben fabriziert er am liebsten Telefonstreiche. Facebook: facebook.com/clemens.ettenauer Im Oktober 2010 erscheint sein erstes Buch „Morbuso geht ab“ im PROverbis Verlag.

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