Als Trinker unterwegs

Als Trinker hat man immer Angst. Entweder man blamiert sich oder bekommt was auf die Schnauze. Oder man bekommt was auf die Schnauze, weil man sich blamiert hat. Ein Trinker, dem nicht alles egal ist und der etwas auf sich hält, hat dauernd Angst. Auch wenn er cool ist.

Ein Trinker hat entweder genug Geld in der Tasche, viele Freunde, oder eine – möglichst zwei – Kreditkarten. Neben der EC-Karte, die er ja per se bei sich führt, weil sie einem sowieso geklaut wird. Vorausgesetzt, er ist ein richtiger Trinker. Falsche Säufer haben Glück. Mehr als Kinder. Die fallen aus dem sechsten Stock eines Hochhauses und landen in einem Buchsbaum. Unverletzt. Die werden nicht vom Bus überrollt, dass die Knochen krachen, die werden lediglich zur Seite geschubst. Die stehen auf bevor der Notarzt eintrifft, schütteln ihr Sakko und gehen weiter wie jemand, der sich eine Fliege aus dem Gesicht wischt. Aber die Angst sich zu blamieren bleibt. Es könnte ja sein, dass man am nächsten Tag gefragt wird, was man so getrieben hat. Ein positives Zeichen, wenn jemand fragt, denn es bedeutet, er weiß es selbst nicht.

Ab wann muss man zurückfragen, ab wann kann man die eigenen Löcher mit Phantasie füllen? Tja, die Angst des Trinkers. Solange man alleine unterwegs ist, kann man anderen eine Menge erzählen, aber wenn man mit zwei ebenbürtigen Säufern raus geht, bleiben dreimal soviel Gehirnzellen übrig, die einem das Geschehen rekapitulieren.

Ich war mit zwei Trinkern unterwegs. Fatal. Schicksalsgeschwängert, wie man so schön sagt. Der eine hatte etwas mit Literatur zu tun. Der andere auch. Ausgangsposition: Dortmund, Rock Cafe. Was das mit Literatur zu tun haben sollte, wusste ich nicht. Rock und Literatur. Fragezeichen. Als ich reinkam, wusste ich nicht, was der Laden mit mir zu tun hatte. Ausrufezeichen.

Aber keine Sorge, ich bekam ein Bier, wurde sogar nach einem großen oder kleinen gefragt. Durch den Spiegel hinterm Tresen konnte ich die Gäste betrachten, und wenn sich die Bedienung hinterm Zapfhahn bückte, ob sie einen BH trug.

Sie trug einen BH. Definitiv. Das machte die Sache nicht gerade leichter. Die beiden Literaturtypen, nennen wir sie ruhig Thomas und Michael, schätzten mich von der Seite ab und mutmaßten, wieviel Bier ich in meinen Bauch kriegen würde. Dummerweise stand mein Ruf, den ich noch aus vergangenen Jahren in die Gegenwart gerettet hatte, schlechter dar als mir das Alter und die Umstände gestatteten. Wäre noch erwähnenswert, dass die beiden Literaturtrinker – jeder für sich – gut ein Dutzend Jahre jünger waren.

Ihr wisst ja, wie das so läuft: einer gibt das Trinktempo vor, die anderen ziehen mit. Ohne es klar auszusprechen, findet eine „Kampfhandlung“ statt, wenngleich auf sportlicher Basis. Trinken ist Volkssport Nummer Eins, erst dahinter kommen Fußball, Tennis, Boxen und so weiter. Als erfahrener Sportler fängt man im kleinen Bieranzug an, und versucht der Letzte zu sein, der zuerst auf Toilette geht. Damit beweist man eine durchtrainierte Blase. Wichtig ist, sich wie ehemals Mohammed Ali, während der Rundenpausen nicht zu setzen, bzw. das erste Dutzend Gläser Bier stehend zu sich zu nehmen. Anfangs steht man freihändig, das Glas in der Hand oder die Hände in den Hosentaschen. Später lehnt man sich leicht gegen den Tresen, seitlich, so mit den Schultern, und es muss aussehen, als würde man gelangweilt auf den Bus warten.

Das Thema Literatur handelten wir während der ersten 10 Gläser Bier ab. Warm up. Suche nach der nötigen Gelassenheit. Kontrolle der Mimik im Barspiegel. Verbale Lockerungsübungen.

Dann der erste Schnaps. Nachschub aus dem Zigarettenautomaten. Die Bedienung leerte den Aschenbecher, hatte aber vergessen den BH auszuziehen. Macht nichts. Phase Numero Zwo. Man gefällt sich mit der nötigen Promillezahl, Schulterklopfen, Anerkennung über dies und das, und beste Gelegenheit über zukünftige Projekte zu sprechen.

Klar, uns kam nichts besseres in den Sinn, als der Menschheit eine Art Kaschemmenführer präsentieren zu wollen, obschon die Branche, gleich neben Kochbüchern, von Reiseführern überschwemmt wird. Doch Thomas und Michael hatten den Ruf von reisewütigen Beobachtern weg – Paris, 36 Kneipen in 5 Stunden. Zum Beispiel.

Ich dagegen besuchte alle paar Monate die Kneipe an der Ecke, blieb bis zum Zapfenstreich und torkelte anschließend über die Straße zur Haustür. Es gab selten etwas darüber zu berichten, weil selten was passierte. Es sei denn, ich stieß aus Versehen ein Bierglas um. Allerdings ist das meiner Beherrschung zu verdanken, denn früher war alles anders. Erst mit 30 hatte ich den Dreh raus, und konditionell befand sich meine Leber in der Lage 3,5 bis 4 Promille Alkohol zu verarbeiten, ohne dass ich gleich die Bedienung vergewaltigen wollte. Damals hielten sich Genuss, Exzess und Erinnerungsvermögen die Waage.

Noch ein Bier? Einen Absacker? Wir schließen gleich.

Schöne Worte von der Frau mit BH unterm T-Shirt. Mittlerweile saßen wir vor dem Tresen, Thomas und ich leicht angelehnt, Michael in der Mitte, sozusagen freischwebend und wegen der lauten Musik und dem Umstand, dass wir eine Unterhaltung führten. Wir saßen im Dreieck. Wir redeten übers Goldene Dreieck, übers Reisen, und weil Träume aufgekommen waren, die erst durch die Phantasie des Alkohols beflügelt werden. Dementsprechend lautete unser nächstes Ziel: Thai-Pub, Westenhellweg.

Folge einem Trinker nur, wenn du ihn nicht aus den Augen verlierst. Halte einen oder zwei Schritte Abstand, so kann er nicht sehen ob du schon torkelst. Bleib im Gespräch, damit er sich nicht umdreht und sieht, wie du torkelst. Schließe hin und wieder auf, klopfe ihm auf die Schulter und bleibe wieder zurück. Aber mache keine Gewaltmärsche – den Westenhellweg hoch und runter ist genug. Nehme für längere Strecken ein Taxi.

Phase Numero Drei. Auf der Spitze des Besoffenseins. Wäre man vernünftig, würde man zwischendurch ein Wasser trinken. Das verringert den Kater am nächsten Morgen. Eventuell weniger rauchen. Das lindert den Kopfschmerz.

Aber nein, der Laden war nett und in bläuliches Schummerlicht getaucht. Ein freier Platz am Tresen, und die Frauen wirkten schöner, als sie vor Stunden reingekommen waren. Typische Trinker-Fatamorgana. Die dritte Phase beleuchtet den Schluss, dem man wie im Kino, nach 80 Minuten, entgegenfiebert. Happyend? Horror?

Thomas und Michael zogen ihrer Register. Und zwar komplett. Schnaps und Longdrinks. Mai-Tai. Ich ging zur Toilette und erwartete, dass mir, wie Michael schon geschehen, jemand an den Schwanz packt. Blick in den Spiegel. Ich war allein. Wasser ins Gesicht, aufatmen und wieder raus zur letzten Runde.

Wenn man betrunken aus der Toilette kommt, hat man das Gefühl von allen Augen beobachtet zu werden. Wer da nicht ein bisschen schauspielern kann, ist verloren. Man glaubt es zumindest. Also Tür auf, Augen geradeaus und schnurstracks zum Tresen, zu den Mitstreitern. Gott sei Dank wirkt der Alkohol bei jedem – mal eher, mal früher. Thomas kriegte nicht mal mit, dass ich auf Toilette war, Michael wiederholte eine Frage, die er mir in meiner Abwesenheit gestellt haben musste. Mai-Tai lächelte. Eine Milchschokoladenschönheit stand auf dem Podest und übte sich im Mitsingen eines thailändischen Schlagers. Karaoke. Zumindest asiatisch. Etwas fern der Heimat. Dann der Gong, als jemand reinkam und berichtete, dass es draußen mittlerweile hell sei.

Uhrenvergleich. Die zwölfte Runde.

Ich konnte nur hoffen, dass es auf ein Unentschieden hinauslaufen würde, dann bestellte Michael ein Taxi aus Witten, guter Kumpel, wie er sagte, und ich überlegte, ob ich auch so ein Kumpel gewesen wäre, und wir traten in die Lichtung des Morgens, die unsere Augen blendete, und wir warteten.

Zaghaft zeigte sich ein Stück der Sonne. Wir standen da zu dritt, Hände in den Hosentaschen, mit wippendem Oberkörper, wir gingen einen Schritt vor und zurück, um das Gleichgewicht auszupendeln, nahmen anschließend die Hände zur Hilfe sobald wir etwas sagten.

Ein Taxi brauste heran. Im Begriff schon einzusteigen stutzten wir, als uns ein zweiter Wagen mit quietschenden Reifen fast über den Haufen fuhr. Aha. Der Kumpel aus Witten. Thomas und Michael grinsten, zwei Literaturfreaks, denen ich auf den Leim gegangen war, die mich runtergesoffen hatten und mir nun zeigten, wie man sich ohne Blamage aus der Affäre ziehen kann.

Wie gesagt, als Trinker hat man immer Angst sich zu blamieren. Ich tat es erst, nachdem ich mit dem Autoschlüssel versuchte die Haustür zu öffnen. Genauer, ich blamierte mich, indem ich sämtliche Nachbarn aus dem Bett schellte und im Flur offenbarte, der Weltuntergang würde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Wenigstens hatte ich nichts auf die Schnauze bekommen. Soweit ich mich erinnern kann.

Hartmut Malorny

absolviert 1974 den Hauptschulabschluss cum laude. Stationen: Verkäufer, Vertreter, Gleisbau, Hilfsarbeiter, Faktotum, Arbeitslosengeldempfänger, Bundesbahn, Auslandsaufenthalte in Frankreich, Italien, Südostasien. Ledig, verheiratet, geschieden, Vater mehrerer Kinder. Verfasst Gedichte, Geschichten, Romane und Artikel. Trinker mit den üblich kontroversen Meinungen. Einige Lesungen. Zur Zeit Sonderreiniger.

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