An der Nordseeküste

Nordsee WattenmeerIm vorigen Frühjahr schleppte ich mich spätabends mit einem Schnappmesser im Bizeps durch die Bronx, glatter Durchstich, aber der Abbruch meines Urlaubs. Nachdem die Wunde ausgeheilt war, wuchs die Verlockung umso mehr. Über Weihnachten sog ich statt Spekulatiusduft den Verwesungsgeruch in Kalkutta ein, es war am Morgen der Heiligen Nacht, als ich dem Leichenkarren durch den Morgennebel folgte, der sich vom Ganges her ausgebreitet hatte. Die Männer arbeiteten sich routiniert Straße für Straße vor, bis der Wagen vollgeladen war und vereinzelt bläuliche Arme und Beine von der Ladekante herabhingen.

Wieder zu Hause, während der Nachbehandlung des Brechdurchfalls, feilte ich fieberselig an meinem nächsten Urlaubsziel: Sommerfrische in Cuxhaven. Mein Nachbar, ein Zinnkrüge-Sammler von Rang, hatte sich über die Vorzüge des Nordseebades an der Elbmündung so eindrucksvoll ausgelassen, dass ich diesen Ort unbedingt besuchen musste.

Der Sommer kam. Meine Erwartungen schienen sich zu erfüllen, denn schon am Ankunftstag durfte ich bei einem Spaziergang wohlig unter dem Hammerschlag der tidenabhängigen Tristesse erschaudern. Mit wachsender Begeisterung gab ich mich der Betrachtung des Gästehauses Pape hin, wo ich mich für die kommenden Tage eingemietet hatte. Das Gebäude gab seine Funktion unübersehbar preis, durch den Schriftzug ‘Gästehaus Pape’. Als Vorhut der Rezeption wachte ein grüner Müllcontainer auf Rollen neben dem Eingang, mit dem die Geschäftsleitung das Fassungsvermögen ihrer sauberen Absichten demonstrierte. Ich hatte einen Volltreffer gelandet, herrlich, das Gästehaus Pape war fraglos ein Kleinod baulicher Enthaltsamkeit, flächendeckend umgeben von grauem Betonstein-Pflaster, das die Betreiber von der Notwendigkeit enthob, einen Garten anzulegen, mit Widrigkeiten wie Unkräutern und ausufernden Rasenkanten, mit all dem Wildwuchs, den die Natur hervorbringt.

Das Gästehaus Pape erregte meine Phantasie, es übte eine faszinierende Ausstrahlung auf mich aus. Ich überlegte – ja, hier wurde dem Gast schon von außen verdeutlicht, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass er hier sein Haupt zur Nachtruhe betten sollte, dass Ausschweifungen, etwa sich bis in die Morgenstunden hinein zu verlustieren, strafende Blicke der Bedienung beim Frühstück nach sich ziehen würden. In meiner Vorfreude näherte ich mich immer mehr dem Eingang, doch dann riss ich mich zusammen und ging auf das Meer zu.

Nordsee WattenmeerDas wilde Meer, die Nordsee, sie hatte sich meinen Blicken entzogen. Nicht einmal den Horizont vermochte ich auszumachen im Zwielicht dieses Tages. Auch keine Sonne, nur Schlieren von Glanz auf dem Watt, ein irisierender Glanz, der in die Augen biss, darüber Dunst, gleißend hell, grenzenlos. Da lag es das Watt, dieser Grenzhort maritimen Lebens aus Sand und Schlick, mit Prielen und Abflüssen, mit tückischen Schwemmsänden, die gelegentlich Menschen, sogar ganze Kaltblüter in ihren Schlund hinabzogen, mit Unmengen von Lachen, in denen es wimmelte vor Würmern und Krebstierchen. Für einen Moment erstarrte ich – welch ein Gedanke, dass die See endgültig zurückweichen könnte, die Flut ausbleiben, der Mond hinter der Erdkugel verharren könnte, entgegen allen Gesetzen der Physik.

Ich suchte, bis ich auf etwas Konkretes stieß, zuerst auf die Buhnen, hunderte von Metern ins Watt hineingebaut, um das Meer zu bezähmen, an den Spitzen bevölkert von Erholungssuchenden, die sich dem Zauber der lautlos auflaufenden Wassermassen überließen, dem Kribbeln von Gefahr, dem Gefühl, eine Urgewalt zu erleben, sich ihr sogar bis über die Sohlen der Badelatschen auszusetzen.

Fast unaufhaltsam zog es mich zur Trinkkurhalle am Ende des asphaltierten Gehweges auf dem Deich. Die Trinkkurhalle sollte zum Höhepunkt meines Trips werden, ich wurde nicht enttäuscht. Hier saßen alte Menschen, die sich am Meerestiefenwasser labten, an diesem sagenhaften Lebenselixier, sie tranken es schweigend, geradezu andächtig. Zuerst hatte ich den Eindruck, eine etwas verstaubte Gaststätte zu betreten, aber dann, als ich vor meinem Glas Meerestiefenwasser saß, veränderte sich dieser Eindruck langsam – ich kam mir vor wie in einer Kapelle, ich spürte Werden und Vergehen. Hier war es wieder, das Ende, mein bevorzugtes Reiseziel. Der Blick hinaus auf das Meer, nun konnte ich es sehen.

Daudieck

– seit 1952 als Mensch geführt durchlatsche ich so meine Existenz, ich denke öfter nach, weiß aber nicht, warum, später möchte ich im Altersheim mit bunten Bällen werfen, meine Freundin ist die Tastatur, sie ist geizig, will immer die schönen Sätze für sich behalten – manchmal falle ich einfach über sie her. Ich hab jetzt übrigens einen eigenen Blog, wo ich bisher der einzige Besucher bin – macht trotzdem irgendwie Spaß: deeplooker.com

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