auf Händen laufen

Als Kind konnte man ohne große Mühe auf Händen laufen. Die Zeit hat gemacht, dass man diese Fähigkeit irgendwie verlernte, obwohl sie womöglich zum prozeduralen Wissen gehört, genau wie das Fahrradfahren. Weil man wächst, zunimmt und sich der Schwerpunkt verlagert. Man verliert das Gefühl für die Balance. Und das passiert immer wieder, auch außerhalb des Körpers. Weil Dinge sich ändern wie die Körpereigenschaften oder weil sie das nicht tun. Vielleicht sollte man lernen, wieder auf Händen zu gehen. Man könnte die Welt aus neuen Blickwinkeln betrachten und Wolken wären federweiche Fußbodenplatten, über die man hüpft, um nicht in das kühle Blau zu fallen. Würde man auf den Händen gehen, es bliebe einem der Anblick fremder Gesichter erspart und all das Elend und der Zorn darin. Manche Menschen sollten wirklich immer auf Händen durch das Leben gehen, weil ihnen dann nicht die Decke auf den Kopf fallen könnte. Stattdessen reitet man durch den Sonnenuntergang in Richtung Nacht. Nicht auf Händen, sondern auf Erinnerungen, an damals, an grüne Wiesen an heißen Sommertagen in überfüllten Freibädern und die dünngestreiften Abdrücken, die das abgeknickte Gras auf den rot angelaufenen Handflächen hinterließ.

Patrick Steiner

(geb. '89) lebt in Dresden. Mit seinen prosaischen Kurztexten versucht er, das Ungewöhnliche fühlbar zu machen und dem Leser das Leise zu zeigen. Veröffentlichungen in TRIEB, Dresdner Literaturmagazin; Im Web: zivilisationslaerm.tumblr.com + twitter.com/_menschlein

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