Aus der Ferne.

Friedrich NietzscheDieser Berg macht die ganze Gegend, die er beherrscht, auf alle Weise reizend und bedeutungsvoll: nachdem wir dies uns zum hundertsten Male gesagt haben, sind wir so unvernünftig und so dankbar gegen ihn gestimmt, dass wir glauben, er, der Geber dieses Reizes, müsse selber das Reizvollste der Gegend sein – und so steigen wir auf ihn hinauf und sind enttäuscht. Plötzlich ist er selber, und die ganze Landschaft um uns, unter uns wie entzaubert; wir hatten vergessen, dass manche Größe, wie manche Güte, nur auf eine gewisse Distanz hin gesehen werden will, und durchaus von unten, nicht von oben, – so allein wirkt sie. Vielleicht kennst du Menschen in deiner Nähe, die sich selber nur aus einer gewissen Ferne ansehen dürfen, um sich überhaupt erträglich oder anziehend und kraftgebend zu finden; die Selbsterkenntnis ist ihnen zu widerraten.

Friedrich Nietzsche

1844 in Röcken geboren, Kinder einer Pastorenfamilie. Studierte klassische Philologie in Bonn und Leipzig, außerordentlicher Professor der klassischen Philologie in Basel. Kompositionen, diverse Lyrik und Prosa im Eigendruck. Nerven- und Augenleiden machten ihn zum Pflegefall. Lebt als Minderleister seit 1897 in Weimar.

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