Autor: Rüdiger Saß

Und dann …

… dann träumte sie von einem Leben in der Stadt, denn sie wusste, Stadtluft mache frei.

Und ewig stinkt der Schritt

Regen strähnt, und ewig stinkt der Schritt, Regen strähnt und stöhnt, von links oben nach rechts unten, es tropft aus einem aufgewühlten Wolkendickicht heraus, und die Reifen unzähliger Autos rauschen über nasses Pflaster hinweg, und die Bäume, kahl wie ein Glatzkopf, wiegen sich zur Melodie eines rauen Winterwindes, und ewig stinkt der Schritt. Ein Tropfenspektakel, dazu das unablässige Reifenrauschen und ewig stinkt der Schritt.

Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / CC-BY-SA

Die Flucht

Marta war sechs Jahre alt, als sie ihre Heimat verlassen mussten, sie, ihre Mutter und ihre sechs Geschwister. Vater war nicht da, er konnte nicht bei ihnen sein, Vater war Soldat. Marta erinnerte sich an alles, nach vielen Jahren, sie erinnerte sich genau.

Von Bautzen nach Buchenwald

Als die Zellentür aufgeschlossen wurde, hörte Thälmann seine Todesglocken. Ihm stand das Ende seines Lebensweges vor Augen, eine Wiese, auf die seine Asche gestreut würde. Er dachte an die Worte Eugen Levinés: „Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub.“ Trotzdem fragte er den Schlüsselschergen „Wohin?“ Die Antwort lautete: „Schnauze halten! Zum Verhör.“ Thälmann wusste, dass das gelogen war. Beinahe zehn Jahre wurde er nicht mehr zur Vernehmung geschubst.

Manöver

Ran an den Feind mit Spielzeugpistolen, mit Hurra und Peng!

Die Lehre

Wie oft hatte er in der Vergangenheit herumgebrüllt, geschrien und gedroht, wegen nichts, wegen fast nichts! Und wie oft saßen seine Schüler, seine Schülerinnen da wie verschrecktes Wild, das sich ohne Schutz, ohne Schirm einer Naturgewalt, einem Irren ausgesetzt sah! Und wie groß die Scham des Lehrers, der seinen Frust, seine Ohnmacht, seine Niederlagen an Unschuldigen, an Unbeteiligten ausließ! Damit solle von nun an Schluss sein, Lehrer Nurgut will reinen Tisch machen.

Ein Tag wie blaue Seidenschleier

Dackel stehen schon seit langem auf der Liste vom Aussterben bedrohter Tierarten, da sich die Mode, dass alternde Damen ihre Einsamkeit mit Dackeln teilen, geändert hat. Frauen, die heutzutage vom Verfall überfallen werden, frönen anderen Vorlieben: Sie lassen sich die schlaffe Haut straffen, um nicht länger alt auszusehen, oder sie halten sich Haustiere, die nicht die Langeweile und Spießigkeit …