Azurblau

Stimme: Alan Neon / Fotografie: Johannes Romer / Text: J. F.

Wenn mir das Gute zusehends aus den Fingern gerät, es entschwindet, wenn der längst lohfarbene rororo-Einband Funken schlägt, wenn mir in unhörbarem Knallen der Daumen reißt, ist das »nicht gerade eine unserer Sternstunden, Mr. Bond«, oder doch? Im lichten inselhaften Grasschopf unter einem Donaubaum in die Lederjacke gegraben ruht es sich aus. Schläft es sich. Es sind doch die längsten Tage des Jahres, und sie sind lang. Aber das Schlechte hat Saat in meinem Rachen oder in der Welt, irgendwo klebt es.

»Ich hatte zwei Gründe, meinen Lehrer zu achten: er war wohlwollend, und er hatte einen übelriechenden Atem.« Jean-Paul Sartre, Die Wörter

Das hatte es schon, Herr Ortheil, in meinen Nullerjahren, im Herausgekniffen-Werden aus dem Becken meiner Mutter. Vierundzwanzig Stunden lang bin ich gehangen zwischen einem Außen aus brute luck, optionenfreies, nichtgewähltes Zur-wasauchimmerdasheißt-Welt-Kommen und dem Vorbau, dem kleinen wässrigen lächerlichen Limbus des Erstickens in meiner Mutter. Mit Vergil hätte ich tanzen können. Irgendeinen Ursprung hätte ich haben können, nur noch einem weiteren brutalen Glück beraubt, dem des Aus-Der-Welt-Kommens.

Wie hätte ich ein eingemauertes Dreisamsein als Familie nicht boykottieren können, nicht alleine am Fenster sitzen können, die Decke anspuckend, wie hätte ich nicht alles nehmen und nichts zurückgeben können. Geistig vakuumiert im Fernsehen, in schmutzigen geliehenen Konsolen, im Heldenstrudel der Neunziger.

Alles ist offensichtlich. Nichts ist klar, nichts ist gewonnen, aber das ist der Bestand aller Dinge. Die ganze Welt liegt auf der Hand, sie ist langweilig.

Die Welt ist nicht mein Lehrer, mein Lehrer sind die Bildergeschichten von Wilhelm Busch, die bebilderten Odysseus-Mythen, mein Lehrer ist das deutsche Nachmittagsfernsehen, mein Lehrer sind die Bücher meines Vaters, noch heute weiß ich nichts von der Welt.

»wenn ich mich eine Weile in solchen Zonen aufgehalten habe, durchziehen sie auch meine Kleidung, und ich nehme sie mit hinauf, in meine stille römische Wohnung.« Hanns-Josef Ortheil, Die Erfindung des Lebens

Tür zur Sonne - Fotografie: Johannes RomerMit Endlichkeiten war sich nicht zufrieden zu geben, was war schon die Porschestraße, was war der Essigbaum, den ich bekletterte wobei mir schonmal das Fußgelenk raussprang. Ich konnte jeder und alles sein und nur in der Fantasie, die heute die Kunst ist, gab es Erlösung von aller Physik.

Wie leicht wäre es, so weiter zu gehen, und irgendwann tue ich das auch, ich meine nicht in diesem ungebändigten Autismus, sondern in dieser »einzigen Wissenschaft, in der ich studiert bin« (an dieser Stelle ziehe ich die Augenbrauen und die Nasenwinkel hoch), mich selbst (zu behutsam!) zu demontieren, Speiche für Elle für Gelenk, und mir mich selbst zum Fraß vorzuwerfen. Bis mir nurnoch das leere Azurblau im Augenpaar dämmert.

Aber meine linke Hälfte tut mir zu weh, mein Schädel ist zu gebläht und ich will Maultaschen essen, den Commander besteigen und Portwein kaufen, rausfahren, die Scheinwerfer anspringen lassen, mich im Menschengewimmer des Gäubodenvolksfestes verlieren, den bitteren Geschmack vom fehlen fremde Städte kurz runterschlucken. Irgendwo klebt es.

Fightestörk

Toxikophiler. Bedroht Leute mit Waffenzeitschriften und stochert seine Beine in die Welt, bis ihm die Sohlen platzen. Lebt am rotäugigen Abgrund und fährt meistens zu schnell. Träumt tagsüber von Sintfluten, nachts trinkt er. WWW: sneakblog.de und facebook.com/Fightestoerk

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