Beschützte kleine Buben fliegen high

for all the overviewed

 

Die Stadt ist wieder total high, ich kann sie nicht überblicken, tausend Stockwerke erstrecken sich über meinem Kopf, ich glaub’s nicht.

Beschützte kleine Buben fliegen highSchon schwebe ich über dem Boden, kein Wunder, der Glider hat fünfzigtausend Credits gekostet, ein Batzen für so’n armen Schlucker wie mich, verdammt. Aber jetzt erst mal zum first flash springen, ja so ist das gut, das klingt richtig abgefahren, und schon bin ich wieder high …

Heute ist Zeitfahren, keine Zeit für lange Starts, ich will sofort und für immer los und nie wiederkommen, genau das hab‘ ich vor, heute nacht.

 

50 floors over normal-nill (after the first flash).

 

Okay, jetzt sollte ich mal ‘n bisschen Gas geben, ist ja schließlich nicht umsonst so teuer, mein rave-over-the-stars Glider, den ich gerade zwischen meinen Fingern lenke. Der zweite Flash ist im Anflug, ja, meine Hand bewegt sich, nur ein paar Zentimeter und – jaaaaa! – geil, abgefahren, obergeil. Das war ’n Schub von 200 Stockwerken, verdammt, 200! Das müssen mir die anderen erst mal nachmachen …

 

freu

 

Beschützte kleine Buben fliegen highAber noch fliege ich nicht über dieser verdammten Scheiß-Stadt, kann nicht auf ihre winzigen Scheißdächer runterblicken, die mich aus tausend Lichtern anstarren, als wenn sie nichts besseres zu sagen hätten als zu schweigen, verdammt. Da unten, unter der beschissenen Asphalt-Decke, auf der die Leute sich Rattenburger reinmampfen, weil sie zu wenig Geld für’n besseres Leben haben, hab ich mein Leben zurückgelassen, denn heute bin ich frei, verdammt, so frei wie nur irgendein Underzoner sein kann.

So hab ich mir mein Leben da unten aber auch nicht vorgestellt: viel zu kleine Spelunke, in der ich im minus 305ten Stockwerk billige Lottokarten an irgendwelche Lebens-Idioten abdrücke, die sich was vom großen Glückskeks abknabbern wollen … Nein, verdammt, ich will höher, über den Ground an die Oberfläche – wo’s richtig abgeht und man für ‘ne Stunde ehrliche Arbeit noch genug verdient, um sich einigermaßen billig am äußeren Rand des Universums unterzumieten.

Oh Mann – genau da will ich hin, an den verdammten äußeren Rand – wo die Sterne noch glitzern und die Luft nicht durch Filter gepustet wird – wo die Miezen sich beim Sex noch ausziehen, weil sie keine Wunden zu verstecken haben, die man hier überall in den sub-zero Stockwerken bekommt, weil die Luft für die eigene Haut kaum noch zu ertragen ist …

Yeah, das wär‘ schon geil, mit ‘nem Transporter einfach abzuhauen.

 

3rd flash.

 

Und er kommt total plötzlich, hab‘ noch nicht mal gemerkt, dass meine Hand sich auf die Tastatur zu bewegt hat, um ihr den Befehl einzutrichtern, der mich noch mal 300 Stockwerke nach oben pustet, aber die Überraschung war’s wert, dass ich meine Hand nicht unter Kontrolle hatte – denn der Puls fiebert mit, steigt auf 180 degrees, und ich schwebe, nicht mal mehr in meinem Glider, sondern vor allem geistig, verdammt – meine Beine schweben im Kopf wie noch nie – irgendwie sehe ich unter mir die Mega-Stadt, die sich vor ca. dreihundert Jahren wie eine Flanier-Raupe über den ganzen Planeten ausgebreitet hat und jetzt alle Ozeane, und sogar den verdammten Himalaya überragt – im Geist fliege ich an kleinen Fenster-Löchern vorbei, die diese Stadt zusammenhalten: dahinter wohnen Techniker, Programmierer, kleine Denker, Studenten – sie alle sind Partikel des großen Städtemolochs, der fortwährend den Hals höher reckt und schreit: »ICH!«

 

Chill down!

 

Okay, weiß auch nicht, woher ich das hatte mit dem ‘fortwährend‘ – muss wohl aus irgendso’m Buch rausgesprungen sein, wo ich mich mal irgendwann dran vorbeigelesen hab‘, aber stimmt schon, was da steht – vielleicht bis auf dass einem in diesem Drecks-Wälzer nicht verklickert wird, wie’s unterhalb der Normal-Null-Grenze aussieht, in den Löchern, wo man kaum atmen kann.

 

Nearly in space.

 

Beschützte kleine Buben fliegen highMein Bauch bekommt Schmetterlinge und ich schwebe wie auf meinen ersten Flügeln – weil gerade hat mich der vierte Flash getroffen – ich hebe ab, noch höher, zum tiefen schwarzen Loch, das mich umgibt und überall space genannt wird, weil es sich in alle Richtungen unendlich ausdehnt wie eine große schwarze Wolke mit kleinen Lichtern, die das ganze zusammenhalten.

Aber verdammt – ich bin so nah dran, am tausendsten Stockwerk, das höchste der Gefühle: Mega-Kick, Schräg-Sprung, quer über das Dach und ab ins Universum, das nur einmal existiert und nicht auf mich wartet …

Gerade bin ich so weit, will mich in den fünften Flash reinklinken, der mich noch higher kickt, in die unendlichen Tiefen da oben – als vor mir das beschissene Licht auftaucht – hab‘ ich schon mal von gehört, aber live hab ich’s noch nie beschimpft. Großes, matt glänzendes authorization light, das sich wie eine Scheibe mit vier Adern über das ganze Dach der Welt mit ihren beschissenen Stockwerken legt, und blinkt und funkelt, wie man es von unten, 200 Etagen tiefer, gar nicht sehen konnte:

Die ban wall bedeutet totale Kontrolle über alles, was sich unter ihr aufhält. Mann, ich hab’s nie geglaubt, und jetzt grinst mich diese beschissene Wand an, als ob sie mir einen großen Strich durch die Rechnung gezogen hätte, verdammt, am liebsten würd‘ ich sie …

 

Control reports to the police station.

 

Beschützte kleine Buben fliegen highSo was ist echt übel, wenn man plötzlich mitbekommt, dass der ganze miese kleine Gedanke, den man hatte, als man sein ganzes Leben geopfert hat, um sich den Glider zu besorgen, sich seinen verdammten Traumsprung zu erfüllen, plötzlich aufgeht in gar nichts, sich verdunstet in irgendeinem drecks Disco-Nebel, von dem wir Underzoner echt die Nase voll haben.

Cop stop.

Ja, ja … Natürlich, weiß ich ja – mein Fehler! Ihr verdammten Cops braucht nicht rumzuschweben, als wenn ihr mich gleich abführen wollt – ich kann ja überhaupt nicht abhau’n, weil der fünfte Sprung ist doch eh schon seit mindestens 30 Nanosekunden vergessen! Oh Mann – da kommen sie an mein Heck geflogen und machen einen auf oberwichtig mit ihren Hyper-Zappern; dann verticken sie mir mega-phonisch, dass ich gar nicht befugt bin für die ban wall, ist ja auch alles total verboten und so weiter, und ich hör auch schon gar nicht mehr hin auf das Gebrabbel – ja, ja, sag ich, hab ich auch schon gehört und drehe um, zeige den Cops zum Abschied den geistigen Mittelfinger und hoffe, dass die beschissene ban wall nix davon scannt.

Bockmist. Dann flitz’ ich das Rennen halt on earth weiter, wie die anderen, die in Wirklichkeit nicht mal im Traum dran denken, durch die Grenze ins Weltall zu starten, wo eigentlich noch mehr Ungewissheit auf sie wartet als hier unten in ihrem kleinen dreckigen Kokon.

 



Bücher von Sven Klöpping:


Menschgrenzen

Sven Klöpping

Sven Klöpping wurde 1979 in Herdecke/ Westfalen geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Juniortexter in Münster, Koblenz und Frankfurt, war gern in Dortmund und lebt heute im Schwarzwald. Er veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und ist Herausgeber von www.lyrikonline.eu. Aktuelles Buch: Menschgrenzen

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