Biester

Es war so ein Wetter, bei dem nicht einmal die Wäsche in der Wohnung richtig trocknen wollte. Die warme Regenluft machte alles klamm. Marlene spürte sie auf der Haut. Der Wetterwechsel hatte sie empfindlich gemacht für solche Kleinigkeiten, für alles Wesentliche fehlte ihr dagegen der Sinn. Sie hatte eine Tablette gegen die Kopfschmerzen genommen, aber die Begleiterscheinungen blieben. Die Haut zwischen ihren Fingern juckte. Sie spreizte die Hand und dachte an Schwimmhäute. Ohne es zu bemerken, begann sie sich zu kratzen und hörte erst damit auf, als die Haut ganz rot geworden war. Das Pochen unter der Stirn legte wieder los, am Fenster brummte eine Fliege, schlug gegen die Scheibe. Die Fliege rieb ihre Arme aneinander. Marlene war übel. Vorm Fenster liefen ein paar Köpfe unter Regenschirmen vorbei, mehr sah sie nicht von den Passanten. Sie würde noch Zigaretten kaufen müssen, dachte sie noch. Dann kam es anders. Er klingelte an der Tür.

Théodore Géricault: Three Lovers

Marlene hatte so eine Ahnung gehabt, dass er bald wieder auftauchen würde. Die Möglichkeit, dass er vielleicht nicht allein sein würde, hatte sie hingegen nicht bedacht. Karen wirkte scheu, fast ängstlich, wie sie da neben Manuel stand, und für einen langen Augenblick wusste niemand so recht, was zu tun oder zu sagen war. Marlene hasste solche Situationen. Sie schämte sich für ihn, für sich, vor der anderen, die nicht aussah, als sei sie immer so blass und ernst, so unsicher. Die Kopfschmerzen kamen und gingen, unter ihrer Schläfe pochte es. Sie war kurz davor, die beiden freundlich hinauszubitten, aber in Karens Blick lag etwas, das sie gefangennahm.

Sie stellte sich vor, wie die beiden einander begegnet waren. Wahrscheinlich hatte er sie ins “Bateau Ivre” eingeladen. So, wie er eben alle ins “Bateau Ivre” einlud. Dort merkte man nichts vom Wetter und auch nichts davon, dass der Sommer vorbei war. Marlene wusste sehr genau, wie alles abgelaufen war. Ein wenig seitwärts, fast aus dem Augenwinkel, sah Manuel Karen beim Trinken zu. Sie hatte Wein bestellt, einen italienischen mit einem langen Namen. Ihm hatte gefallen, wie souverän sie ihn aussprach. Es klang ganz mühelos. Er mochte auch ihre Art, das Glas am Kelch zu halten, wohl, weil er dann ihre Finger sehen konnte, die ihm gefielen, weil sie so schmal und weiß waren. Sie hatte die Nägel in einem Rot lackiert, das fast zu aufregend war für ein solches erstes Treffen, und sie sah ihm zu, wie er ihr zusah. So ein Rot verrät viel. Es erzählte mehr als die Worte, die sie sprach. Er erfuhr, was Karen machte, wie sie ihre Tage verbrachte, wo sie arbeitete, und was, und dass sie seit ein paar Monaten allein sei. Ohne Freund. Er legte keinen Wert auf diese Erklärungen, aber er unterbrach sie nicht, schließlich wollte er sie weder verärgern noch ihren Redefluss stören. Sie hatte die linke Hand auf der Tischplatte abgelegt. Die roten runden Nägel an der hellen Hand auf dem weißlackierten Holz ließen ihn an die japanische Flagge denken. Sie redete, er starrte. Das ging eine ganze Weile so weiter, ihr fielen immer neue Dinge ein, die sie erzählen konnte, und er entdeckte immer mehr an ihr, das ihn berührte. Es dauerte lange, bis es ihm zuviel wurde und sein Verlangen, ihr die Worte mit der flachen Hand aus dem Kopf zu schlagen, lauter wurde als ihr Gerede.
“Ich weiß, wo wir hingehen“, sagte er, lächelte und stand auf.
“Wohin denn?”
Karens Blick war zum ersten Mal, seit sie miteinander sprachen, schwer zu deuten. Er meinte, darin eine große Neugier zu sehen. Und eine noch größere Angst vor dieser Neugier. Er war nicht sicher, was er lieber mochte. Ihr Gesicht gefiel ihm viel besser ohne diese Sicherheit, die zu Beginn darin gelegen hatte.
“Du hast mir geschrieben, dass du gern ein paar Dinge ausprobieren möchtest. Also komm. Lass uns etwas ausprobieren.”
Die Gehwege auf der Oranienstraße waren viel zu schmal, selbst bei diesem Wetter drängelten die Leute umher. Karen ging hinter ihm. Er griff ihre Hand und ließ sie auch dann nicht los, als sie längst in einer ruhigen Seitenstraße nebeneinander liefen.
“Sag schon. Wohin gehen wir?”
“Ich habe eine Bekannte. Wir besuchen sie. Jetzt. Du hast geschrieben, du würdest gern wissen wie das ist mit einer Frau. Find’s raus.”
Und nun waren sie hier.

Marlene ging auf die andere zu und nahm ihr die Jacke ab. Betrachtete die weiße Haut in ihrem Nacken und am Hals, auf der ein paar dunkle Muttermale saßen. Wie das Negativ einer Sternenkarte, dachte sie noch, und das war der letzte klare Gedanke für diesen Abend.

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Er hatte das schon ein paarmal gemacht – Frauen mit zu ihr gebracht. Er wusste, dass ihr das gefiel, und dass sie ihn am nächsten Morgen gehenlassen würde ohne Aufregung, ohne Drama, ohne langes Reden. Aber es war nie so gewesen wie mit Karen. Sonst war es ein ewiger Kampf um die Mitte gewesen, denn wer in der Mitte lag, hatte die besten Chancen, den Wettstreit um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Den Platz in der Mitte zu ergattern war schon ein Sieg. Wer in der Mitte lag, der hatte nicht den kalten Raum im Rücken, sondern immer die Haut der anderen. Wer in der Mitte lag, hatte die anderen wie ein Schutzschild um sich herum, ein Exoskelett.
Mit Karen gab es keinen solchen Wettkampf. Mit Karen waren sie zum ersten Mal ein verschlungenes, sich selbst verschlingendes Biest mit drei Köpfen, drei Zungen, sechs Armen, die das andere in sich erkundeten, als wäre es nicht fremd. Marlene streichelte über Karens Bauch, als er in ihr war, sah ihr in die Augen, sah ihre Sternenkartenhaut an, und Karen hielt sich an Marlenes Arm fest und hielt ihrem Blick stand. Auch, als Marlene die Hand um ihren Hals legte, ohne zu zögern zudrückte und ihrem Gesicht ganz nah kam mit dem ihren. Manuel küsste sie, gierig, glücklich, beide küsste er, nacheinander, nur, dass es eben kein Nacheinander mehr gab. Sie waren gleich. Gleichzeitig.
Die Nacht dauerte lang. Sie blieben.

Théodore Géricault: Three LoversErst als die Gäste schliefen, gab es wieder eine Mitte. Karen lag dort, erschöpft und verschmiert. Sie schlief auf der Seite, auf derselben wie Manuel, und beide hatten Marlene den Rücken zugewandt. Ihr Schlaf hatte etwas so Sorgloses und Unbeschwertes, dass Marlene unter der Last ihrer Seligkeit lange keine Ruhe fand, obwohl ihr Körper erschöpft war. Als gäbe es in diesem Raum immer nur Glück für zwei. Irgendwann sanken ihre Augenlider ganz von selbst.

Sie wurde wach von etwas, das sie an der Wange kitzelte, das dort krabbelte und kratzte. Mit Grausen dachte sie an die Fliege am Fenster, mit ihren langen Fliegenbeinen. Aber als sie die Augen öffnete, sah sie, dass es nur Karens Haare waren, die sie kitzelten, lockig und leicht wogte ihr Kopf im Takt ihres Atems, seines Atems, und Marlene hätte für einen kurzen, kleinen Augenblick einiges dafür gegeben, wenn zufällig eine Schere auf ihrem Nachttisch gelegen hätte. Aber dieser Augenblick war schnell vorüber. Karen wachte nicht auf, als sie ihr die Haare beiseite strich und sie von hinten umarmte. Marlene konnte nämlich sehr sanft sein, und ihre Hände waren federleicht.

 

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Jana Volkmann: Schwimmhäute (2012)
Mehr von Jana Volkmann:

„Schwimmhäute: 26 Metamorphosen“
Periplaneta Verlag
März 2012
ISBN 978-3940767929
www.jana-volkmann.de

Jana Volkmann

1983 in Kassel geboren. Studierte in Berlin, lebt und schreibt seit 2012 in Wien. Ihr Debüt „Schwimmhäute – 26 Metamorphosen“ erschien mit Lesungs-CD im März 2012 bei Periplaneta periplaneta.com. Lesungen in Wien, Berlin, Leipzig, Hamburg, Fribourg und anderen Städten (siehe z.B. http://www.facebook.com/SchamlosHarmlos). Im Web auf www.jana-volkmann.de

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