Bonny & Clyde (1)

Bonny & Clyde hatten sich in ihre beste bürgerliche Schale geworfen und bogen in Richtung Marienplatz ab, vorbei an den siebzehn grünen Minnas, die in Reih und Glied im Parkverbot standen und den Eindruck machten, als hätte eine Kohorte sie hier vergessen.

An einem Polizei-Mannschaftswagen zogen sich drei Polizisten um. Einer trug ein Donald-Duck-Shirt, das ihm hinten aus der Hose flatterte, während er sich erst in schwere, militärgrüne Kluft warf und dann eine kugelsichere Weste anlegte. Jedenfalls sah es wie etwas aus, dass Bonny & Clyde für eine kugelsichere Weste halten konnten.

Clyde wollte ein Buch über Power-Wording kaufen, Bonny begleitete ihn dazu in den Hugendubel am Marienplatz. Auf dem Marienplatz waren bereit die Gewerkschaftler aufmarschiert, Autonome oder das, was Bonny & Clyde dafür hielten, und verschiedene andere Personen mit bunten Fahnen.

„Wenn die bunten Fahnen wehen…“ summte Bonny.
„Geht die Fahrt wohl übers Meer…“ summte Clyde.
„Wir sind voll von subkutanem Faschismus.“ behauptete Bonny.

Sie ließen den Aufmarsch links liegen und marschierten auf die Rolltreppen zu, während hinter ihnen die Internationale oder ein anderes Demo-Lied gesunden wurde. Wartende Polizisten rauchten, milde Sorte, denn das Leben war ja hart genug.

„Mann, die greinen was zu zusammen.“ Bonny zeigte mit einem kurz gehobenen Kinn auf einen Mann in einem Anzug. „Der Anzug sitzt so schlecht, dass mir schummrig wird.“
„Das ist ist ein Sicherheitsfritze, Liebes, der passt auf, dass uns nichts passiert.“
„Sag mir lieber, warum die hier drin heizen, als wolle man im Januar Bücher im Bikini einkaufen. Die Leute sollen sich was anziehen, statt die Ölreserven des Irak zu verheizen, bloss um nackt shoppen zu können.“

Sie rollten weiter nach oben, am geheimnisvoll fehlenden vierten Stock des Münchner Hugendubels vorbei in die Philosophieabteilung. Clyde sah sich orientierend um, wurde aber nicht fündig und ging dann auf einen Informationsschalter zu. Die Angestellte, die noch bis vor einer Sekunde keine Aufgabe hatte, stand plötzlich von ihrem Hocker auf und ging woanders hin. Clyde sah, wie sie in ihr Handy tippte.

„Sehe ich das richtig, dass die Dienstleister hier vor Ihren Kunden fliehen?“ nörgelte er.
„Liebster, Du hast aber auch so was an dir, was wie ein Sonderwunsch aussieht.“

Ein Mann mit Hugendubel-Schildchen druckste sich an ihnen vorbei.

„Äh hallo, kennen Sie sich hier aus?“ rief Clyde.
„Äh, ja. Wenn’s sein muss.“
„Also, ich suche ein Buch zum Thema Power-Wording…“
„Power-was?“
„Power-Wording. oder so ähnlich. Allgemein betrachtet die Kunst, unangenehme Dinge positiv auszudrücken. Zum Beispiel statt zu sagen, Chef, was Sie da wollen ist hirnrissig und deswegen tue ichs nicht, sagen Sie, Chef, eine prima Idee, und ich finde, wir könnten ein noch besseres Ergebnis erzielen, wenn wir zusätzlich Dieses und Jenes tun, und das, was Sie dann vorschlagen, hat natürlich gar nichts mit seinem Müll zu tun, aber weil Sie es so positiv formuliert dargebracht haben, lobt er es, denn er hält es für das seine, und am Ende sind alle glücklicher und zufriedener, obwohl doch Sie Ihren Kopf durchgesetzt haben.“
„Verstehe. Äh, nö, nie gehört, nicht hier gesehen.“
„Ah so. Und, äh, haben Sie eine Idee, wo ich es versuchen könnte?“
„Neeee, ich glaube, hier wären Sie an und für sich schon richtig, aber leider… Sie könnten es natürlich mit Psychologie…“

Plötzlich entstand ein Tumult. Eine Gruppe von Demonstranten hatte sich in dem Stockwert breit gemacht und schenkte Fahnen mit der Aufschrift ‚Stoppt die Globalisierung der Buchverlage – Nieder mit der Verdummung der Medien!“ und ähnlich klugen Texten.

Bonny und Clyde wollten schon zur Abwärts führenden Rolltreppe fliehen, sahen dann aber, dass das unter Ihnen liegende Stockwerk vor lauter Militärgrün bereits überlief. Die Polizei kam von unten.

Erste Gummigeschosse prallten von der Decke. Die Demonstranten bildeten eine Kette zu den Bücherregalen und warfen mit Philosophie-Schinken nach den Beamten. Bonny und Clyde versteckten sich hinter einem Berg Esoterik-Fachliteratur, während Sartre, Nietzsche, Heidegger, Baudrilliard und andere Denker auf die Einsatzkräfte der Polizei niederregneten und an ihren Plexiglas-Schilden abprallten.

Die Philosophie erschöpfte sich jedoch schneller als gedacht, und so…

Antonjan Fellhagen

(exküntzlername 'jon do') ist autor, maler und fotograf und lebt in bremen | am liebsten schreibt er gebrauchstexte für die industrie, weil küntzla und adelige sonst arm sind und prostituierter dreck die meiste asche abwirft | findet den literaturapparat unappetitlich + aufgeblasen + fazinierend - jedenfalls den teil mit den texten

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