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	<title>Zarathustras miese Kaschemme &#187; Story</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Karriere</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 05:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Glück]]></category>
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		<category><![CDATA[Karriere]]></category>
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		<description><![CDATA[Ich war nervös. In einer Stunde sollte ich einen Auszug aus Schillers „Räuber“ vor der Aufnahmejury der hiesigen Theaterhochschule vortragen. Ich würde ein Schauspieler. Jemand, der so tut als ob.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Wasser in der Wanne war mittlerweile kalt, doch Didi wollte noch nicht raus. Mutter gab noch etwas warmes Wasser hinzu und rieb dann Didi’s Kopf mit Kindershampoo ein. Es roch nach Pfirsich und brannte nicht in den Augen. Didi schrie trotzdem und ich saß draußen in der Küche und versuchte zu Lesen. Bei jedem zweiten Satz verlor ich die Konzentration und nippte an meiner Tasse Tee. Wie das Wasser in der Wanne, war auch mein Tee mittlerweile kalt. Ich war nervös. In einer Stunde sollte ich einen Auszug aus Schillers „Räuber“ vor der Aufnahmejury der hiesigen Theaterhochschule vortragen. Ich würde ein Schauspieler. Jemand, der so tut als ob. Ich wollte eigentlich noch mal den Text durchgehen, aber ich hatte Bedenken, dass meine Nervosität mich dazu brachte, die ganze Sache noch mal derartig zu überdenken, dass ich am Ende die „Räuber“ in den Müll werfen würde. Scheiß auf Schiller. Scheiß auf das ganze Theater. Ich nahm meine Tasse und besuchte meine kleine Schwester und meine Mutter im Badezimmer. Ich setzte mich auf den Toilettendeckel und sah zu, wie Mutter mit einem kleinen Eimer Wasser aus der Wanne schöpfte und es dann Didi über den Kopf goss.</p>
<p>“Nimmst du den Bus?” fragte meine Mutter.</p>
<p>Natürlich nehme ich den Bus, ein Auto hatten wir ja nicht.</p>
<p>“Hast du ein frisches Hemd angezogen?”</p>
<p>Es war nicht frisch gewaschen, aber es sah gut aus und das musste reichen. Mutter schrubbte Didi das Shampoo aus den Haaren und kämmte mit den Händen noch mal durch.</p>
<p>“Ja, alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen,” sagte ich.</p>
<p>“Gleich fertig, lass die Augen noch zu,” sagte Mutter zu Didi und die wollte einfach nicht hören.</p>
<p>“Es brennt,” protestierte sie und Mutter reagierte schon gar nicht mehr darauf.</p>
<p>“Nimmst du deinen Lebenslauf mit?” fragte mich meine Mutter.</p>
<p>Nein, den denn würde ich nicht brauchen, zumal es sowieso nicht viel zu erwähnen gab. Doch ich log, ich sagte ich hätte alles parat. Meine Kleider, meinen Lebenslauf, mein optimistisches Lächeln.</p>
<p>“Mann, das ist ja mal was. Da wirst du ja bald dein eigenes Büro bekommen, was?”</p>
<p>Nein, das würde ich bestimmt nicht, denn es gab überhaupt kein Vorstellungsgespräch für ein Ausbildungsplatz als Bankkaufmann. Ich würde Schauspieler werden. So wie Klaus Kinski oder Armin Mueller-Stahl, oder vielleicht auch Komiker oder Kabarettist wie Dieter Krebs oder Dieter Hallervorden. Schauspieler, Mutter. Die, die so tun als ob. Ich hatte doch Talent, oder etwa nicht?</p>
<p>“Habe an alles gedacht, Mutter. Keine Sorge.”</p>
<p>“Na dann.” Mutter nahm sich ein Handtuch und half Didi aus der Wanne.</p>
<p>Während sie Didi trocken rieb, gab sie mir noch mal einen abschließenden Vortrag darüber wie glücklich ich mich schätzen sollte.</p>
<p>“Ich hatte nicht diese Möglichkeit, die du nun hast. Das ist wirklich was Einmaliges. Du wirst wohl der erste in der Familie sein, der Karriere macht.”</p>
<p>„Ja, so was in der Art.“</p>
<p>Ich lächelte nur bescheiden und nickte in einer Art und Weise, die ihr signalisieren sollte, dass ich den Vortrag nicht weiter hören wollte.</p>
<p>“Ich will Schokolade,” sagte Didi und hielt das Handtuch, dass Mutter ihr umgelegt hatte fest.</p>
<p>“Na, komm,” sagte Mutter und ich trat als Erster aus dem Badezimmer zurück in die Küche. Didi wurde in ihr Zimmer gebracht und aufs Bett gesetzt. Neben ihr lagen ihre Kleider, die sie heute in die Schule anziehen sollte. Ein schwaches Licht schien aus der halboffenen Tür in den Flur und ich konnte die flüsternden Worte meiner Mutter hören, die Didi dazu bringen wollte sich endlich anzuziehen und die Schokolade zu vergessen.</p>
<p>“Ich will aber noch Schokolade,” hörte ich Didi, die gar nicht daran dachte zu flüstern.</p>
<p>“Du hast dir aber schon die Zähne geputzt.”</p>
<p>“Aber ich esse doch bald sowieso was…”</p>
<p>“Das erste am Tag muss aber nicht gleich Schokolade sein.”</p>
<p>Danach war nur noch der Fön zu hören.</p>
<p>Ich derweilen blickte hinab auf meine billigen Lederschuhe mit den nervigen Gummiabsätzen, in denen ich mir vor kam wie ein Clown. Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich mich beim Zirkus beworben hätte. Mein dunkles Jackett, die dunkel-blaue Hose dazu und meine gestylten Haare, die ich wahrscheinlich besser unter einer knallroten Perücke verstecken sollte. Ich sah rüber zur Tür, das kleine Mädchen mit dem verweinten Gesicht stand dort in ihrer Regenjacke und ihrem Tornister umgeschnallt.</p>
<p>“Schokolade,” sagte sie.</p>
<p>“Schokolade willst du?” fragte ich und sie nickte.</p>
<p>“Später kannst du Schokolade haben”, sagte meine Mutter und schlängelte sich neben Didi vorbei.</p>
<p>Ich nahm mir eine saubere Tasse aus der Spüle und trocknete sie mit dem Handtuch ab.</p>
<p>„Ich bring Didi jetzt. Wenn ich zurück komme, bist du bestimmt schon weg.“</p>
<p>„Ja, das ist gut möglich“, sagte ich und goss mir frischen Kaffee ein. Ich nippte an der Kaffeetasse und machte mir schon mal erste Gedanken, was ich später erzählen würde.</p>
<p>"Na, würde meine Mutter fragen, "wie lief das Gespräch?"</p>
<p>"Super", würde ich dann sagen, "ich hab vielleicht die Stelle."</p>
<p>"Dann kann es ja losgehen mit der Karriere." Und ihre Augen würden voller Stolz funkeln und mich anschauen.</p>
<p>"Ja, das kann es dann wohl", würde ich antworten und voller Scham weggucken.</p>
<p>Anderthalb Stunden später stand ich in der Lagerhalle der Spedition und ein Mann mit blauem Kittel und Firmenlogo auf der Brust zeigte auf die Dachrinnen, die in großen Plastikbeuteln verpackt waren.</p>
<p>„Die kannst du schon mal auspacken. Die langen kommen in den Container A, die mittleren in den Container B und die kurzen in Container C. Hast du das alles verstanden?“</p>
<p>Ich nickte und zog mir die Handschuhe an. Ich würde der erste in der Familie sein, der Karriere macht.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Silberstreifen am Horizont</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 05:00:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[moderne]]></category>
		<category><![CDATA[office]]></category>
		<category><![CDATA[rituale]]></category>
		<category><![CDATA[tristesse]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Flure des Arbeitsamtes bevölkern Verwahrloste. Entweder stinken sie still vor sich hin, oder sie dehnen ihre Stimmtaue.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Aurora, die Sau, grinst mir ins Gesicht, so dass ich Geist und Augen öffnen muss. Jetzt muss ich ihr zusehen, wie sie mich auslacht. „Nichtsnutz“, ruft sie, „füg’ dich in die Gesellschaft und steh auf!“<br />
Ich fauche: „Verpiss dich!“ Dann quäle ich mich aus dem Bett und hauche die Fenstervorhänge herunter.<br />
Telefonschrillen. Ich nehme den Hörer, frage ihn „Hallo?“ und höre ein hundertfaches Echo von überallher.</p>
<p>Die Flure des Arbeitsamtes bevölkern Verwahrloste. Entweder stinken sie still vor sich hin, oder sie dehnen ihre Stimmtaue. Ein Alkoholfahnenträger fällt aus dem Zimmer mit der Aufschrift „MK- MKM“ heraus. Er grölt: „Dich mach’ ich alle, Aller! Worauf du einen lassen kannst.“ Ich gehe an dem Giftgewöhnten vorbei ins Büro. Dort spielt mir ein blasensaftbesudelter Stuhl beinahe einen Streich. Der Beamte bedeutet die Gefahr. Er öffnet das Fenster und versprüht Fichtenduft aus der Dose.</p>
<p>Endlich sitzen wir uns gegenüber, und er fragt: „Was kann ich für Sie tun?“<br />
„Ich suche Arbeit.“<br />
„Aha. Name?“<br />
„Eos.“<br />
„Und weiter?“<br />
„Wie weiter?“<br />
„Ihr Nachname?“<br />
„Eos.“<br />
„Ja, dann sind Sie bei mir falsch. Melden Sie sich im Zimmer 0815.“<br />
„Wieso?“<br />
„Heute ist Vollmond.“ Der Amtmann dreht seinen Stuhl und mir den Rücken zu. „Und jetzt ist Mittag. Guten Tag.“<br />
„Aber ich such’ doch Arbeit.“'<br />
„Suchen Sie im Zimmer 0815!“</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Auftrag</title>
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		<pubDate>Mon, 10 May 2010 05:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[absurd]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstmord]]></category>

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		<description><![CDATA[„Wedelmaier! Wahnweiler Markt 3, Kolonialkunst Rostbaum.“
„Alles klar, Chef“, und ab.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Und so sieht sich Seppo auf der Straße wieder, was ihm nicht bekommt. Eben hat er noch im sicheren Kontor gesessen, nun sieht er sich den möglichen Blicken vieler Menschen ausgesetzt.</p>
<p>Seppo saß gerade beim Frühstück, als sich die Tür öffnete: „Wedelmaier! Wahnweiler Markt 3, Kolonialkunst Rostbaum.“<br />
„Alles klar, Chef“, und ab.<br />
„Pichler! Altona, Sackgasse 7, bei Schwatzke.“<br />
„In Ordnung“, geht.<br />
„Und Sie, Seppo“, schmatzte die Chefschabe und blinzelte, „Sie fahren zur Hoheluftbrücke und springen dort ins Wasser!“<br />
„Aber“, stotterte Seppo und ließ sein Wurstbrot fallen, „aber Chef, ich bin noch nie im Außendienst gewesen.“<br />
„Sie sehen doch, wir kommen mit der Erledigung der Aufträge nicht mehr hinterher. Da müssen Sie mit ran.“<br />
„Und die Verwaltung?“ flehte Seppo. Er stand auf und stammelte: „Wer kümmert sich darum?“<br />
„Keine Sorge, da haben wir schon Ersatz.“<br />
„Aber...Chef, Chef!“ heulte Seppo und sank auf die Knie. „Ich habe doch noch nie im Außendienst gearbeitet.“<br />
„Lassen Sie sich nicht so gehen!“ barschte der Boss. „Kopf hoch, da müssen Sie jetzt durch!“ Und bevor die Chefschabe ihre Bürotür schloss und den Riegel ein für allemal vorschob, lugte sie ein letztes Mal zu Seppo, der zu Boden gesunken war, zurück. Unter Verzerrung der Gesichtsmuskeln zu einer Fratze drückte ihm das Insekt den Daumen.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1377" title="spring" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/spring-250x80.jpg" alt="spring" width="250" height="80" />Als sich Seppo auf der Hoheluftbrücke stehen sieht, wird ihm ganz anders zumute. Er schließt die Augen und pumpt Luft in die verkrampften Lungenflügel. Ganz und gar nass geschwitzt hat er sich. Schließlich kann sich das Wasser nicht länger in der Blase halten. Es sickert durch den überforderten Muskel. Dann durchläuft ihn eine trügerische Ruhe und Klarheit. Plötzlich springt er über das Brückengeländer. Einige Passanten laufen zu der Stelle, an der sie ihn springen gesehen haben, aber nachdem die letzten Luftblasen auf dem Fluss zerstoben sind, geht jeder wieder seiner Wege.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Einer kommt und einer geht</title>
		<link>http://kaschemme.de/2010/05/einer-kommt-und-einer-geht/</link>
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		<pubDate>Mon, 10 May 2010 05:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Hotel]]></category>
		<category><![CDATA[schreiben]]></category>
		<category><![CDATA[treiben]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich sehnte mich nach einem Glas Wasser oder was noch viel besser wäre, einem kalten Bier. Die Mittagssonne stand am Himmel, glänzte und brannte uns entgegen wie ein Feuerball. Meine Kehle war getrocknet und auf der Zunge lag noch immer der viel zu süße Geschmack des Zuckers aus dem Kaffee.

“Ich hab noch ein paar Dollar, wir sollten uns ein Bier besorgen”, sagte ich und deutete auf ein kleines Lokal.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war an einem Mittwochmorgen. Ich saß auf der schwarzen Ledercouch und lauschte der sanften Stimme der Sekretärin, die keine vier Meter vor mir hinter ihrem Schreibtisch saß und beruhigend in den Hörer sprach. “Er wird sich bei ihnen melden... ja, sicher ... vielen Dank ... auf Wiederhören.” Ich schaute über den kleinen Zeitungsstapel, der auf dem Tisch lag, unter ihnen der “New Yorker”, ”LA Weekly”, die “New York Times” und die “Los Angeles Times”. Ich las über die Titelblätter: <em>Democracy in Iraq,  Colombia army chief linked to outlaw militias, Broken Bridges, Yankees On The Run</em>. Ich lehnte mich an und kratzte ungeduldig mit den Fingernägeln über die Zähne. Die Sekretärin blickte mit einem nicht überzeugenden Lächeln rüber und tippte dann weiter auf ihrem Notebook herum. Ich lächelte zurück, doch da schaute sie schon lange wieder auf den Bildschirm. Die Bürotür ging auf und ein Mann in den späten 30gern, mit gebügeltem weißen Hemd und einer gepunkteten blau-weißen Krawatte, kam herausgeschossen.</p>
<p>“Francis…? Francis…” Er versuchte sich zu erinnern, machte dann einen großen Schritt auf mich zu und reichte mir die Hand. “Francis Moon”, platzte es schließlich aus ihm heraus. Er zog mich vom Sessel hoch und führte mich in sein Büro. “Keine Anrufe”, rief er der Sekretärin zu und schloss die Tür hinter sich. Ich stand in seinem Büro. Ein heller Raum im dritten Stock mit Ausblick auf eine T-Kreuzung und ein gut besuchtes Café.<br />
”Nehmen Sie doch bitte Platz”, sagte er und ging rüber zur Kaffeemaschine. “Auch einen?”</p>
<p>“Sicher”, sagte ich und nahm auf dem breiten Ledersessel Platz.</p>
<p>“Schwarz oder mit Milch?”</p>
<p>“Milch.”</p>
<p>“Ein oder zwei Würfel Zucker?”</p>
<p>“Fünf.”</p>
<p>Er lachte, warf gleich sechs Stücke rein, verrührte die Dosenmilch darin und reichte mir die Tasse rüber.</p>
<p>“Ich hab mir ihre Texte mal angeschaut”, sagte er halb aus der Tasse schlürfend und zu seinem Bürosessel eilend. Er war eine nervöse Persönlichkeit. Keine zwei Sekunden vergangen ohne ein flinkes Autozwinkern, oder einer raschen Handbewegung.</p>
<p>“Gefällt mir ganz gut.”</p>
<p>“Das freut mich”, sagte ich und nahm vorsichtig einen Schluck. Ich verzog das Gesicht. Der Kaffee war viel zu süß.</p>
<p>“Na, zu süß, nicht? Das wusste ich. Hab zur Vorsicht noch einen nachgeworfen.”</p>
<p>“Danke”, sagte ich halbgrinsend.</p>
<p>“Willst Du einen Neuen?”</p>
<p>“Nein, danke. Es geht schon.”</p>
<p>Ich war gespannt, was aus diesem Gespräch mit Charly Fish werde könnte. Vor zwei Monaten hatte der richtige Francis Moon seinem Magazin eine Kurzgeschichte geschickt und sah dann, dass sie in der aktuellen Ausgabe des “Yap Yap Magazine” nicht zu lesen war. Dann eines Tages rief seine Sekretärin an und bat Francis vorbeizukommen. Was war denn nun an seiner Geschichte, die Charly nicht gut genug für sein “Yap Yap” (ein doch sehr gut angesehenes Literaturmagazin in Autorenkreisen) hielt, wirklich dran?</p>
<p>“Deine Geschichte, genau…” redete er sich aus seinem zu vorigen Gedanken heraus, "die ist schon was.”</p>
<p>“Das ist gut”, antwortete ich in bescheidener Manier und fühlte mich zum ersten Mal hinters Licht geführt.</p>
<p>“Hast Du noch mehr geschrieben?”</p>
<p>“Ja, sicher, aber die Anzeige gab an nur eine Geschichte einzusenden.”</p>
<p>“Ja ja. Ich weiß. Unter die besten hast du es leider nicht geschafft, aber das liegt nicht an der Qualität der Geschichte, sondern an der Art und Weise ihrer Arbeit.”</p>
<p>“Wie meinst du das?”</p>
<p>“Du hast großes Talent…entweder wird daraus noch was oder du bleibst das ewige Talent, verstehst Du?”</p>
<p>Ich blickte hinter ihm durchs Fenster, sah die Straße runter bis zur Kreuzung und beobachtete die Leute die sich im Café trafen, sich unterhielten und lachten. Charly drehte sich zum Fenster.</p>
<p>“Kennst Du den Laden?”</p>
<p>Ich schüttelte den Kopf. “War schon lange nicht mehr in einem Restaurant oder einem Café”, sagte ich und nahm einen Schluck aus meiner Kaffeetasse. Umso näher ich dem Boden kam, umso süßer wurde es. Bald konnte ich den Zucker auf meinen Zähnen knirschen hören.</p>
<p>“Willst Du rüber gehen auf’n Sandwich?” fragte Charly und sah zu mir mit einem hängenden Blick voller Mitleid. Ich kam mir bescheuert vor. Mein Magen hatte schon mehrere Male geknurrt und ich wollte das Angebot einfach nicht annehmen. Das musste ich mir wirklich nicht an tun. Man kann arm sein, aber das doch bitte mit Würde.</p>
<p>Wir gingen runter zur <em>Melrose Ave.</em> und schlenderten an den Shops und Cafés vorbei.</p>
<p>„Los Angeles ist eine mystische Stadt, findest du nicht? Ein modernes Sodom."</p>
<p>Charly rieb sich die Schweißperlen von der Stirn und blinzelte hoch zur Sonne.</p>
<p>"Ich frage mich, wann das große Beben kommt und uns auffrisst."</p>
<p>Ich sehnte mich nach einem Glas Wasser oder was noch viel besser wäre, einem kalten Bier. Die Mittagssonne stand am Himmel, glänzte und brannte uns entgegen wie ein Feuerball. Meine Kehle war getrocknet und auf der Zunge lag noch immer der viel zu süße Geschmack des Zuckers aus dem Kaffee.</p>
<p>“Ich hab noch ein paar Dollar, wir sollten uns ein Bier besorgen”, sagte ich und deutete auf ein kleines Lokal, dass an der Ecke auf der anderen Seite lag.</p>
<p>“Fein”, sagte er und drehte sich zum Bordstein um die Straße zu passieren. Wir liefen rüber und nahmen uns einen Tisch für Zwei neben zwei jungen Mädchen draußen vor dem großen Fenster. Bald kam der Kellner und nahm unsere Bestellung auf.</p>
<p>“Weißt Du was, ich hab’s mir anders überlegt. Bring mir doch bitte ne Margarita, schön kühl”, sagte Charly zum Kellner und zeigte dann auf mich.</p>
<p>“Ich nehme ein Bier, was Importiertes, wenn’s geht.”</p>
<p>Der Kellner machte sich seine Notiz und zog ab.</p>
<p>„Du gefällst mir“, sagte er und lächelte.</p>
<p>Ich lächelte zurück.</p>
<p>Er kratzte sich an der Stirn und blickte zur Seite. Er wurde etwas nervös und ich hatte das Gefühl, ich würde wieder in seinem Büro sitzen und wäre sein Angestellter und genau in diesem Moment würde ich gefeuert werden. Dann kamen die Getränke, aber ohne sein Glas zu beachten schaute er daran vorbei und mir direkt in die Augen.</p>
<p>„Das mit deinen Geschichten das wird nichts mehr. Sie sind einfach Scheiße. Versuch am Besten mal anderes. Malst du gerne?“</p>
<p><em>Fuck you</em>, schoss mir durch den Kopf.</p>
<p>„Sehr gerne“, sagte ich und trank mein Bier in einem Zug leer.</p>
<p>Mit großen Augen verfolgte er wie mein Glas wieder auf dem Tisch platziert wurde. Ich hatte ihn beeindruckt.</p>
<p>„Ich geh dann mal“, sagte ich und verschwand.</p>
<p>Eine Stunde später befand ich mich wieder im Süden der Stadt und trabte langsam den staubigen und steinernen Weg, der sich bei den Schienen am LAX zum Freeway hin lang zog. Eine mageres Abbild einer vergessenen Wüste aus Abfallresten, grauen Steinen und zerplatzten Reifen. Neben mir einmal mehr die Straße, die in ihrer Abgeschiedenheit fast noch mehr an eine Wüste erinnerte. In knapp 40 Minuten würde ich wahrscheinlich bei ihm sein, wäre da nicht dieses unwohle Gefühl in der Magengegend, dass mich dazu veranlasste, möglichst bald eine Toilette aufzusuchen erzeugen. Beim nächsten Motel machte ich halt und klingelte an der Rezeption. Ein alter Koreaner trat hinter der Glasscheibe hervor, seine Augen ganz klein durch die dicken Brillengläser.</p>
<p>“Guten Tag”, begrüßte ich hin und wischte mir den Schweiß von der Stirn. “Ganz schön heiβ da draußen”, sagte ich.</p>
<p>“Wollen Sie Zimmer?”</p>
<p>“Ja…ich meine…nein. Ich müsste mal aufs Klo. Haben Sie ne Toilette hier?”</p>
<p>“Nur Mitarbeiter.”</p>
<p>“Ah, okay. Könnte ich vielleicht eines der Zimmer mal kurz benutzen?”</p>
<p>“Sie wollen Zimmer?”</p>
<p>“Ja, aber nicht für lange. Ich müsste nur mal aufs Klo. Ginge das? Ich weiß, das klingt merkwürdig, aber…”</p>
<p>“Sie wollen auf‘s Klo?”</p>
<p>“Ja.”</p>
<p>“Ich kann sie nicht in ein Zimmer lassen für Toilette.”</p>
<p>“Sie können doch im Zimmer auf mich warten. Dauert nicht länger als fünf Minuten.”</p>
<p>“Kann nicht machen.”</p>
<p>“Drei Minuten.”</p>
<p>“Nein. Geht nicht.”</p>
<p>“Okay, was kostet das Zimmer für drei Minuten?”</p>
<p>“Geht nur Tag oder Woche. Ein Tag 33. Eine Woche 151. Plus Steuern.”</p>
<p>“Aber ich….” Bevor ich weiter auf der Toilettendebatte herumritt, genehmigte ich mir einen Blick durch die kleine Empfangshalle. Von einer Halle konnte man nicht sprechen, aber die Wände schienen frisch gestrichen, die Pflanze, die auf dem Ecktisch mit den gepolsterten Stühlen stand war echt und die Klimaanlage in der Ecke funktionierte auch. Ich konnte wenn ich meine beiden Arme ausstreckte die Wände an beiden Seiten berühren und auch wenn der Ort klein und kalt wirkte, konnte von Dreck oder Verfall soweit keine Rede sein.</p>
<p>“Sagten sie 151 für eine Woche? Plus Steuern?”</p>
<p>“151 für Woche. Plus Steuern.”</p>
<p>Mein Lächeln kam zurück und ich unterdrückte die Magenschmerzen.</p>
<p>“Können sie einen Dollar wechseln?”</p>
<p>Es klingelte zweimal, dann nahm er ab.</p>
<p>“Rudy?” fragte ich in den Hörer. Rudy war mein Vermieter und neuerdings Hundezüchter. “Was machen die Dobermänner, Rudy?”</p>
<p>“Das sind Pitbulls, Mann.”</p>
<p>“Hör zu Rudy, ich zieh vielleicht aus.”</p>
<p>“Das sagst du schon seit zwei Monaten. Was ist überhaupt mit den letzten beiden Monatsmieten…?”</p>
<p>“Ich weiß, Rudy. Ich weiß. Ich wollte dir nur Bescheid sagen. Ich komm nachher mal bei dir rum, okay? Sperr nur vorher deine Bullterrier ein.”</p>
<p>“Das sind Pitbulls, Mann.”</p>
<p>Ich hing auf, lies die anderen drei 25 Cent Stücke in meiner Hand klimpern und rechnete mir aus, wie ich die erste Woche überleben könnte. Es wäre nicht allzu schwer. Knapp 215 Dollar sind mir noch geblieben und am Ende der nächsten Woche wäre mein nächster Scheck fällig.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1324" title="matraze_350x250" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/01/matraze_350x250-250x250.jpg" alt="matraze_350x250" width="250" height="250" />Ich nahm mir ein Zimmer und ruhte mich ein paar Minuten auf dem Bett aus. Es war ein wunderbares Gefühl. Ein altes Radio mit hölzerner Verkleidung stand auf dem kleinen Nachttisch. Ich suchte einen Sender und hörte bald die Stimme Frank Sinatras, die in lieblicher Agonie <em>“In the Wee Small Hours of the Morning”</em> sang. Ich bekam irgendwie gute Laune, auch wenn mich, dass alles auch irgendwie ziemlich runter zog.  Bald würde es wieder anfangen, dass ich mich beschissen fühlte. Die gute Laune würde nicht lange anhalten, da war ich mir sicher. Ich verließ das Zimmer und das Motel und suchte mir einen Schnapsladen. Mit einem Sechserträger Bier und einer Flasche Whiskey ging ich wieder auf mein Zimmer und feierte ein wenig bei melancholischer jazziger Musik. Es war großartig. Alles war vergessen. Die Autorenkarriere, die zahlreichen Geschichten, die Arbeit und das öde Leben. Als es anfing zu dämmern (draußen und in meinem Kopf), machte ich mich auf vors Motel, um noch eine zu rauchen. So gut hatte mir schon lange keine Zigarette mehr geschmeckt. Ich war total benebelt. Alles drehte sich und der Himmel schaute auf mich herab, wie ein großes schwarzes Auge.</p>
<p>“Nicht ein Stern zu sehen”, sagte ich mir und blickte auf. Mir wurde irgendwann kalt und ich ging zurück zur Eingangstür. Ich hörte ein Motorrad die Straße entlang dröhnen und drehte mich noch einmal um. Auf der anderen Seite sah ich einen Obdachlosen den staubigen Weg entlanggehen. Ein trauriges Bild. Er war kaputt, stand kurz vor dem Zerfall. Er war gebeutelt von diesem Leben. Ein langer zerfetzter Mantel, Vollbart im Gesicht und zerrissene Joggingschuhe. So schlimm hatte es mich nicht erwischt. Er hatte die alten Kleider, die dreckige Straße. Ich hatte das warme Bett, den Whiskey und das Bier. Ich verschwand in meinem Zimmer und stellte das Radio wieder an. Immer noch, oder schon wieder Sinatra. Er sang <em>„That’s Life“ </em>und ich musste an den einsamen Menschen denken, der jetzt durch die dunklen Straßen lief.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Der Nurkörpermann</title>
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		<pubDate>Mon, 03 May 2010 15:10:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es war ein nieselnasser Novembermorgen, als der dicke Herrmann mit seinem Führer und andern Hysterikern von München nach Berlin aufbrachen. Dort wollten sie das Regierungsruder an sich reißen, um das Reich in einen Krieg zu steuern.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es war ein nieselnasser Novembermorgen, als der dicke Herrmann mit seinem Führer und andern Hysterikern von München nach Berlin aufbrachen. Dort wollten sie das Regierungsruder an sich reißen, um das Reich in einen Krieg zu steuern.</p>
<p>Als sie aus dem Bürgerbräukeller hinaus in den Regen traten, mauserten sich Herrmann, sein Führer und die andern Aufgeregten von Idioten zu Putschisten.</p>
<p>Der warme Ernst kniff Herrmann in den Hintern. Dabei verkniffen sich die Schmisse seines Latrinengesichts. Der Dicke drängelte sich nach vorn, er drängelte sich zu seinem Führer in die erste Reihe. Vor diesem wusste er sich sicher. Adolf stand nur auf sich selbst...und auf Schäferhunde.</p>
<p>„Heil Herrmann!“ höhnte Hitler, „Schon so früh auf den Beinen?“</p>
<p>„Ja, mein Held. Ich weiß doch, wie wichtig dir die Macht ist.“</p>
<p>Vor der Feldhurenhalle sperrten Polizisten die Straße ab. Sie versperrten den Weg, besorgt, die Umstürzler könnten sich Blasen laufen. Die Landsknechte wussten, was Gewehre sind. Sie zeigten keine Angst vor ihnen. <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Goeringcaptivity.jpg&amp;filetimestamp=20061015064455"><img class="alignright size-full wp-image-1373" title="Bild: Hermann Göring in captivity May 9, 1945" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/goeringcaptivity.jpg" alt="goeringcaptivity" width="200" height="331" /></a>Die Putschproleten marschierten auf die Postenkette zu. Sie hatten einen wichtigen Wahn zu erfüllen: Sie müssten, wähnten sie, Teutschland retten; vor wem oder was, stand im Kaffeesatz. Doch die Liktoren feuerten aus ihren Feindschaftsflöten, dass es donnerte und krachte. Geschrei und Blutspritzerei. Weltkriegsverlierer Ludendorff, auch er war dabei, passierte die Polizeikette. Die Kugeln machten einen großen Bogen um ihn. Zweizentnerherrmann aber traf es im Schritt. Seine Samenbank wurde zu einem Großteil weggerissen. Nur ein Nebengebäude konnte gerettet werden.</p>
<p>Zwanzig Jahre später - endlich hatten sie ihren Krieg! - soff Dreizentnerherrmann in einem Offizierskasino. Längst war er zum Massenmörder aufgestiegen und gereift. Vor Fliegerasseln rühmte sich der Morphinist damit, mit seinem Restsack, mit seinem Fetzen zwei Kinder gezeugt zu haben. „Los, lobt mich!“ lachte er, „Oder wollt Ihr ins KZ?“</p>]]></content:encoded>
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		<title>Ein erfülltes Leben</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Apr 2010 05:00:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<description><![CDATA[Ich machte dort weiter, wo ich letzte Nacht irgendwann gegen Viertel vor 4 aufgehört hatte. Jede Nacht holte ich mir zwei Dosen Bier verfeinert mit Ginseng, Taurin und Erdbeerextrakten und las auf dem Boden sitzend den schwarzen Himmel.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich saß um kurz nach 3 Uhr morgens auf dem Bordstein vor dem Supermarkt und biss gierig in den Schokoriegel. Ich dachte an meine Fahrt auf dem Fahrrad hier her, die schmalen leeren Gehwege entlang mit den Autos, die links an mir vorbeizogen. Darin saßen ihre Fahrer auf dem Weg zu ihren warmen Apartments oder Häusern. Dort wo ihre Freunde oder die Familie auf sie warteten um zu trinken, zu reden und Partys zu feiern. Ich feierte für mich selber, den kalten Abend, entlang den hart arbeiteten Sprinklern, die auβer den Rasenflächen vor den Häusern auch meine Hosenbeine bespritzten. Verdammt. Die Autofahrer hatten ihre Scheibenwischer, ich hatte die feuchten Bremsspuren. Die hatten die warmen vollen Häuser, ich hatte die dunklen leeren Gassen.</p>
<p>Ich aβ meinen Riegel auf und steckte mir eine Zigarette an. Mein Fahrrad stand drüben an dem Pfeiler, der eine Reklametafel hielt, angelehnt, zwischen den ganzen Autos meiner Mitarbeiter. Einmal mehr spielte ich mit dem Gedanken, auf den feuchten Sattel zu springen und einfach nach Hause zu fahren. Scheiß doch auf alles. Dieser Job war es nicht wert zu leiden. Ich rauchte auf und ging zurück in den Markt.</p>
<p>Bevor es zehn Uhr war, hatte ich Frühstück und Mittag gegessen und setzte den Tag mit kanadischem Whisky für 9 Dollar die Flasche fort. Ich machte dort weiter, wo ich letzte Nacht irgendwann gegen Viertel vor 4 aufgehört hatte. Jede Nacht holte ich mir zwei Dosen Bier verfeinert mit Ginseng, Taurin und Erdbeerextrakten und las auf dem Boden sitzend den schwarzen Himmel. Keine Sterne, nur der Vollmond, der zwischen den Palmen, die am Straßenrand standen hindurch strahlte. Was tat ich hier? Jede Nacht war dieselbe Nacht und jede Nacht war derselbe passive Wutanfall, der in Form eines Rülpsers nach draußen brach. Jede Nacht zählte ich die Sekunden und sehnte mich dem Feierabend entgegen, nur um nach Hause zu fahren, dort noch ein Bier zu trinken und dann todmüde zum nächsten Job, der sowieso nicht genug Geld einbrachte zu eilen. Vielleicht war es an der Zeit für eine Veränderung? Nein, ich denke, diese war schon lange überfällig.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1355" title="nachtmarkt" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/04/nachtmarkt-250x250.jpg" alt="nachtmarkt" width="250" height="250" />Nachts füllte ich die Regale im Vierundzwanzig-Stunden-Supermarkt, tagsüber saß ich dann zu Hause, rauchte eine Zigarette nach der anderen und sah wie das Bier und der Whisky immer weniger wurde, bis schließlich nichts mehr da war, nur die Müdigkeit, die es mir versagte, noch mal los zu ziehen, um Nachschub zu holen. Bald war der zweite Job dahin.</p>
<p>Es war ein Montagmorgen. Ich legte mich aufs Sofa und döste vor mich hin. Ich stand wieder auf, tippte ein paar Zeilen und spielte ein wenig Musik. Kein Buch, das ich begonnen hatte, war fertig, und ich hatte das Gefühl, mir lief die Zeit davon. Zu viele Jahre waren schon verschenkt, doch den Jahren war es egal. Die zogen vorbei wie die Wagen und Flugzeuge jede Nacht, in denen ich hätte sitzen können auf dem Weg in die lohnende Erleichterung, die sich von der Seligkeit nährte. Alles nur dummer Idealismus. Ein Traum - mal wieder. Ein weiterer Traum, der eine Nummer zog und brennend darauf wartete erfüllt zu werden. Wie sah denn die Realität aus? Zu wenig Schlaf, zu wenig fertige Bücher, zu wenig Geld und zu viel Alkohol. Ende.</p>
<p>Die Tage gingen so dahin. Ich schaute mir koreanisches Glücksrad im Fernsehen an. Ich hatte mir zwei Pizzabrote für drei Dollar besorgt und kaute nun auf der flauen Salamischeibe herum und hoffte, dass ich bald satt sein würde. Das ganze Ding würde ich nie und nimmer runter bekommen. Der Käse schmeckte nach abgestandener Milch und die Wurst nach Salz und das war‘s. Bloß schnell den Magen voll kriegen, dann eine rauchen und anschließend vor dem Fernseher einschlafen bis der Wecker klingelt.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Bettgeschichten</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 22:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kaya Presser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[liebe]]></category>
		<category><![CDATA[phantastisch]]></category>
		<category><![CDATA[seltsameDinge]]></category>
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		<description><![CDATA[Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen wegen des Sonnenbrands abschält, spüre das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar und die Kuhle ihres Rückgrats, die rauhe Hornhaut an ihren Füßen, die sich in mich stemmen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1324" title="matraze_350x250" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2010/01/matraze_350x250-250x250.jpg" alt="matraze_350x250" width="250" height="250" />Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen wegen des Sonnenbrands abschält, spüre das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar und die Kuhle ihres Rückgrats, die rauhe Hornhaut an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres kleinen Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich immer schneller auf mir und plötzlich flucht sie: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, das macht mehr Lärm als ich!“ Dann lacht sie auch noch. Ich aber finde das nicht komisch.</p>
<p>Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, breit genug für zwei, die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, ich habe Qualität. Ich muss mich jetzt beschimpfen lassen? Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, es zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stehe stets zur Verfügung, wenn jemand mich braucht, ich scheue keine Beschwerlichkeiten. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze, ich könnte die Menschen hassen, aber ich liebe sie, sie sind alles, was ich habe. Ich liebe die, die auf mir leben, ich will sie fühlen und hören, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gehen, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den bewegungslos erschöpften und den unruhigen, das Wachliegen und Hin-und-Her-Wälzen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.</p>
<p>Ich bin imprägniert von Schweiß und Blut, besudelt von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, mit Speichel und Tränen und mit Urin und Rotwein und Kaffee, beschmutzt von den Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. All das ist tief in mich eingedrungen. Mein blaues Blumenmuster ist verblasst, ich bin befleckt in unzähligen Farben, von verglimmenden Kippen durchlöchert, von Fingernägeln sprödgerissen, selbst gebissen wurde ich ab und an, aber auch geküsst vor Erwartung und vor Sehnsucht im Unglück.</p>
<p>Das Leben hat Spuren hinterlassen auf mir, ich bin nicht mehr makellos und nicht mehr schön anzuschauen und die dünnen Leintücher haben meine Fehler nur unzureichend bedeckt. Deshalb haben sie mir eines Tages einen Überzug verpasst, der die Befleckungen verstecken soll, mich auf allen Seiten fest umschließt und sich nach Plastik anfühlt. Ich erinnere mich an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und beengender und jedes Geräusch leiser. Wenn niemand im Zimmer ist, dann bin ich jetzt tatsächlich ganz alleine und langweile mich, ferne Geräusche dringen nicht mehr zu mir. Seitdem sie mich verpackten, schwitze ich, wenn die Sonne auf mich scheint, so wie heute. Ich spüre nicht mehr jeden sanften Windhauch, nur noch den Herbststurm, wenn jemand das Fenster geöffnet lässt. Der Vogelsang, das Rufen der Schwalben und Gurren der Tauben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft und die Akkordeonklänge der Straße dringen kaum noch zu mir. Die Gespräche der Menschen muss ich erraten, wenn sie nicht direkt an mich, in mich sprechen, auf mir ruhend.</p>
<p>Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht, nicht auf die Idee verfallen, es sei überhaupt möglich. Das macht sie angenehm. Oft ist es ihre erste Reise, ihre erste fremde Stadt gemeinsam mit ihrem Geliebten. Das Zimmer ist so eng, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.</p>
<p>Ich mag das. Dann spüre ich ihre Körper, dann kann ich ihren Gesprächen lauschen, wenn sie mir nah sind, auf mir liegen, dann genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich dennoch ein wenig, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in den Straßen dieser sogenannten Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niederfallens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Tuns in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.</p>
<p>Auch das junge Paar, das erst gestern hier angekommen ist, für das es noch viel zu entdecken gäbe dort draußen, auch sie sind heute bereits zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem mit Käse belegten Baguette, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein auf mir, das Becken kreisend, während er danebensteht.</p>
<p>„So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so, Du vertraust mir also nicht!“, er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich. Er meint es nicht ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen lockern sich nicht.</p>
<p>Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es ihr in die Haut, „Du, Du…“ wiederholt er immer wieder überall in ihren Körper. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu…“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „Du brauchst nicht vor mir niederzuknien, ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie sitzt jetzt und dann spüre ich, wie seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, die beiden scheinen sich an den Händen zu halten. Und es wird ganz still.</p>
<p>„Für immer?“ Er schluckt an seinem Speichel. Ein Zittern läuft durch mich, als sie „Ja“ wispert. Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.</p>
<p>Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ihre jungen Körper lasten auf mir wie ein einziger und einige Tropfen fallen auf mich. Dann höre ich die junge Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten würde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Glück.</p>
<p style="text-align: right;"><em>8. Dezember 2007</em></p>]]></content:encoded>
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		<title>Meeting bei W?odawa</title>
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		<pubDate>Sun, 24 Jan 2010 22:01:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
		<category><![CDATA[Story]]></category>
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		<description><![CDATA[Durchnässt vom Blutbad in der Blumenwiese, alles klebrig feucht, sehe ich rot, die Farbverschiebung dauert an.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Durchnässt vom Blutbad in der Blumenwiese, alles klebrig feucht, sehe ich<br />
rot, die Farbverschiebung dauert an. Der Wind wiegt die Halme, verwirbelt<br />
den Gestank. Ein Polenbauer winkt und läuft, am Rettungswagen wird das<br />
Blaulicht schwächer, das Martinshorn verjault sich in der Ferne, das Damwild<br />
äugt, äst weiter. Demjanjuk auf der Bahre, hightech mit Rollen, allein auf<br />
einer Wiese bei W?odawa, im Sonnenlicht die Stange mit dem Tropf. Seine<br />
Stimme klingt schwach, ich drehe die Zuleitung wieder auf, Tropfenfluss, so<br />
viele Tropfen für eine vertrocknete Seele, unzählbar, ungezählt, überall<br />
Wiese, weit und breit kein heißer Stein, auf dem die Tränen verdampfen<br />
könnten.</p>
<p>„They left me alone.“ Er haucht.</p>
<p>„We go to the place.“ Die Wiese holprig, die Bahre fängt an zu schaukeln,<br />
eine Rolle sackt in ein Loch, fast fällt Demjanjuk. Er krallt sich fest. Aus<br />
dem dem Loch ragen Knochen, braun verklumpt, schmierig.</p>
<p>„Look!“</p>
<p>„God left me alone!“</p>
<p>Er sieht mich an. Wir tauschen Blicke aus, die fremde Augen sandten. Die<br />
Fressen bleiben feist und ferngesteuert. Nur das Lächeln kommt mir vertraut<br />
vor.</p>
<p>„I know, John.“</p>]]></content:encoded>
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		<title>Essen und Trinken</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Dec 2009 22:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rüdiger Saß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[apollinisch]]></category>
		<category><![CDATA[doppelgänger]]></category>
		<category><![CDATA[phantastisch]]></category>
		<category><![CDATA[seltsameDinge]]></category>
		<category><![CDATA[simulacrum]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich mußte das Bewußtsein verloren haben, mußte wie tot dagelegen haben, auf einem Parkplatz, vor einem Kaufgewölbe, denn als ich aufwachte, war die Welt wüst und leer.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ausgerechnet an dem Tag, an dem mich meine Umwelt wie Luft behandelte, am Tag meiner Nichtbeachtung ging die Welt zugrunde. Bereits am Morgen war ich unter die Hufen eines Nashorns geraten, eines Dickhäuters in Nadelstreifen. Ich mußte das Bewußtsein verloren haben, mußte wie tot dagelegen haben, auf einem Parkplatz, vor einem Kaufgewölbe, denn als ich aufwachte, war die Welt wüst und leer. Zwar waren das Gewölbe und der Parkplatz noch da, aber die Menschen, diese Bienen auf zwei Beinen waren wie vom Erdboden verschlungen. Nichts rührte sich, nichts war zu hören, kein Wind, kein Vogel, kein Motor, die Welt vor meinen Augen lag so still und starr wie am Heiligabend da. Die Kaufgewölbe spielten Toter Mann. Ihre Türen glichen verrammelten Festungstoren. Denselben Eindruck vermittelten Polizeirevier, Siechen- und Spritzenhaus.</p>
<p>Ich trat – jäh frierend – den Rückzug an, ich zog mich nach Hause, in meine Wohnung zurück. Es zog mich in den Schutz meiner festen Burg, es zog mich zum Telephon, doch - oh Schreck! – auch das Telephon blieb stumm. Panik zerriß mein Herz, ein kalter, polternder Gast verbiß sich in meine Eingeweide. Ich hetzte in den Hausflur hinaus. Doch auch die Nachbarn gaben kein Lebenszeichen, niemand öffnete auf mein Klingeln, auf mein Klopfen.</p>
<p>Ich erwartete Gäste. Was, wenn sie kommen würden, was tun ohne Salz, ohne Öl, Mehl und Milch? Meine Vorratskammern, die Kaufgewölbe, waren geschlossen. Mein eigener Vorrat an Wasser und Brot reichte gerade einmal für drei, vier Tage. Bevor mich die Angst vor dem Hungertod packen, bevor sie mich mit Haut und Haaren auffressen konnte, klingelte es an meiner Wohnungstür. Es waren meine Freunde, gutgelaunte Gäste, die so taten, als ob nichts geschehen wäre. Auf meinen Einwand, ihnen nichts anbieten zu können, lachte einer von ihnen, wir hätten ja ihn und legte sich auf den gedeckten Tisch. Schon begannen meine Gäste, ihn mit Messern und Gabeln auseinander zu nehmen, einen guten Freund, der dazu lächelte, anstatt vor Schmerzen zu schreien. Seine letzten Worte waren, er freue sich, seinen Freunden als ein gutes Mahl dienen zu dürfen. Dann schloß er seine Augen, dann verschwanden sie in meinem Magen. Doch der Hunger, das gefräßige Tier, war noch nicht gebändigt, der Hunger verlangte nach mehr. Schon spürte ich, wie sich die Messer meiner Freunde in meine Muskeln fraßen, schon spürte ich eine Hand auf der Schulter, die Hand meiner Frau. Sie schüttelte mich und sagte: „Aufwachen, das Essen ist fertig!“</p>]]></content:encoded>
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		<title>Merry-go-round</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Dec 2009 22:00:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>onkelhoste</dc:creator>
				<category><![CDATA[Story]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[Alter]]></category>
		<category><![CDATA[Depression]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstmord]]></category>
		<category><![CDATA[Sterben]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[trash]]></category>

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		<description><![CDATA[Bessel schloss die Augen und legte seinen Kopf nach hinten, als wollte er ein allerletzes Mal den Regen auf seiner Haut spüren und der Wind, der seine wenigen Haare durcheinander wirbelte, sang dazu ein Lied in seinen Ohren, dass nach Schmerz und Sehnsucht klang]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Heinrich Bessel stand im Regen und sah an sich herunter. Der müde Blick leerer, stumpfer Augen tasteten den Stoff seines Mantels nach Fusseln ab, so wie sie es jeden Morgen getan hatten, so viele Jahre lang. Eine stoisch ausgeübte, wiederkehrende Prozedur, akribisch eingeübt bis zur militärischen Perfektion. Erst dann, wenn das Bild stimmte, wenn alles gerade saß, der Kragen hoch, der Knoten des karierten Schals mittig am Hals und fest anliegend, ohne Faltenwurf im Stoff, erst dann drehte er den Schlüssel seiner Eingangstür herum und schlüpfte, nachdem er einen letzten prüfenden Blick zurück in die alte Wohnung geworfen hatte, durch den entstandenen schmalen Spalt, darauf bedacht, die Wärme der Heizung nicht entweichen zu lassen, ins Treppenhaus, um seinen Weg ins Büro anzutreten. Doch heute schien er den Regen nicht zu bemerken, der ihm in den Nacken lief, während er zusah, wie das Wasser, das in dicken, schweren Tropfen auf seine Schuhe klatschte, in kleinen Rinnsalen von den Spitzen perlte und zwanzig Stockwerke hinab vom Dach des Hochhauses in die Tiefe stürzte, vor dem sich langsam eine Menschentraube bildete.</p>
<p><a href="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/mann_vor_sprung_350x250.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1311" title="mann_vor_sprung_350x250" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/mann_vor_sprung_350x250-250x250.jpg" alt="mann_vor_sprung_350x250" width="250" height="250" /></a>Bessel schloss die Augen und legte seinen Kopf nach hinten, als wollte er ein allerletzes Mal den Regen auf seiner Haut spüren und der Wind, der seine wenigen Haare durcheinander wirbelte, sang dazu ein Lied in seinen Ohren, das nach Schmerz und Sehnsucht klang. Der Mann ballte die Fäuste und verlagerte sein Gewicht nach vorne, unendlich langsam, einem finalen Scheitelpunkt entgegen, bis er nach einem kurzen Augenblick eines scheinbaren Gefühls völliger Schwerelosigkeit kopfüber vom Dach kippte.</p>
<p>Myriaden von Gedanken überschwemmten ihn in Sekundenbruchteilen und von der Heftigkeit einer Explosion gleich. Das Gesicht seiner Frau manifestierte sich vor seinem geistigen Auge, während ihn brennender, verkrampfender Schmerz übermannte. Ihr Verhalten war nicht abweisend gewesen in den letzten Wochen, eher geheimnisvoll, mit einem leisen Lächeln in den Augen, die in unerwarteter Frische aufgeblüht waren, wie ein später, verirrter Frühling im Herbst des Lebens. Er war Fünfzig und hatte sie lange nicht mehr berührt. Kein Alter mehr für Gänsehaut und errötende Gedanken. Ein fremdes Verlangen musste sie gefangen halten, hatte er sofort gedacht. Der flüchtige Blick eines anderen Mannes vielleicht, geheimnisvoll und verheißend, für den sie heimlich ein Kleid anprobierte, dessen Versandhaus-Karton sie akribisch zerkleinert und in den Abfall gestopft hatte. Für den sie schneller als sonst und vor ihm zum Telefon gelaufen war, an dessen anderen Ende wohl möglich der Fremde war und ihr lüsterne, verbotene Dinge ins Ohr raunte, die sie verstohlen und flüsternd quittierte, während ihr Mann am Küchentisch saß und mit feinen, schnellen Strichen die Margarine vom Rand schabte, was sie seit jeher so fürchterlich pedantisch fand. Er ertappte sich bei dem aberwitzigen Gedanken, diesen Tick abzustellen und als er es bemerkte, verzog er sein Gesicht zu einem hässlichen, bereits dem Tod geweihten Grinsen, während er unaufhaltsam dem Boden entgegen fiel.</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-1313" title="regenhimmel100lang" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/regenhimmel100lang.jpg" alt="regenhimmel100lang" width="100" height="800" />Ein Geräusch hinter ihm, leise, vorsichtig, kaum wahrnehmbar, ließ ihn aufhorchen. Er drehte sich herum und erblickte einen Polizisten an der Außentreppe, in sicherer Entfernung, in geduckter Haltung, abwartend. <em>'Ich bin heute fünfzig Jahre alt geworden! Viel zu alt für dich, um das hier zu verstehen!'</em>, dachte Bessel, als er in die panischen, unschlüssigen Augen des jungen Uniformierten sah, der schwer atmend an seinem Funkgerät herumfingerte und auf Instruktionen wartete, die nicht kamen und der schließlich, von Bessels stummen, bohrenden Blick verfolgt, über die Blitzableiter stolpernd den Rückzug antrat. Bessel dreht sich erneut zum Abgrund und bemerkte mit einer für ihn befremdlich anmutenden Zufriedenheit, dass es zu regnen begann.</p>
<p>Bessel hatte heute Morgen vor dem Spiegel seine Hände betrachtet. Die Falten auf den Handrücken, die fleckige Haut, die brüchigen Fingernägel, alle Attribute körperlichen Verfalls, unweigerliche Indizien des Niedergangs menschlicher Kraft, jugendlicher Energie und Lebenslust, eingebrannt auf seiner Haut, in seinen Gedanken und Erinnerungen. Heute wurde er Fünfzig. Er drehte sich und blickte minutenlang durch die halb geöffnete Schlafzimmertür auf seine schlafende Frau. <em>Wie ruhig sie da liegt, als wenn nichts wäre,</em> dachte er. <em>Wer mochte der fremde Mann sein, wie hieß er, welcher Arbeit ging er nach? Was ist in der Tüte, die sie so sorgsam unten im Schrank versteckt hielt?</em> Er schloss die Augen, als wolle er der Antwort nicht erlauben, zu ihm vorzudringen. Er verließ die Wohnung, ohne sie zu wecken, wie ein Dieb.</p>
<p>Er öffnete für einen winzigen Augenblick die Augen. Schemenhaft erschienen gleichförmige Linien in seinem Gesichtsfeld, die nahezu sofort wieder verschwanden, wie bei dem Anblick aus dem Fenster eines schnell fahrenden Zuges. Sein Gehirn brauchte einen weiteren Augenblick, um zu erkennen, dass jede Linie ein Stockwerk markierte, an dem er vorbei flog.</p>
<p>Und dann, nach unendlich lang erscheinender Zeit im freien Fall, voller Ungewissheit und Angst, der Ewigkeit zu begegnen und doch gleichermaßen eine Erlösung von allen weltlichen Dingen zu erfahren, in einem Höllenfeuer voller letzter, wahnsinniger Gedanken, die wie Tiere in ihm kämpften, brüllten und zerrten, gefangen in einem sterbenden Körper, die verlangten, herausgelassen und ausgesprochen zu werden, bevor alles Lebendige zu Ende geht, bevor sich der Geist verflüchtigt, um seinen Platz im Nichts einzunehmen, da verstand Heinrich Bessel mit einem Male.</p>
<p>Und während sein Kopf auf dem Boden aufschlug und sich sein Gehirn über den Asphalt verteilte, während seine Knochen zu Dutzenden unter dem Gewicht seines verzerrten Körpers splitterten, sich in sein Fleisch bohrten und seine Organe perforierten, zog seine Frau sorgsam den Ausschnitt ihres neues Kleides zurecht, sah auf die Uhr und kontrollierte ein letztes Mal den feierlich gedeckten Tisch mit den Geschenken.</p>
<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1312" title="mann_vor_sprung_500x" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2009/12/mann_vor_sprung_500x.jpg" alt="mann_vor_sprung_500x" width="500" height="352" /></p>]]></content:encoded>
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