das Sein

An dieser Stelle unterbricht ein lautes Rascheln die Stille, ans Licht kommen unsortierte Texte die, zwischen Weh – und Übermut, <| das Sein |> propagieren.

Mühsam versucht mein Hirn die neue Woche anzunehmen, sie in ihrer Struktur zu akzeptieren. Das einsetzende Treiben dringt durch die Jalousie, die ihrer Aufgabe mich nach außen hin abzuschotten nur mäßig bis ungenügend gerecht wird. Die quakenden Stimmen, das ewig gleiche Gedudel aus dem Radio martern das partiell noch schlafende Bewusstsein. Alles beherrschende Sinnlosigkeit wird in stechenden Neon Lettern auf die Netzhaut der zusammen gekniffenen Augen geschrieben.

Mit den Ziel der inneren und äußeren Kälte zu trotzen, wird die Kaffeemaschine langsam zur Höchstform ihrer Dienstleistung animiert. Sorgfältig, ja beinahe sakral anmutend, wird das fein gemahlene Pulver mit dem verkalktem Nass aus alten Bleirohren versetzt. Nur im Rausche sprichwörtlicher Realitätsfremde kann dieses Etwas ‚Trinkwasser‘ genannt werden. Vermengt mit heißer, fettarmer Alibi-Milch und angereichert mit dem süßem Kokain für Arme, findet die entstandene gräulich braune Flüssigkeit ihren Bestimmungsort Magen respektive Blutbahn. Der Umweg über Mund, dem Gaumen und der Speiseröhre kostet Zeit. Viel Zeit.

Dem Klo wird bewusst keinerlei Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Der Geruch nach Urin, der zarte Hauch, der an Erbrochenes erinnert und trotz mehrmaligen Putzens nicht zu beseitigen ist, erfüllt die unmittelbare Nähe des intimen Örtchens. Ein Blick in Richtung Herd bestätigt die Annahme vom tobendem Mundraub, der im Schutze der Nacht vollzogen wurde. Kühlschrank auf, das kalte, eiweiß- und kalziumreiche Produkt, in Begleitung eines heftigen Stossgebetes, greifend, beginnt der Rückzug in den nun vollends vom grauen, öffentlichen Schwachsinn okkupierten Schutzgraben. An der Zivilisation wird gebaut, umstrukturiert, eingerissen, Lärm gemacht. Sorgsam bereite ich einen Ausfall vor. Nach einigen Schritten stehe ich, das kürzlich erworbene dicke Fell der Ignoranz übergeworfen, auf der Strasse.

*

Mit schweren, müden Schritten entsteige ich der U-Bahn. Langsam mühe ich mich in Richtung Rolltreppe. Schon sind all die Masken hinter mir vergessen. Der Wind aus dem U-Bahnschacht ist das einzige was mich noch mit denen verbindet, die weiter durch die Unterwelt Berlins reisen. Die Plastiktüte mit dem erjagtem Dosenbier raschelt im Wind und stößt im Takt meiner Bewegung gegen mein rechtes Bein.

Im Licht der Straßenlaterne erspähe ich die nackten Brüste einer Frau, die auf der Rückseite einer Tageszeitung ihr ganz persönliches In und Out preisgibt.

Das Schloss der schweren Eingangstür hakt immer noch. Nach einigem Rütteln und mehreren Flüchen wird mir Einlass in den dunklen Torbogen gewährt. Mit schnellen Schritten entkomme ich dem Uringeruch und trete in den ersten Hinterhof. Der Dreck, der stetig aus den übervollen Mülltonnen heraus kriecht, gewinnt langsam die Oberhand im territorialen Krieg mit dem ‚Hausmeister‘. Das unidentifizierbare, weiche Etwas dem ich nicht mehr ausweichen konnte, verteilt sich auf den kaputten Stufen, während ich meinen Weg in das Dachgeschoss fortsetze. Fortsetzen tut sich auch das Abblättern der Farbe an den Wänden.

Nur an den Stellen, wo der Dreck die Farbe zusammen hält, sind letzte Fragmente von Anwesenheits- Protokollen erkennbar. Sorgsam das Bier hinstellend, öffne ich die Sperrholztür und trete in meine trockene und immer zu heiße Wohnung.

Fünfter Stock. Die Brüstung des Balkons ist höchstens einen Meter hoch und das Dach endet ohne Fanggitter. Der immer währende Regen trägt seinen Teil zur Glitschigkeit der Bitummatten bei, doch der Fernseher steht näher.

*

Wie immer, reißt mich der Wecker unsanft aus unsanften Träumen. Wie immer schwanke ich zu der Maschine, die einzig dem Zwecke dient, mir einen Teil erlogener Lebenskraft zu schenken. Ich trinke, wie immer, meine drei Tassen und erledige grobmotorisch die Morgentoilette

Das Türschloss zweimal zuschließen, mit einem Tritt die Haustür öffnen. Ich stehe draußen, wie immer.

Es regnet, die Sonne scheint, es ist windstill, ein Sturm tobt, es ist Wetter, wie immer. Der Motor will nicht wie ich. Eigentlich wollen wir beide doch wohl weiterschlafen. Dreimal, viermal, er kommt, ich fahre. Die Ampel ist rot wird gelb wird grün, der Idiot vor mir merkt es nicht, ich rege mich auf, wie immer.

Der Stau um acht ist weitestgehend bekannt, also fahre ich früher los. Andere sind genauso schlau wie ich, also steht der Verkehr, wie immer. Ich komme zu spät, wie immer.

Der Krach lebt sich in all seiner Vielfalt aus. Es stinkt, es herrscht der Dreck und auch der Stress hat Frühschicht, wie immer.

Zwei Stunden, drei Stunden, vier Stunden, zwei Brötchen, einen Kaffee, ein Wort. Zwei Stunden, drei Stunden, zwei Pflaster, vier Stunden. Noch ein Pflaster, wie immer. Umziehen, einen Kaffee, ein Wort. Zweimal, dreimal, viermal, der Motor läuft, ich fahre, wie immer. Die Ampel ist rot, wird gelb wird grün, ich merk es nicht. Der Idiot hinter mir regt sich auf, wie immer.

Ein kräftiger Griff, die Tür zweimal aufschließen. Herd an, Herd aus. Mund auf, Mund zu, wie immer.

Schmeiß den Wecker nicht an die Wand, wie immer.

*

Langsam setzt die Wirkung des zu mir genommenen Alkohols ein. Eigentlich ein Punkt, der keiner genaueren Betrachtung würdig ist, da er ja zu diesem Zweck bezahlt und in seiner Existenz gerechtfertigt wird. Die angenehme Schwere, die aus der Flasche langsam in meinen Kopf wandert, verleit den Gedanken die gewünschte Samtigkeit. Die wiederum je weiter sie in Richtung Körpermitte strebt, in eine Art schwereloser Trägheit wandelt. Die letzten fünf Jahre verbrachte das Nass roter Trauben damit, Ruhe anzusammeln um sie jetzt in schönster Weise meinem Geist vorzugaukeln.

Mit einem Hauch Lethargie leere ich mein Glas und greife zu den Zigaretten, die nun sämtlichen Geschmacksnerven in Zunge und Gaumen wie ein Vorschlaghammer in Verbindung mit einer mühsam errichteten Glasfassade, die bittere Existenz der Realität ins Bewusstsein hämmert.

Selbst intensives Spülen mit klarem Wasser verfehlt seinen Zweck. So einfach lässt sich der Beigeschmack der Zivilisation nicht beseitigen. Doch auch in dieser Hinsicht bietet der Fluchtpunkt Wein ein immenses Kontingent an Lösungsvarianten.

Ich entscheide mich für kräftiges Gurgeln in Verbindung mit sorgfältigem Schlucken. Da diese Prozedur jedoch mehrere Gläser in Anspruch nimmt, ist es notgedrungen an der Zeit eine weitere Flasche ihrem Ruhebett zu entreißen, sie zu öffnen und atmen zu lassen. Ein leises ‚Plopp‘ erfüllt den leeren Raum, der Hals ist freigelegt, doch versagen die Lungen. Da hilft nur Mund zu Mund Beatmung.

Kalle

ist irgendjemand von irgendwo, der dann irgendwann verschwand. Melde Dich mal, Mensch!

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.