Der Gockel

Ein Junge hatte einen Gockel, dem wollte er das Sprechen lernen. Der Gockel aber blähte immer nur die Brust und schrie laut sein Kikeriki. Der Junge wusste sich keinen Rat, wie er das Tier dazu bringen sollte, das Kunststück zu vollführen, und so schlug er ein jedes Mal wenn der Gockel die Brust aufblähte dessen Kopf gegen den Tisch, noch bevor das Tier krähen konnte. Die Benommenheit nach den Schlägen nutzte er, um ihm wiederholt eine Folge von Lauten vorzusagen, die sich der Gockel einprägen sollte. Dieser blähte immer seltener die Brust und krähte bald überhaupt nicht mehr. Dafür begann er irgendwann sein erstes Wort zu sprechen: „Ich…“. Der Junge dachte erst sein Gockel sei krank, doch als er genauer hinhörte, erkannte er das leise Krächzen: „Ich…“. Da schwoll ihm vor Stolz die Brust und er gab dem Gockel Pastete zu essen, um ihn dafür zu belohnen. Jetzt sollte das Tier aber weiter lernen, und der Junge ließ es dafür hungern. Ganz abgemagert klagte das Tier in leidvollem Ton: „Ich, ich, ich, ich…“. Doch der Junge blieb stur und gab dem Gockel kein Körnchen. „Ich, ich, ich, ich…“ bejammerte sich der Gockel selbst, bis er alle Hoffnung fahren ließ und leise sagte: „Ich bin…“. Da schrie der Junge vor Freude und drückte und herzte den Gockel. Der aber lag schon fast leblos in seinen Händen. Fragend blickte der Gockel den Jungen ein letztes Mal an und krächzte: „Ich bin…?“ Dann aber wich das Leben aus ihm. Der Junge bemerkte dies über seiner Freude erst nicht, als er aber des leblosen Körpers gewahr wurde, ergriff ihn ein solcher Ekel, dass er das Tier auf den Mist warf, um sich neue, glücklichere Zerstreuung zu suchen.

nachtschweigen

ist Antipoet. Liebt am Schreiben das Kürzen. Am Ende bleibt oft nicht viel übrig. Sammelt Straßenbilder, Erzähltes, Gehörtes. Punkt.

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