Die Flucht

Marta war sechs Jahre alt, als sie ihre Heimat verlassen mussten, sie, ihre Mutter und ihre sechs Geschwister. Vater war nicht da, er konnte nicht bei ihnen sein, Vater war Soldat. Marta erinnerte sich an alles, nach vielen Jahren, sie erinnerte sich genau. Es war Winter, Januar, sie saßen auf dem Pferdewagen und fuhren los. Hinter ihnen der Bauernhof, ihr Zuhause, vor ihnen eine Flucht ins Ungewisse, in die Not, in den Tod. Die, die zurückblieben, waren anders, sie hatten ihre eigene Sprache, eigene Sitten und Gebräuche. Sie warfen ihnen zum Abschied Steine hinterher, Steine, Flüche und Verwünschungen.

Martas Familie war nicht allein. Viele Menschen flohen, aus Dörfern und Städten, aus Gauen und Provinzen, sie flohen zu Tausenden und Abertausenden. Sie bildeten Trecks, sie sammelten sich, Menschen auf Pferdefuhrwerken, Menschen zu Fuß, mit Rucksäcken, einige mit einem Handwagen, darin alles, was ihnen geblieben war. „Wir kamen an einen Fluss“, sagte Marta, „an einen großen Fluss. Nachdem wir das andere Ufer erreicht hatten, wurde die Brücke gesprengt. Wir waren die letzten, die hinüber gekommen sind.“ Doch eine gesprengte Brücke konnte den Krieg nicht aufhalten. Und so kam es, dass der Treck eingeschlossen, von Feinden umzingelt wurde. Tiefflieger schossen auf alles, was sich bewegte. Da geschah ein Wunder. Eine versprengte Einheit, Soldaten, die es eigentlich nicht mehr hätte geben können, Soldaten aus heiterem Himmel hauten den Treck aus der Faust der Feinde heraus. Dann ging es weiter, immer nur weiter und weiter. Links und rechts hingen Tote an den Bäumen, Soldaten und Zivilisten, überall Tote, wohin man auch sah, im Wald und am Wegrand, im Graben. Dann kam das nächste Unglück, dann schlug das Schicksal wieder zu. Anna, Martas Schwester war weg, sie war weder im Wagen, noch daneben noch in der Nähe. Mutter suchte sie überall, sie ließ ihre sechs Kinder allein, um ihr siebtes zu suchen. Sie suchte den Treck nach ihr ab, sie lief nach vorne und nach hinten, immerzu ihren Namen rufend. Dann fand sie sie, im Wald, allein, auf einem Baumstumpf, halb erfroren. „Doch schon ging es weiter“, sagte Marta. „Es gab keine Zeit zu verlieren, kein Aufatmen, kein Blick zurück.“ Endlich kamen sie in eine Stadt und hatten Glück, Glück im Unglück, denn von dort ging es mit dem Zug, im Viehwaggon, weiter.

Und wieder kamen sie in eine Stadt. Aber kaum waren sie angekommen, heulten Sirenen: Fliegeralarm! Die Familie saß wie Vieh, wie Schlachtvieh in ihrem Viehwaggon fest, während links und rechts Bomben explodierten, während vor ihren Augen die Stadt und mit ihr eine ganze Welt, während ihre Welt im Feuersturm, in Schutt und Asche versank.

Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / CC-BY-SA

Bundesarchiv, Bild 146-1985-021-09 / CC-BY-SA

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008.
Siehe auch www.myspace.com/leereimer – Noch zu haben: Nachtstühle – Erzählungen und Prosa

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