Die Kultursau

Auf dem Trödelmarkt bekramte ich die Bücherkisten eines ergrauenden Vierzigers. Auf die Frage eines Einfaltspinsels, Antike Bücher was der Morgensterngedichtband koste, antwortete er: bloß einen Ditscher, weil ein Gedicht fehle. Er ließ sich nicht entblöden zu erzählen, daß er es herausgerissen habe, um sich irgendwo damit rezitativ bloßzustellen. Ein Dichter, schloß ich, war er also nicht. Sonst hätte er sich sicher mit eigener Ware wichtig gemacht. Aber warum dieses Beiwerk, dieser Schmuck? Warum spielte er sich auf? Sollte das sein Trödlerdasein veredeln, entschuldigen, oder dachte er, damit seinen Umsatz zu steigern? Immerhin, es ging um einen Ditscher.

Ich bog meinen Arm, streckte ihm zwei Taschenbücher entgegen und fragte „Wieviel?“ Der falsche Vierziger nahm die Bände und blätterte darin herum, vielleicht um auf irgendeiner Seite Antwort oder eine entblößende Glosse zu finden. Schließlich antwortete er: „Zwei Ditscher.“ Das war in Ordnung.

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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