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donnerstag.docDonnerstag Abend. Grauer Himmel, irgendwo in der Nähe das Gebimmel einer Straßenbahn, und Leute die sich mit vollen Einkaufstüten die Münchner Hohenzollern entlangkämpfen. Am angesifften Ende, wo die Häuser von Autoabgasen und der Zeit grau sind und einem die leeren Schaufenstern nackt und vorwurfsvoll von der Seite entgegengähnen.

Ich schlage den Jackenkragen hoch, weil es anfängt zu regnen. Scheisse, denke ich, jetzt werde ich auch noch nass, während sich Cora neben mir eine Kippe zwischen die Lippen zwingt – Rote Gauloises, die jetzt anscheinend alle rauchen.

„He“, sag ich, „Kumpel von mir hat früher Marlboro geraucht. Bis zum Irak-Krieg, dann hat er amerikanische Waren boikottiert und raucht jetzt auch nur noch Gauloises“.
„Scheissegal, dann töten ihn eben die Franzosen“, sagt Cora grinsend nach nem tiefen Zug an der Kippe.

Ein Stück weiter vorn ist anscheinend eine Frau um die sechzig vor nem Discount-Laden zusammengebrochen. Ich sehe, wie ein paar Leute um sie rumstehn und sie fragen, ob es wieder geht oder ob sie ihr ein Taxi rufen sollen. Eine andere Frau sagt, dass ihr das auch schon mal passiert ist. Das Misstrauen scheint aber über den Glauben an das Gute im Menschen zu siegen, denn die Alte hält nur krampfhaft ihre Tasche und Einkaufstüten fest, bevor sie ein paar Dankesworte vor sich hinmurmelt, sich aufrappelt und dann weiterzieht. Vielleicht auch nur ausgerutscht, weiß man ja nie, denke ich.

Cora schnippst die Ziggi in Rinnstein, wo sie mit nem leisen Zischen erlischt. Mittlerweile sind die Strassen ganz nass und es dämmert.
„Lass uns abhaun, ich will Pizza“, sagt Cora.
„Oki“, antworte ich – und denke, es gibt Tage, die sind wie alle anderen auch.

Ulrich Klein

1968 in Ingolstadt geboren, in München gestrandet. Echten Beruf gelernt, gearbeitet, 15 Monate sinnlos auf Grundrechte verzichtet, Abi nachgemacht, als Korrekturleser Bücher über die Erotische Wirkung ätherischer Öle oder Schwangerschaftskomplikationen gelesen, froh, als Mann auf die Welt gekommen zu sein, doch noch studiert, spät-jugendlichen Elan an IT-Unternehmen verschwendet, als Redakteur für einen Verlag die Wahrheit geschrieben, die Insolvenz des Verlages bedauert, gelernt, dass die Wahrheit nicht bei allen gut ankommt, als freier Schreiber verdingt, gelangweilt und deshalb wieder in den Schoß einer Redaktion zurückgekehrt.

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