E-Riders!

 

Arrival

 

Die Machine rollt ein & ich hüpf auf ihre Hülle.

Mit meinem speziellen tunnel suit (wie so‘n Raumanzug) kleb ich mich an ihre Außenbordwand & hab keinerlei Probleme, wenn sie auch mal über 2000 km/h drauf hat und mir die atmosphere mitten durch die Synapsen jagt wie nem Mäusebussard auf Beutesturzflug oder nem Downhill-Punker auf LSD-Trip. Dabei kommt einem die Beschleunigung der E-Machine vor wie ne Speedshow in ner cine bowl, wo du nur noch die Arme zu recken brauchst, um die unerreichbare Supra-Intensität zu erfassen, die jede Pore deines Körpers zu durchströmen scheint …

Heute ist Mutprobe, Showtimeday, heut hat mich Guiseppo mal wieder so krass gelangweilt, dass ich mich aufgemacht hab es ihm zu beweisen: ich werd genauso riden wie er, ich schwör’s euch: ich werd mich an die E-Machine klinken und mich durch die Welt katapultieren lassen wie sonst nur die wagemutigsten E-Riders. Und meine helmet cam wird alles aufzeichnen und live ins Net loaden …

Es hat schon was von boredom revenge, dass ich mich heute bei strömendem Regen ins Tunnelsystem der Machine aufgemacht & extra n Ticket gelöst hab ohne das man ja verdammtnochmal nicht in das verfickte Scheißsystem reinkommt: 3. Klasse, hundertachtzig Öcken. Aber das isses mir wert. Der Trip den ich jetzt gleich erlebe, den haben die meisten anderen höchstens mal beim Pimmelreiben oder Basejumpen. Heftigste Action, die hier gleich abgeht!

 

Introspeed

 

Die ersten zwei Kilometer darf die Machine noch nicht voll beschleunigen, tuckert nur mit n paar hundert Sachen durch den Tunnel, bis so‘n Elektrosurren einsetzt und die Räder hochgeklappt werden. Dann geht’s ab …

 

Anschnallen bitte!

 

Ich schalt meinen Mediaplayer auf Vollvol[1] aber statt mich anzuschnallen schnall ich schnellstens durch den Tunnel, dessen Wände nur knapp an mir vorbeirauschen. Mein vom vielen Smallgebabbel und Powershoppen gelangweilter Verstand splasht durch die ultimative Freiheitshölle, denn E-Riding ist zwar das schönste aber auch das gefährlichste Hobby der Welt; wöchentlich gehen Dutzende dabei drauf. Zwar haben sie jetzt Sicherheitskameras an der Außenwand installiert, aber die kann man mit nem Virus ganz leicht austricksen („… kannste überall im Netz loaden, ey“). Der Kick entschädigt dann aber fürs Risiko und in diversen Foren macht einen das zum kleinen Gott. Natürlich muss man auch alles dokumentieren, deshalb die helmet cam (Selbstbestätigung on/off). Zum Glück bin ich mit meinen Vakuumsaugnäpfen fester als fest mit der Machine verbunden, sonst würd ich Elefantenkräfte brauchen um mich am Metall festzukrallen. Lichter sausen an mir vorbei und illuminieren meine Netzhaut – verdammt, ich könnte schwören, dass ich gerade eben durch n buntes Loch in ne andere Zeit getaucht bin & schwör & schwör: ich bin ganz vorne mit dabei! Im Affentempo geht’s Richtung Westküste, wo ich mich in San Angeles abkapseln werd um dann total fertig durch die Lichtschranken zu torkeln, hinter denen man mich für nen abgewrackten Junkie halten wird. Aber das ist mir total wurscht, hab nämlich schon n Date mit nem Kumpel der mich mit ner Downie Infusion vom Trip runterbringen wird (ich freu mich schon auf meinen Lieblingsfilm) …

Aber jetzt rauscht erst mal der Underground an mir vorbei.

Ich fühl mich als wenn ich immer noch im Bauch meiner künstlichen Gebärmutter strampeln würde, die mich vor dreiundzwanzig Jahren mitten in den Kreißsaal geworfen und danach sofort wieder im Stich gelassen hat – Schwärze umgibt und erfüllt mich, ich kann nicht anders, ich schrei los obwohl mich keiner hört, ich selbst hör mich selbst auch nicht, denn in meinen Ohren pulsiert der neueste Erguss von Mayaman: die musikalische Instanz der Neuzeit (jedenfalls für meinereiner): dröhnende Bässe, galaktische Melodien. Könnte ich, würde ich – wild abstrampeln! Aber ich häng an der Außenbordwand fest, selbst wenn ich wollte könnt ich keine Luftsprünge vollbringen.

 

Elektrosturm!

 

Durch den antistatischen Anzug merk ich davon kaum was, aber rein optisch isses schon faszinierend: Die elektromagnetischen Entladungen tanzen von den Spulen zur Machine und wieder zurück. Es ist wie ein Minigewitter, das der Chaostheorie zum Opfer gefallen ist: seltsame Attraktoren gibt es überall hier im Tunnel und äußerst seltsam erscheint es mir auch, dass die E-Machine trotz der heftigen Elektrostürme in ihrer vorgegebenen Position bleibt, also in der Tunnelmitte schwebend und von diversen Blitzen und starken Magnetfeldern nach vorne gepeitscht. Ohne den Anzug würde ich das hier wohl kaum überleben …

 

Kurvendrift!

 

Eine ziemlich lang gezogene Biegung kommt auf mich zu. Nicht dass ich nicht drauf vorbereitet gewesen wäre: durch den kleinen, im Visier integrierten „Bordcomputer“  weiß ich ganz genau, dass ich die nächsten drei Kilometer 100 von 100 aufpassen muss um am Leben zu bleiben – hier kann es einen E-Rider nämlich ganz schnell rauswerfen und dann liegst du in Stücken hier rum …

Wie ein Klammeräffchen häng ich jetzt an der Machine fest, fehlt nur noch dass ich am Daumen lutsche und mich in Embryonalstellung krümme – dieser Trip ist echt wie ne Neugeburt, ich kann’s überhaupt nicht fassen, Lichter verschwimmen zu einem Lichtkanal & ich glaub ich flieg durch n Wurmloch so abgefahren ist das alles!

Anderthalb Stunden bin ich jetzt schon dabei, kommt mir irgendwie viel kürzer vor – so langsam werden meine Glieder steif, obwohl sie ja in nem formbaren Korsett aus Titanimitat stecken. Trotzdem – dieser Extremsport verlangt einem echt alles ab. Nicht dass ich schwitzen würde, aber du brauchst schon echt viel Muskelfleisch um das alles hier durchzuhalten!

 

Alarm!

 

Keine Sorge, nicht die Bullen.

Nur die Weckfunktion meines data cubes gibt Laut und unterbricht die schönste Passage von „When you all will fall“ die da lautet:

„When you all will fall you all will call: Madness and sadness!

When you all will fall you all will call: All happiness must die! …”

Krasse Ghetto-Scheiße, ey!

Ach so, der Alarm. Der erinnert mich daran, dass die Geschwindigkeit bald nachlässt und dass ich mich wohl oder übel auf den Absprung vorbereiten muss, der noch vor der Station passieren muss, sonst glotzen mich die Leute voll doof an und die Bullen ham mich aufm Präsentierteller …

Also: aufpassen!

Verschiedene rote Lichter zeigen an, dass die Machine bald gedrosselt wird, das heißt die elektrischen Impulse in den Spulen werden schwächer und weniger häufig aktiviert. Der Absprung ist das Schwierigste beim ganzen E-Riden: du musst nach hinten weg, sonst nimmt dich die Machine in die Zwickmühle, also in den freien Raum hinter das Gefährt springen und hoffen, dass dich die Kameras nicht filmen, was nicht mal das Schlimmste wäre, denn mein Gesicht ist durch den Helm mit getöntem Visier ausreichend geschützt. Das Schwierigste ist, unerkannt in die Station zu gelangen, den tunnel suit irgendwo zu verstecken und dann so zu tun als sei man total besoffen und nur wegen dem Alkohol in so nem fertigen Zustand.

 

Jump into the void!

 

Also: ich klick die Musik leiser, hör wie die elektrischen Impulse an mir vorbeijagen, sehe wie die Räder der Machine ausgefahren werden und dann … voidness!

So nennt man das, wenn der Strom weg ist aber die Machine immer noch ein paar Meter in der freien Luft schwebt, erst dann setzen die Räder auf den Schienen auf und erzeugen ein ohrenbetäubendes Knirschen, überall dampft und zischt es und die Luft röche wohl nach verbranntem Gummi, wenn ich jetzt die Nase im Fahrtwind hängen hätte. Aber jetzt ist erst mal volle Konzentration angesagt: ich hab nur noch zwei Kilometer Zeit, den final jump vorzubereiten. In meinem Anzug befindet sich auch ein programmierbarer Raketentornister, ohne den ich jetz‘ völlig verloren wär. Ich werd ihn erst dann aktivieren, wenn ich mich schon hinter dem letzten Abteil befinde.

Das Adrenalin steigt mir zu Kopf, ich muss mich anstrengen klar zu denken bei all den Sounds und Actions um mich rum; Sekunden später geht’s nicht anders, ich muss jumpen: Die Machine hat immer noch ungefähr zweihundert Sachen drauf und ich Glück dass ich nicht an eine der Metallschienen pralle, auf denen sie nun rollt. Der final touch auf den Raketenauslöser muss exakt getimed sein, sonst fall ich ungebremst auf den Boden, auf dem man leider keinen flauschig-roten Teppich ausgelegt hat sondern blanken Beton, der mich knallhart empfangen und schwere Verletzungen zur Folge haben würde trotz des Anzugs. Ich schaff’s gerade noch den Button zu erwischen, bevor die ganze verfickte Realität über mir zusammenbricht: die Raketen retten mich vor dem Sturz und zischen meinen zitternden Körper zunächst ein paar Meter nach hinten weg, dann mit einem Ruck nach oben, um dann mitten in der Luft stehen zu bleiben und mich sanft in Richtung Boden abzusenken.

Puuuh! Wieder mal Wildschwein gehabt.

Der Rest ist kein Problem und für mich schon fast Routine: schnell ausziehen, den Nanorucksack ausfalten, Anzug drin verstauen, ein paar Schritte laufen, bis ich den Belüftungsschacht finde, wo ich den Rucksack deponiere. In einer Woche werd ich ihn mir wiederholen und die Rückreise antreten …

Aber jetzt erst mal raus hier aus dem ganzen Scheiß.

Ich kann mich gerad noch so auf den Beinen halten, schwanke in Richtung Station, wo die Machine gerade von einigen hundert Leuten bestiegen wird, die wohl niemals in ihrem langweiligen Leben den Flash erleben werden, den ich gerade hinter mir hab – Lebensloser! Die ham doch echt nur die nächste Zinserhöhung im Kopp.

 

Outro

 

Sooo … da vorne isses. Ganz langsam an die Station anschleichen, bloß nicht erwischen/aufzeichnen lassen! Nur noch zehn, sieben, drei Meter, dann: ducken, von unten an die Plattform heran, über die Kante lugen und … hopp, schon bin ich wieder mitten in der Legalität! Mein Magen fühlt sich an wie ne faule Tomate, ist immer noch sehr mitgenommen von der rasanten Fahrt, so dass ich wie der letzte Penner zum Ausgang schwank – boah is mir schlecht, erst mal stehen bleiben.

Und natürlich spricht mich sofort n Bulle schief von der Seite an, was denn mit mir sei, ich sag, mir is übel, er lässt mich durch, meint noch, ich soll zum Arzt, ja ja, scheiß auf den Arzt, ich brauch jetzt meine Downies, aber der Bulle versteht mich nicht.

„Brownies?“ fragt er mich.

„Ja“, sag ich, „und nen Kaffee.“

Da guckt er nur noch blöd!


[1] Vollvol = Vollvolume = volle Lautstärke

Sven Klöpping

Sven Klöpping wurde 1979 in Herdecke/ Westfalen geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Juniortexter in Münster, Koblenz und Frankfurt, war gern in Dortmund und lebt heute im Schwarzwald. Er veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und ist Herausgeber von www.lyrikonline.eu. Aktuelles Buch: Menschgrenzen

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