Einbecker mexikanisch

Viel war nicht passiert in den zwei Wochen, die ich weggewesen war. Enttäuscht betrachtete ich die beiden neuen Bekanntmachungen, die mit Kreide an die Rückwand der Bushaltestelle geschmiert worden waren. Die erste war der eigenwilligen Mischung aus Druck- und Schreibschrift nach zu urteilen, von Hartwig. Achtung, las ich, Alena Kühne hat Muschipilz. Das war schon mal weniger erfreulich. Ich hatte mich nie übermäßig für Alena interessiert, allein schon weil ich wusste, wie Hartwig hinter ihr herhechelte, aber wenn sich was ergeben hätte, klar hätte ich zugestochen. Aber Muschipilz, das war schon eklig. Ich ging zur nächsten Bekanntmachung über. Sie war noch schlechter zu entziffern und ganz offensichtlich im Rausch verfasst. Freunde, stand da, wenn ihr wen braucht, der euch Bier besorgt, geht zu dem Penner mit den Würmern im Bein. Der machts für eine Flasche.

einbecker100Eine Flasche war gut. Der Kerl, den ich sonst immer anhaute, verlangte immer zwei Flaschen und dann schwänzelte er noch so lange um einen rum, bis man ihm auch noch eine dritte Flasche überließ. Wenn es Madenbein wirklich für eine Flasche machte, war der Sommer gerettet. Trotz Alena Kühnes Muschipilz.

Ich fand Madenbein auf dem Spielplatz vor der Kirche, wo er auf der übriggebliebenen Längsleiste einer Holzbank saß. Er sah ziemlich runter aus und hatte auch einen sitzen. Als er mich kommen sah, grinste er. Viele Zähne hatte er nicht mehr. Ich hatte noch nie mit ihm geredet und kam mir komisch vor, aber andererseits brauchte ich unbedingt ein paar Bier. In Dänemark hatte ich nichts bekommen können und so war ich regelrecht ausgetrocknet. Es musste sein.

„Hallo“, sagte ich, „Hab gehört, du kannst mir vom Kiosk nen Sechserträger besorgen?“

„Haste Geld?“

„Klar.“

Ich holte einen zerknitterten Fünf-Mark-Schein aus der Hosentasche und reichte ihn an Madenbein weiter. Der hielt ihn gegens Licht und kniff ein Auge zusammen, während er sich das Geld besah. Es war einer von diesen neuen Fünfern und die hatte er wohl noch nie gesehen.

„In Ordnung.“, sagte er schließlich.

einbecker100Wir hatten verabredet, dass ich auf dem Spielplatz warten sollte, während Madenbein das Bier holen würde. Ich war etwas nervös. Insgeheim befürchtete ich, der Kerl würde mit meinem Geld einfach abhauen. Aber nach 10 Minuten sah ich ihn die Straße runterkommen, über den Kirchhof schlendern und schließlich durch den Sand des Spielplatztes waten. In der Hand hatte er einen Sechserträger Einbecker.

„Stark“, sagte ich, als er schließlich wieder neben mir auf der Bank saß und mir das Wechselgeld in die Handflächen klimpern ließ.

„Kein Problem“ Madenbein lächelte überlegen. Er hatte sich bereits ein Bier aufgemacht und wollte mit mir anstoßen. Ich nahm mir eine Flasche und wir ließen Glas gegen Glas klirren.

„Auf gute Zusammenarbeit“, sagte ich.

„Ja“, sagte Madenbein und dann sagte er noch was. Was ziemlich Seltsames. Ob ich mein Einbecker schon mal mexikanisch getrunken hätte, das wollte er wissen.

Mexikanisch Bier trinken. Davon hatte ich noch nie gehört. Mexiko klang weit weg. Ich hatte es nur bis nach Dänemark geschafft und da wollte ich nie wieder hin, zumindest nicht zusammen mit meinen Eltern. „Nein“, sagte ich, „Aber ich machs, wenn du’s auch machst.“

„Dann pass mal auf“, sagte Madenbein und dann krempelte sein linkes Hosenbein hoch bis zum Knie.

Die Wunde an seinem Oberschenkel war noch ekelhafter, als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie war blutig und eitrig und so tief, dass man sogar was vom Knochen sehen konnte. Madenbein machte sich jetzt mit seinen schmutzigen Fingern an ihr zu schaffen. Ich sah, wie seine Finger zitterten, als sie in der Wunde stocherten. Dann hatte er etwas in der Hand, zwei Maden, weiß, klein und zappelig. Nur einen Moment sah ich sie, dann verschwanden die Biester im Bier, eins in meinem, eins in dem von Madenbein.

einbecker100„Auf Mexiko“ Madenbeins Finger zitterten noch immer, als er das sagte. Sie hatten sich jetzt um den Bauch seiner Einbecker-Flasche geschlungen. Er trank auf Ex leer und als er die Flasche absetzte, sah ich, dass er die Made zwischen seinen letzten beiden Zähnen hatte. Als er sie einsog, gab es ein schmatzendes Geräusch.

„Jetzt du“, sagte er.

Ich starrte auf die Flasche, die ich in der Hand hielt. Auf dem Grund wand sich die weiße Made. „Ne, lass mal“, sagte ich. Ich nahm die vier Bier, die mir geblieben waren und sah zu, dass ich wegkam. Noch immer drei Monate. Drei Monate, bis ich 16 war und mit mein Einbecker selbst kaufen konnte. Dann würde schon alles besser werden, sagte ich mir.

Sebastian Wippermann

sagt: "Alle Autoren, für die ich mich wirklich begeistere, werden eigentlich bereits durch ihre Texte charakterisiert. Bei B... braucht kein Mensch die paar biographischen Angaben im Buchrücken. Alles was man über den Mann wissen muss, steht in seinen Texten."

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.