Eine faire Welt

nacht1-100x943Ich konnte mich nicht erinnern, seit wann die anderen fehlten. Im Noktarium waren sie noch da gewesen, zumindest ein paar von ihnen. Jetzt jedenfalls waren sie alle fort, kurz vor dem Ziel aufgegeben, die Idioten. Aber ich, ich würde durchhalten. Und ich nahm einen Schluck von meinem Bier, obwohl es mir längst schon nicht mehr schmeckte. Hauptsache durchhalten, mal was zu Ende bringen.

Neben mir an der Bar saß eine alte Russin, die hatte ich hier schon ein paar Mal in der Pegelhütte gesehen, auch schon mal im Café Kanibal, da hatte sie mich angeschrien. Wegen was, das wusste ich nicht mehr und auch sie schien sich daran nicht mehr zu erinnern. Gefährlich weit lehnte sie sich zu mir rüber.

„Was machste denn hier, so ganz allein?“, wollte sie wissen.

„Ich brings zu Ende“, antwortete ich.

„Wie zu Ende bringen?“

Ich erzählte es ihr. Von dem Plan, zwölf Kneipen in einer Nacht, unsere Lieblingsläden voller Erinnerungen und in jeder ein Gedeck. Von Frede, der übermorgen für ein ganzes Jahr nach Australien gehen würde und dass das hier sein Abschiedsabend sein sollte und dass sie alle schlapp gemacht hatten, irgendwo zwischen Kneipe sieben und neun und ich es jetzt allein zu Ende bringen musste. Beeindruckt schien die Russin nicht. Aber trotzdem lehnte sie sich noch ein bisschen weiter zu mir rüber. So weit, dass sie beinahe vom Hocker fiel und ich sie stützen musste. Schwer lehnte sie sich gegen meine Schulter und behutsam rückte ich sie wieder auf ihrem Hocker zurecht.

„Kannste mir mal helfen, Schätzchen?“, fragte sie, schon wieder bedrohlich schwankend.

„Wobei denn?“

„Find mein Portemonnaie nicht. Kannste mal nachsehen?“

Sie deutete auf ihre Handtasche, die auf der Theke stand, ziemlich weit von ihr weg.

Ich zog das hässliche Gucci-Imitat zu mir rüber und wühlte darin herum. Es enthielt den typischen Kram, den Frauen in ihren Handtaschen deponieren, vieles sogar in doppelter oder dreifacher Ausführung. Allein sechs Schachteln Marlboro. Volle! Ein Portemonnaie fand ich nicht.

„Sorry.“nacht2-100x943

Die Russin zog beleidigt die Unterlippe zum Flunsch und obwohl manche Frauen echt hinreissend aussehen, wenn sie beleidigt sind, ihr stand das gar nicht. Sowieso war sie keine hübsche Frau, bestimmt mal gewesen, irgendwann, bestimmt sogar mal sehr hübsch, eine Schönheitskönigin mit einer Kirsche im breiten rot angemalten Mund, aber jetzt war unter den Augenringen und der faltigen Wangen nur noch eine traurige Ahnung davon übrig.

Wie ich sie so ansah, war ich mir sicher, dass sie mir ihr Leben schon mal erzählt hatte, vielleicht in der Nacht im Café Kanibal, in der sie mich auch angeschrien hatte, oder vielleicht war es eine der anderen alten Furien, die durch diese Stadt und die Kneipen ziehen mit ihren Problemen und ihrem Wahnsinn. Ihre Geschichten glichen sich oft verblüffend: Zwecksverheiratet, zwangsverheiratet, Versager, Gewalt, Alkohol, Sorgerecht, Fehlgeburt, noch ne Fehlgeburt und irgendwann dann alles verwelkt auf dem Gefühlskompost des Lebens. Ein bisschen tat mir die Russin jetzt leid, aber ich wusste, dass Mitleid das letzte war, was sie von mir oder irgendwem sonst wollte. Und doch war es das einzige, was ich fühlte. In ner fairen Welt, dachte ich nur, in ner fairen Welt da wärs andersrum. Da würde man nicht altern, sondern sich mit der Zeit verjüngen, als Lohn für die ganze Scheiße, die man durchstehen muss, da würde man hübscher und unbeschwerter werden, statt runzliger und verrückter. In ner fairen Welt, dachte ich weiter, wär so vieles anders.

Die Russin lehnte sich wieder gegen meine Schulter. Diesmal drückte ich sie nicht weg, nahm stattdessen noch einen Schluck von meinem abgestandenen Bier. Ich spürte, dass ich jetzt, so kurz vor dem Ziel, doch noch versumpfen würde. Wenn man zwölf Kneipen in einer Nacht schaffen will, dann darf man vieles, nur nicht versumpfen. Ich hatte darüber mit Moga gesprochen, noch ganz am Anfang der Tour, im Quit war das, als einer von den andern Idioten sich zu seinem Gedeck noch ein Weizen bestellt hatte. Ranger, der war dann auch konsequenter Weise als erster k.o. gegangen. Da war die Welt dann doch wieder fair. Aber was war der Lohn für mich, der Lohn so weit gekommen zu sein? An meiner Schulter lehnte still die Russin. Bald hörte ich gleichmäßiges Schnarchen.

Sebastian Wippermann

sagt: "Alle Autoren, für die ich mich wirklich begeistere, werden eigentlich bereits durch ihre Texte charakterisiert. Bei B... braucht kein Mensch die paar biographischen Angaben im Buchrücken. Alles was man über den Mann wissen muss, steht in seinen Texten."

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