Eine Weihnachtsgeschichte

Susanne schlug die Augen auf. Ihr Blick schweifte zum Fenster, während sie sich noch enger in ihre Bettdecke zu schmiegen versuchte. Nach und nach klärte sich ihr Blick und die Realität holt sie ein. Im Mund der Geschmack von zuviel Rotwein. Ein Chianti Superior, für dessen hohe Qualität die Hersteller laut Etikett zwanzig Prozent Ernteeinbußen hinnahmen – und dafür zwanzig Prozent auf den Preis aufschlugen. Pelzige Zunge am Tag danach inklusive. Auf dem Nachttisch ein Zettel mit der Nachricht „Ich ruf Dich an, Heiko“. Kein „es war toll“ oder „in Liebe“ oder „bis heute Abend“. Susanne schloss die Augen. Heiko. Die Erinnerung an die letzte Nacht trieben langsam in ihr Bewusstsein hoch. Wie das ins Klo geschüttete Öl einer Sardinenbüchse. Ein freier Abend ohne Ziel. Ein Cocktail und ein paar Zigaretten zuviel in einer hippen Bar im Münchner Glockenbachviertel. Und Heiko. Charmant, gutaussehend, smart und von sich überzeugt. Später ein kurzer, heftiger Fick und nun ein Eintrag mehr auf der Liste der Enttäuschungen.

winterEs liegt Schnee. Vier Tage vor Weihnachten. Kälte schneidet ihr ins Gesicht und sie zieht den roten Schal etwas fester um ihr Gesicht. Komisch, denkt sie, dass sie jetzt an Joshua denken muss. Joshua Kahapka. Ihr erster Freund in der dritten Klasse. Klein, schmächtig und Außenseiter. Kind deutschstämmiger Einwanderer, die die Dorfkneipe im Ort ihrer Kindheit betreiben. Ihr erster Freund – echte Freundschaft. Unschuldig. Bild: U.Klein Ohne sexuelle Spannungen. Dritte Klasse Grundschule. Gespräche im Pausenhof über Fahrräder, Indianer oder die kommenden Weihnachtsgeschenke. Wer schneller laufen kann oder ob das Taschengeld jemals für die in Comics beworbenen Sea-Monkeys reicht – ein Pulver, das in Wasser geschüttet zu lebenden Seemenschen wird, für die sie dann sowas wie Königin und König wären. Was einem eben in dem Alter so interessiert. Verstohlenes Händchenhalten – zurückgezogen unter verlegenem Grinsen. Und große braune Augen. Die sind ihr bis heute in Erinnerung geblieben. Joshs große braune Augen. Genau wie Heikos, oder all der anderen. Vielleicht prägt einen die Kindheit doch, denkt sie.

Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln auf dem Weg zum Supermarkt. Komisch, denkt sie, dass sie ausgerechnet heute daran denken muss.

Heute vor dreiundzwanzig Jahren. Turnen in der fünften Stunde. Josh war den ganzen Tag nicht erschienen. Dafür kam die Turnlehrerin in Begleitung von zwei Polizisten. Josh wird nicht mehr zur Schule kommen, erklärt sie. Es wird still in der Turnhalle. Ob er umgezogen ist, will sie wissen. Und nein, kommt die zögerliche Antwort. Josh ist beim Spielen verunglückt. Hat sich beim Versteckspielen im Keller des elterlichen Gasthauses in einem alten, abgestellten Kühlschrank versteckt. Man hat ihn erst Stunden später gefunden. Erstickt. Die Innentür leicht eingebeult von den Schlägen seiner kleinen Fäuste. Es folgt eine Belehrung, sich nicht in alten Kühlschränken zu verstecken, danach gibt es Schulfrei.

Im Supermarkt ist nicht viel los. Sie entscheidet sich für italienische Pesto, Kosmetiktücher, teure Spaghetti und einen schweren Merlot-Rotwein. An der Kasse vor ihr steht eine Frau mit einem geschulterten Säugling. Große braune Augen lächeln sie an.

Ulrich Klein

1968 in Ingolstadt geboren, in München gestrandet. Echten Beruf gelernt, gearbeitet, 15 Monate sinnlos auf Grundrechte verzichtet, Abi nachgemacht, als Korrekturleser Bücher über die Erotische Wirkung ätherischer Öle oder Schwangerschaftskomplikationen gelesen, froh, als Mann auf die Welt gekommen zu sein, doch noch studiert, spät-jugendlichen Elan an IT-Unternehmen verschwendet, als Redakteur für einen Verlag die Wahrheit geschrieben, die Insolvenz des Verlages bedauert, gelernt, dass die Wahrheit nicht bei allen gut ankommt, als freier Schreiber verdingt, gelangweilt und deshalb wieder in den Schoß einer Redaktion zurückgekehrt.

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