Einschlafprobleme

Heute Nacht, also in der vergangenen, habe ich nach langer Zeit wieder einmal nicht schlafen können. Ich habe, nachdem ich mich wie jeden Tag schon um neun Uhr abends ins Bett gelegt hatte, nicht einschlafen können, und wenn ich nicht gleich einschlafen kann, werde ich bald wieder munter und kann dann überhaupt nicht mehr einschlafen. Vielleicht kann ich viel später, irgendwann nach Mitternacht, doch noch einschlafen, aber das ist dann ein reines Glück. Kann ich nicht sofort um neun Uhr oder bis spätestens halb zehn einschlafen, ist es mit dem Schlafen überhaupt vorbei. So wie letzte Nacht. Ich habe mich hingelegt wie üblich, aber anstatt mich meinen Lieblingseinschlafphantasien hingeben zu können, die mir das rasche Einschlafen ermöglichen, ja sogar unabdingbar für rasches Einschlafen sind, haben mich Alltagssorgen geplagt. Mein Hirn ist wegen gewisser Alltagssorgen nicht zur Ruhe gekommen und hat sich wie ein Motor immer weitergedreht und sich sozusagen geweigert, in den Schlafmodus überzugehen, hat stattdessen, also anstatt sich von meinen (seinen) Einschlafphantasien einlullen und gewissermaßen in den Schlaf wiegen zu lassen, unnötige Tagesprobleme gewälzt, die in der Nacht, im Schlaf, in den Träumen ganz einfach nichts zu suchen haben, die den Schlaf und die Träume nur ganz durcheinanderbringen. Geldsorgen einerseits, Berufssorgen andererseits. Aus eigentlich nichtigem Anlaß: eine von mir zufällig aufgeschnappte Bemerkung meines Chefs zu seiner Sekretärin die Auftragslage betreffend, aus der ich gestern in einer mir unverständlichen, weil mir an und für sich nicht eigenen, hysterischen Panik glaubte ableiten zu können, die Firma stünde unmittelbar vor dem Ruin und ich somit auf der Straße, drehte sich den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend alles in meinem Kopf um die Zukunft, besser gesagt den drohenden Zukunftsverlust. Heute, obwohl logischerweise völlig unausgeschlafen und entsprechend niedergeschlagen, sieht alles wieder ganz anders aus, nämlich ganz normal, keine Rede von Ruin und Jobverlust und Obdachlosigkeit. Die von mir ganz mißverstandene Bemerkung bezog sich, wie ich mir heute vom Chef, den ich direkt darauf ansprach, erklären ließ, nur auf einen kleineren Auftrag, und selbst bei diesem lediglich auf eine Abrechungsungenauigkeit. Hätte ich, erklärte er, das ganze Gespräch mit der Sekretärin hören können und nicht bloß diese eine, aus dem Zusammenhang gerissene Bemerkung, die für sich allein betrachtet, räumte er ein, gewiß merkwürdig, ja besorgniserregend geklungen haben mochte, hätte ich mir keine Sorgen gemacht, ja mir überhaupt nichts dabei gedacht. Diese Bemerkung, die sich heute glücklicherweise als gänzlich harmlos herausgestellt hat, hatte mich gestern um meinen Schlaf gebracht. Die ganze Nacht hatte ich kein Auge zugemacht, weil ich mich von einer unbedeutenden Nebenbemerkung, die noch nicht einmal mir gegolten hatte, aus der Ruhe, der Existenzsicherheitsruhe habe bringen lassen. Das passiert mir, wie gesagt, ganz selten, es passiert mir so gut wie nie, daß mich etwas derart aus der Ruhe bringt, daß ich nicht einschlafen kann. Höchstens heiße, schwüle Vollmondnächte sind dazu in der Lage, mich hin und wieder nicht einschlafen zu lassen, oder Kopfschmerznächte, aber selbst in Vollmondnächten oder in Kopfschmerznächten schlafe ich dann doch irgendwann ein. Meistens greifen meine Einschlafphantasien sofort, also innerhalb weniger Minuten, und wenn nicht gleich wie in den genannten, und wie gesagt sehr seltenen Fällen, dann eben etwas später, spätestens nach einer Viertelstunde greifen sie dann doch. Ich brauche mich normalerweise nur hinzulegen, die Augen zu schließen und mir ein Erschießungskommando vorzustellen, und schon schlafe ich ein. Erschießungskommandos sind mir am liebsten, fünf oder zehn oder fünfzehn Hinzurichtende an der Wand und ein Maschinengewehr lullen mich innerhalb weniger Minuten in den Schlaf. Ich stelle mir vor, wie die fünf oder zehn oder fünfzehn Leute an der Wand aufgestellt werden und ich das Kommando gebe zu feuern. Ein von einem einzigen Schützen bedientes Maschinengewehr ziehe ich einer Gruppe von fünf oder zehn oder fünfzehn Schützen mit je einem gewöhnlichen Gewehr vor, da die Vorstellung von fünf oder zehn oder fünfzehn im Kugelhagel eines einzigen Maschinengewehrs, das von links nach rechts und dann von rechts nach links und wieder von links nach rechts und wieder zurück, also mehrmals hin und her rattert, zusammenbrechenden Hinzurichtenden die beste einlullende und einschläfernde Wirkung hat. Manchmal stelle ich mir auch Einzelschützen vor, die gleichzeitig ihren einzigen Schuß aus ihren Gewehren abgeben, aber die Einschlafwirkung ist da nicht so zielführend wie bei der Vorstellung eines ratternden Maschinengewehrs. Zwar hat das gleichzeitige und gewissermaßen ordentliche Zusammenbrechen der Erschießungsopfer durchaus seinen ästhetischen Reiz, vor allem den einen einzigen Schuß – scheinbar einen, tatsächlich sind es ja so viele Schüsse wie Hinzurichtende, die auf Kommando gleichzeitig ertönen – und auch, wie gesagt, das gleichzeitige Zusammenbrechen der Erschossenen, während beim Maschinengewehr die Opfer nacheinander, wenn auch in schneller Folge, zusammenbrechen, aber lieber ist mir doch das Maschinengewehr, wegen der größeren Effizienz: ein Kommandant und ein Schütze, das ist das Großartige. Es gibt nichts Vergleichbares. Früher habe ich auch mit anderen Hinrichtungsmethoden experimentiert, mit Massenerhängungen oder Massenerdrosselungen oder Massenverbrennungen wie den inquisitorischen Autodafés … ja Inquisitor hätte man sein müssen, das wäre vor vierhundert Jahren mein Traumberuf gewesen, aber … na ja, man kann ja nicht alles haben … jedenfalls: diese Methoden, die sicherlich alle ihren Reiz haben, dauern alle irgendwie zu lange. Ich will ja einschlafen und wenn möglich schnell einschlafen, deswegen sind Maschinengewehrhinrichtungen die beste Lösung. Normalerweise komme ich nicht einmal soweit, bis alle Opfer bewegungslos daliegen, ich schlafe sozusagen in der Hundertstelsekunde ein, in der die Maschinengewehrkugeln aus dem Maschinengewehr heraus Richtung Hinrichtungsgegenstand fliegen. Meistens komme ich ja nur bis zum Feuerbefehl. Ich lasse die Hinzurichtenden antreten, oder genauer gesagt sehe ich sie schon dastehen, ich komme also als Kommandant zur Hinrichtungsstätte, sehe mir die Reihe der fünf oder zehn oder fünfzehn Erschießungsopfer genüßlich an, entspanne mich einen Moment, dann gebe ich den Feuerbefehl und dann schlafe ich gewöhnlich ein. Das ist das häufigste Szenario. Manchmal schlafe ich nicht gleich ein, dann lasse ich die Vorstellung weiterlaufen, stelle mir das Zusammenbrechen der Opfer vor und wie sie tot vor der Wand liegen. Wenn ich dann immer noch nicht eingeschlafen bin, lasse ich weitere fünf oder zehn oder fünfzehn Erschießungsopfer kommen und Aufstellung nehmen und wiederhole den Vorgang. Aber das geschieht nur selten. Dazu muß ich schon einige Minuten wach im Bett liegen, ohne einzuschlafen, was nicht sehr häufig der Fall ist. Ab und zu nützen auch mehrere Exekutionen nichts, da geht mir dann die Phantasie aus, da rufe ich mir dann dokumentarische Filmsequenzen von Erschießungskommandos der Nazi-SS ins Gedächtnis, wie sie glücklicherweise oft genug im Fernsehen gesendet werden und die ich mir immer ansehe und auf Videokassette aufnehme, um sie mir jederzeit nach Belieben anschauen zu können. Das mache ich normalerweise aber nicht für den Nachtschlaf, sondern für das kurze Mittagsschläfchen. Ich schaue mir eine Videokassette mit aus dem Fernsehen aufgenommenen Erschießungsszenen der SS an, um müde zu werden und für eine Viertelstunde einzunicken. Für den Mittagsschlaf gibt es nichts besseres, nichts einschläfernderes als gemütlich am Sofa liegend zuzuschauen, wie die SS massenweise Leute in Gruben hineintreibt und eine Gruppe nach der anderen erschießt. Zwar sind diese Filmszenen nie sehr lang, kaum länger als eine Minute, aber zum Einnicken reicht das ja. Allerdings wie gesagt nur für das Mittagsschläfchen. Für den Nachtschlaf ist das eigentlich nicht das richtige, da ist das sozusagen nur die Notlösung, wenn die eigene Phantasie, in der ich ja selber der Kommandant sein kann, der den Feuerbefehl gibt und anschließend, sofern ich bis dahin nicht schon eingeschlafen bin, was, wie gesagt, meistens ja der Fall ist, mit der Pistole in der Hand kontrolliert, ob wohl alle Hinzurichtenden tot sind und falls nicht, ihnen mit der Pistole den Rest gibt, … wenn also die eigene, die sozusagen kreative Phantasie nicht greift. Da rufe ich mir dann eben jene Filmszenen ins Gedächtnis, aber ehrlich gesagt nützen die dann auch nichts mehr: wenn ich nicht bald einschlafe, ist die Gefahr sehr groß, daß ich gar nicht mehr einschlafe, wie es eben gestern geschehen ist. Gestern habe ich zuerst mein ganzes Hinrichtungsrepertoire ausprobiert bis hin zu denen aus früheren Jahren, dem Erhängen und Erdrosseln und Verbrennen, und anschließend auch alles hervorgekramt, was ich an SS-Dokumaterial kenne, aber eingeschlafen bin ich trotzdem nicht. Gegen jene kleine, unbedeutende Nebenbemerkung in der Firma, die ich irrtümlich als meine Existenz bedrohend empfand, sind nicht einmal dieses schweren Geschütze angekommen und ich habe mich die ganze Nacht deswegen im Kreise gedreht. Aber so was kann schon mal vorkommen. Glücklicherweise geschieht mir das nur sehr selten, und heute werde ich ganz sicher gut schlafen. Heute wird es, denke ich, genügen, bloß zwei oder drei, vielleicht sogar nur einen Hinzurichtenden aufmarschieren zu lassen, den ich dann selber erledigen kann … falls ich nicht vorher schon eingeschlafen bin.

Manfred Bibiza

Also: Neuzehnhundertneunundfünfzig erstmals gezwinkert (in Tirol), dann Kindergarten, dann Schule, dann immer noch Schule, dann Fotografenlehre, dann Müßiggänger (die besten, dh sowohl die glücklichsten als auch unglücklichsten Jahre), dann Zivildiener, dann Hilfsarbeiter, dann abschlußloser Architekturstudent, dann arbeitslos, dann Arbeitssklave ... künftig weiterhin Arbeitssklave, dann Mindestrentner, dann Leiche ... aber bis dahin lebe ich, und zwar schon seit Jahrzehnten, in Wien.

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