Essen und Trinken

Ausgerechnet an dem Tag, an dem mich meine Umwelt wie Luft behandelte, am Tag meiner Nichtbeachtung ging die Welt zugrunde. Bereits am Morgen war ich unter die Hufen eines Nashorns geraten, eines Dickhäuters in Nadelstreifen. Ich mußte das Bewußtsein verloren haben, mußte wie tot dagelegen haben, auf einem Parkplatz, vor einem Kaufgewölbe, denn als ich aufwachte, war die Welt wüst und leer. Zwar waren das Gewölbe und der Parkplatz noch da, aber die Menschen, diese Bienen auf zwei Beinen waren wie vom Erdboden verschlungen. Nichts rührte sich, nichts war zu hören, kein Wind, kein Vogel, kein Motor, die Welt vor meinen Augen lag so still und starr wie am Heiligabend da. Die Kaufgewölbe spielten Toter Mann. Ihre Türen glichen verrammelten Festungstoren. Denselben Eindruck vermittelten Polizeirevier, Siechen- und Spritzenhaus.

Ich trat – jäh frierend – den Rückzug an, ich zog mich nach Hause, in meine Wohnung zurück. Es zog mich in den Schutz meiner festen Burg, es zog mich zum Telephon, doch – oh Schreck! – auch das Telephon blieb stumm. Panik zerriß mein Herz, ein kalter, polternder Gast verbiß sich in meine Eingeweide. Ich hetzte in den Hausflur hinaus. Doch auch die Nachbarn gaben kein Lebenszeichen, niemand öffnete auf mein Klingeln, auf mein Klopfen.

Ich erwartete Gäste. Was, wenn sie kommen würden, was tun ohne Salz, ohne Öl, Mehl und Milch? Meine Vorratskammern, die Kaufgewölbe, waren geschlossen. Mein eigener Vorrat an Wasser und Brot reichte gerade einmal für drei, vier Tage. Bevor mich die Angst vor dem Hungertod packen, bevor sie mich mit Haut und Haaren auffressen konnte, klingelte es an meiner Wohnungstür. Es waren meine Freunde, gutgelaunte Gäste, die so taten, als ob nichts geschehen wäre. Auf meinen Einwand, ihnen nichts anbieten zu können, lachte einer von ihnen, wir hätten ja ihn und legte sich auf den gedeckten Tisch. Schon begannen meine Gäste, ihn mit Messern und Gabeln auseinander zu nehmen, einen guten Freund, der dazu lächelte, anstatt vor Schmerzen zu schreien. Seine letzten Worte waren, er freue sich, seinen Freunden als ein gutes Mahl dienen zu dürfen. Dann schloß er seine Augen, dann verschwanden sie in meinem Magen. Doch der Hunger, das gefräßige Tier, war noch nicht gebändigt, der Hunger verlangte nach mehr. Schon spürte ich, wie sich die Messer meiner Freunde in meine Muskeln fraßen, schon spürte ich eine Hand auf der Schulter, die Hand meiner Frau. Sie schüttelte mich und sagte: „Aufwachen, das Essen ist fertig!“

Rüdiger Saß

geboren 1966 | Wohnhaft in Hamburg | Soziologe | zuletzt erschienen: Neues von der Heimatfront (Roman). Bench Press Publishing, 2008. Siehe auch www.myspace.com/leereimer - Noch zu haben: Nachtstühle - Erzählungen und Prosa

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