Exit through the wormhole, oder: Mit C. beginnen

Im Zwielicht rauschen Häuser und Baumkronen am Fenster des Eurocity vorbei. Wie die Scherenschnitte in einem Schattenspiel: Keine Graustufen sind zu erkennen, alles hebt sich schwarz vom tiefblauen Himmel ab. Anna hält sich an der Tasche fest und sieht auf ihre Schuhe, sieht auf die letzten Tage zurück, die Tage, als sie barfuß war und so etwas wie Schuhe oder so etwas wie ein Zug gar nicht denkbar gewesen waren.

Exit through the wormhole

Jedes einzelne Glied der Kette hatte sich anders angehört, wenn es auf den Dielen rasselte. Es hatte ein paar Tage gedauert, ehe Anna sich darüber im Klaren war, und einige weitere, bis sie die Geräusche dechiffriert hatte. Später dann konnte sie ohne Mühe am Klang erkennen, wie viel Spielraum ihr blieb, wie weit sie sich wegbewegen konnte von ihrem Platz. Das Hören war nicht immer notwendig. Oft genug war es hell im Raum, sie konnte sich orientieren an den Astlöchern im Boden, die keiner Ordnung gehorchten und dennoch die Leere des Zimmers wie Wegmarken strukturierten.

„Schau nicht auf“, hatte er gesagt. Ihr tat der Rücken weh, der Kopf war schwer geworden; länger die Zeit, die sie liegend verbringen wollte. Je schmerzhafter es wurde, desto leichter fiel es ihr, das Warten und das Ignoriertwerden zu vergessen. Es machte kaum mehr einen Unterschied, ob er sie beachtete, wenn er ins Zimmer kam. Ob er sie streichelte, wie er sie streichelte, ob er ihr zu essen brachte und was. Ob er sie schlug, ob er jemand anderen zu ihr hineinschickte. Oder ob nichts geschah. Anfangs hatte es noch wehgetan, wenn er sie nicht beachtete. Anfangs hatten sie alle möglichen Gedanken geplagt. Wie er im Nebenzimmer bereits nach seiner nächsten Zeitvertreiberin suchen mochte. Wie er sie vergaß. Wie wenig er wohl an sie dachte, wie ungerecht das war. Wie abscheulich von ihr, sich diese Unfreiheit und Unmündigkeit zu wünschen, sich auf so etwas nicht nur einzulassen, nicht bloß mitzumachen. Sondern regelrecht darum zu bitten.

Exit through the wormhole

Sie lernte, sich wohlzufühlen in der Leere, hatte weggewollt von dem alten Zuhause. Ein neues war an seine Stelle gerückt, und sie schob ihre Gedanken behutsam unter die Tapete, füllte die Ritzen in den Dielen aus mit Erinnerungen und richtete sich ein in diesem anderen Leben, dabei hatte sie nichts von all dem Plunder mitnehmen wollen. Schau nicht auf, sagte sie sich. Schau nicht hin. Und doch wiederholte sich alles, das Muster der Raufasertapete. Die Kratzer auf den Dielen, hier und dort, immer dasselbe. Als ihr das zum ersten Mal auffiel, begegnete ihr C. Sie hatte sich einfach zu ihr geschlichen und hatte sich neben sie auf den Fußboden gehockt. Hatte ihren Rücken gestreichelt. Anna wunderte sich nicht über den Gast, die Anwesenheit einer anderen Frau, einer fremden, konnte sie hier nicht überraschen. C. kam von nun an jeden Tag, manchmal mehrmals täglich. Er ließ sich seltener blicken, aber C. war, so schien es, immer irgendwie da.

Exit through the wormhole

An einem Tag kam C. und strich ihr über die Wange. Nur mit dem Zeigefinger, der Daumen ruhte unter Annas Kinn. Kurz erinnerte die Berührung sie an etwas, aber ehe die Erinnerung Form annehmen konnte, hatte sie schon wieder alles vergessen. C. sah sie an, als suche sie etwas in ihrem Gesicht, mit unruhigen Augen. Die Iris zuckte hin und her, und Anna fragte sich, ob ihre eigenen Augen genauso aussahen, während sie C.s Blick folgten.
„Soll ich’s dir zeigen? Soll ich dir zeigen, wie du nach draußen kommst?“
Anna zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Vorstellung mehr davon, wie ihre Stimme klang.
„Pass auf“, sagte C., ohne Annas Geste zu beachten. Annas Meinung war hier ohnehin nicht gefragt, und wenn jemand ihr etwas zu sagen hatte, dann hatte Anna eben zu horchen. „Such dir einfach eins dieser Löcher hier im Raum aus. Du wirst schon wissen, welches das richtige für dich ist, da habe ich keine Zweifel. Konzentrier dich einfach und schlüpf nach raus, wenn es dir hier zu blöd wird. Es geht eigentlich ziemlich leicht. Das habe ich schon jeder gesagt und jede hat’s gemacht, jede war irgendwann weg. Wirst sehen.“
Aufmunternd sah C. sie an. Ihre Augen waren jetzt ganz ruhig.
„Er vermisst dich schon nicht. Nur Mut.“

Exit through the wormhole

Als C. das Zimmer verlassen hatte, besah Anna den Boden, auf dem sie lag, bäuchlings, der Kopf auf dem rechten Arm ruhend. Zum ersten Mal sah sie, dass manche der Dielen von Holzwürmern befallen und vollkommen durchlöchert waren. Sie fragte sich, wie es sein konnte, dass sie in all den Tagen, wo sie nichts anderes und erst recht nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als ihren Raum zu untersuchen, nicht auf die Löcher aufmerksam geworden war. Es dauerte nicht lang, bis sie sich für eines der Wurmlöcher entschied.

„Wer soll das sein, C.? Ich kenne keine, die mit C beginnt“, sagte er zum Abschied und sah Anna mit einem Blick an, den sie noch nicht kannte. Ein wenig traurig, ein wenig verärgert. Ein wenig gleichgültig aber auch, dachte Anna. Und: Vielleicht beginne ich jetzt mit C., wenn’s kein anderer macht.

Als Anna von ihren Schuhen aufblickt, ist es ganz dunkel. Die Silhouetten sind in der Nacht verschwunden und immer näher rückt die Stadt, aus der sie kommt. Sie denkt an C., nur noch an C., und hofft, dass sie zu Hause auf sie wartet.

 

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Jana Volkmann: Schwimmhäute (2012)
Mehr von Jana Volkmann:

„Schwimmhäute: 26 Metamorphosen“
Periplaneta Verlag
März 2012
ISBN 978-3940767929
www.jana-volkmann.de

Jana Volkmann

1983 in Kassel geboren. Studierte in Berlin, lebt und schreibt seit 2012 in Wien. Ihr Debüt „Schwimmhäute – 26 Metamorphosen“ erschien mit Lesungs-CD im März 2012 bei Periplaneta periplaneta.com. Lesungen in Wien, Berlin, Leipzig, Hamburg, Fribourg und anderen Städten (siehe z.B. http://www.facebook.com/SchamlosHarmlos). Im Web auf www.jana-volkmann.de

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