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	<title>Zarathustras miese Kaschemme</title>
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	<description>Blog &#38; Magazin für exzentrische Literatur</description>
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		<title>Gossenkinder</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 06:06:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marc Mrosk</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Panisch flogen die Vögel davon. Wir setzen uns auf den Tisch, die Schuhe auf die Bank und schauten uns gründlich um.  „Niemand zu sehen“, sagte ich. „Gut, mach auf.” Wir drehten den Verschluss auf und rochen an der Öffnung. Beide verzogen wir das Gesicht und zögerten zu trinken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir lungerten uns noch sehr spät draußen rum. Frankie und ich balancierten die Bordsteine unserer Straße auf und ab. Zwei verlorene Kinder, er 14 und ich 12, die auf dem dunklen Asphalt irgendwo zwischen unseren Wohnhäusern herumturnten, während die anderen zu Hause waren und fernsahen. Wir wollten nicht nach Hause, vor allem nicht Frankie. Wir hatten seinen Vater besoffen nach Hause kommen sehen und nach trinkfesten Stunden in der Kneipe am Ende der Straße schlug er gerne mal zu. Frankie machte sich um seine Mutter Sorgen, aber er konnte ja an der ganzen Misere sowieso nichts ändern. Bei mir im trauten Heim lag ebenfalls ein überflüssiger Streit in der Luft und so schloss ich mich Frankies Abstinenz an. Wir hatten Glück, dass der Regen ausblieb, die Kälte war erträglich.</p>
<p><img class="alignright size-full wp-image-1841" title="Plattenjugend" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/plattenjugend1.jpg" alt="Plattenjugend" width="180" height="1770" />„Ich hab nen Hunderter”, sagte Frankie und zog einen Hundert-Mark Schein aus der Gesäßtasche seiner verwaschenen Jeans, die ihm mindestens zwei Nummern zu klein war. Ich war erstaunt. Das war erst das zweite Mal, dass ich einen Hundert-Mark Schein sah.<br />
„Ich hab auch Zigaretten”, sagte er und zog gleich mal vier Selbstgedrehte aus der linken Brusttasche seines gestreiften Hemdes, mit dem er wie einer von der Olsenbande aussah. Auch wenn seine Hose viel zu klein war, gefiel sie mir um einiges besser als meine. Meine sah so billig aus und barg nichts anderes als Sand und Kieselsteine.<br />
„Wo hast du das Geld und die Zigaretten her?”, fragte ich ihn.<br />
„Meinem Vater ausm Schrank geklaut.”<br />
Wir gingen runter zum Imbiss und kauften uns vier Portionen Pommes, sechs Bratwürstchen und jeder zwei Hamburger. Nach den Bratwürstchen waren unsere Mägen voll und wir ließen den Rest auf dem Spielplatz liegen.<br />
„Was jetzt?”, fragte ich und Frankie begann zu überlegen.<br />
„Lass uns ne Flasche Schnaps kaufen”, sagte er und ich willigte sofort ein. Ich hatte vorher noch nie Alkohol getrunken.<br />
Wir gingen runter zur Ecke, wo der Kiosk war. Der Kioskbesitzer war ein alter Witwer, den alle nur „Tasche“ nannten. Wieso wusste ich nicht. Er saß in seinem Kiosk und las wie immer in einem seiner Groschenromane. Ich blickte aufs Titelblatt und sah einen Cowboy, der einen Indianer erschoss.<br />
„Was macht ihr denn so spät noch draußen?”, fragte er.<br />
„Was für meinen Vater kaufen“, antwortetet Frankie.<br />
„Zigaretten?”<br />
„Nee, Weinbrand.”<br />
„Mariacron?”<br />
„Ja, wie immer.”<br />
Tasche legte sein Heft zur Seite und streckte sich, um die Flasche auf dem Holzregal über der Eistruhe zu greifen.<br />
„Das ist sie”, sagte Frankie und legte seine Hände erwartend auf dem Tresen ab. Ich blieb im Hintergrund. Frankie hatte mehr Erfahrung im Einkaufen von Alkohol und Zigaretten. Schon ein paar Mal hatte er für seinen Vater bei Tasche Nachschub geholt. Frankie nahm die Flasche in seine Hand und reichte sie an mich weiter. Da lag sie nun in meinen Händen. Ich wollte aus lauter Neugier sofort einen Schluck nehmen, doch musste erst mal warten, bis Frankie bezahlt hatte und wir in sicherer Umgebung waren.<br />
Frankie legte das Geld auf den Tresen und wir verabschiedeten uns.<br />
„Und sag ihm seine neue Drehmaschine ist hier,” sagte Tasche und Frankie nickte ihm zu. „Mach ich.”</p>
<p>Wir gingen zurück zum Spielplatz, beschattet vom sterbenden Plattenbau westlich von uns gesehen. Tauben hatten sich inzwischen über unser Essen hergemacht. Sie pickten mit ihren Schnäbeln durch die Alufolie und verstreuten die Gurken und Tomaten der beiden Hamburger über den Boden. Frankie lief rüber zum Tisch und schrie sie an. Panisch flogen die Vögel davon. Wir setzen uns auf den Tisch, die Schuhe auf die Bank und schauten uns gründlich um.<br />
„Niemand zu sehen“, sagte ich.<br />
„Gut, mach auf.”<br />
Wir drehten den Verschluss auf und rochen an der Öffnung.<br />
Beide verzogen wir das Gesicht und zögerten zu trinken. Es muss unglaublich auf der Zunge brennen, dachte ich mir.<br />
Frankie nahm einen kleinen Schluck und ließ ihn im Mund. Er versuchte zu Schlucken, doch es fiel ihm sehr schwer.<br />
„Was ist denn?”<br />
„Mmmm mmmm”, murmelte er mit vollem Mund und gab mir die Flasche zurück. Ich nahm den nächsten Schluck und ließ ihn sofort in den Magen wandern. Als Frankie das sah, schluckte er ebenfalls und beide fingen wir an zu husten, während unsere Kehlen wie das Höllenfeuer brannten.<br />
„Einen nehmen wir noch und dann kannste sie nach Hause bringen.“<br />
Ich nahm noch einen Schluck und dann wieder er.<br />
„Schaffst du noch einen?”, fragte er und ich wollte mich nicht geschlagen geben. Ich nahm einen weiteren Schluck und dann war er wieder am Zug.<br />
<img class="alignright size-full wp-image-1842" title="Plattenjugend2" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/plattenjugend2.jpg" alt="Plattenjugend2" width="173" height="1534" />„Voll der Brennstoff”, sagte er und hechelte. Wir hatten den Flaschenhals leer bekommen und fühlten noch nichts. Ohne was zu sagen, nahm ich noch einen Schluck und hielt die Flasche triumphierend in meiner Hand. Frankie schaute nachdenklich und griff sich die Pulle siegeswillig. Er trank und gab sie wieder zur mir zurück. Mein Rachen war wie taub und ich spürte die Wärme im ganzen Körper. Wir saßen mitten in der Hölle und genossen es. Gossenkinder, die Spaß an Dummheiten hatten.<br />
„Glaubst du wir schaffen die ganze Pulle?”, fragte er und ich trank erneut.<br />
„Wir hätten Kaugummis kaufen sollen.”<br />
Er nahm den nächsten Schluck. Dann wieder ich und dann wieder er. Bald machte uns das Brennen im Hals nicht mehr viel aus und wir setzten die kleinen Schlucke fort. Wir gingen zu den Bäumen rüber und pinkelten. Wieder zurück auf dem Tisch nahmen wir jeder noch einen Schluck.<br />
„Mann, das Zeug ist echt hart”, lallte Frankie und übergab sich kurz darauf. Seine Augen waren ganz glasig und ich fühlte mich, als hätte ich seit Tagen schon nicht mehr geschlafen. Der Alkohol drückte mich runter. Ich sah sein Erbrochenes vor der Bank und schon wurde mir übel.<br />
„Mir ist ganz komisch”, sagte Frankie und konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten.<br />
„Ich glaube ich sterbe“, sagte er und fing an zu weinen. Ich legte ihm meine Hand auf den Rücken und versuchte ihn zu beruhigen, aber als ich mir anfing vorzustellen, wie wir beide in den nächsten Minuten das Bewusstsein verlieren würden, um dann kurz vor dem Sandkasten im Dreck zu krepieren kam es mir hoch. Er drehte den Kopf zur Seite, fiel fast vornüber und kotzte neben mir auf die Bank.<br />
„Mann, nicht auf die Bank“, sagte Frankie mit seiner weinerlichen Stimme und schubste mich von der Seite.</p>
<p>Frankie sah auf und deutet mit seinem Zeigefinger auf den Nachthimmel, als plötzlich ein Schuss die Luft zerriss und ihn am Oberschenkel traf. Frankie schrie kurz auf und blickte dann rüber zu den Balkonen des Plattenbaus. Irgendwo da oben stand er. Gerd, 15 Jahre alt und heißer Kandidat fürs Jugendamt. Er schoss auf Tauben, streunende Katzen und hatte nun Frankie und mich ins Visier genommen. Wir verschanzten uns hinter der Bank und warteten auf den nächsten Schuss, der aber nicht mehr kam. Frankie lachte und holte ein Taschentuch hervor. Für ihn war es der Anfang einer verheißungsvollen militärischen Karriere, die knapp 13 Jahre später im Norden Afghanistans durch einen Sprengstoffanschlag beendet wurde. Ich hingegen wurde Grundschullehrer und sah manchmal, wenn meine Schüler auf dem Pausenhof Krieg spielten, noch immer den binnen weniger Sekunden gebastelten Molotov-Cocktail aus Weinbrand in Richtung Plattenbau fliegen, dazu der Ruf von Frankie: „Den Hurensohn werden wir braten.“ Es zauberte stets ein Lächeln in mein Gesicht. Ja, mein Gesicht, das durch den steigenden Alkoholkonsum immer mehr an Ästhetik und Autorität verloren hatte. Zwei Jahre und zwei Monate nach meiner ersten Unterrichtsstunde ging ich in den Entzug. Zurück blieb nichts als ein schlechtes Gewissen, ein toter Freund und ein peinliches Feuer auf dem Rasen vor dem Plattenbau, das gefühlte vier Minuten gebrannt hatte.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Luise M.</title>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 06:38:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanna M. Scotti</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die alte Krähe / würgt wirren / Unflat in ihren / Pflegestufen drei / Teller ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1798" title="Hanna M. Scotti: Luise M." src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/12/hanna_luise_m.jpg" alt="Hanna M. Scotti: Luise M." width="560" height="747" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Unternehmen Vlad</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Jan 2012 06:06:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Kai Roßmann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als mein Vater erfuhr, dass sie Prostituierte in Hahnenkostüme steckten und solange kämpfen ließen, bis eine tot war, ging er im Dachboden zwei Stunden lang im Kreis, kam dann zurück ins Wohnzimmer, telefonierte kurz, schnappte sich seine Aktentasche, gab meiner Mutter einen Kuss und nahm mich bei der Hand. Auf dem Weg zur Garage erklärte er mir, dass es Zeit war, die Welt kennen zu lernen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object width="560" height="285"><param name="movie" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/i3VR_7l0SAc?version=3&amp;hl=de_DE&amp;rel=0"></param><param name="allowFullScreen" value="true"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube-nocookie.com/v/i3VR_7l0SAc?version=3&amp;hl=de_DE&amp;rel=0" type="application/x-shockwave-flash" width="560" height="285" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="true"></embed></object></p>
<p align="justify">Als mein Vater erfuhr, dass sie Prostituierte in Hahnenkostüme steckten und solange kämpfen ließen, bis eine tot war, ging er im Dachboden zwei Stunden lang im Kreis, kam dann zurück ins Wohnzimmer, telefonierte kurz, schnappte sich seine Aktentasche, gab meiner Mutter einen Kuss und nahm mich bei der Hand. Auf dem Weg zur Garage erklärte er mir, dass es Zeit war, die Welt kennen zu lernen und dass sich heute die Gelegenheit ergab, mich auf meinen künftigen Job vorzubereiten. Weil ich noch nicht volljährig war und er sich als Einsatzleiter strenger an das Gesetz halten musste als jeder andere, kam Waffengebrauch für mich nicht in Frage, aber er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf einen für mich bestimmten rechteckigen, weißen Karton auf dem Rücksitz. Ich sah, dass neben dem Karton zwei Farbdosen standen, von denen die eine rote, die andere schwarze Farbe enthielt. Aus einem zwischen die Dosen geklemmten Plastiksack ragten zwei Pinsel hervor. Ich war einerseits stolz, dass mein Vater mich an diesem Einsatz teilnehmen ließ, andererseits befürchtete ich, dass es lebensgefährlich werden könnte, selbst wenn ich nur als Künstler mitwirkte. Natürlich nahm ich nicht an, dass ich ein Gemälde herstellen sollte, aber der Auftrag, den ich bekam und den ich im Büro hinter dem Versammlungsraum ausführte, während mein Vater mit seinen Leuten den Einsatzplan durchging, verlangte zumindest einen sicheren Umgang mit Pinsel und Farbe und ein gutes Gefühl für Raumaufteilung. Ich machte ein paar Probestriche auf einem Blatt Papier, bevor ich mich entschied, den Untergrund schwarz und die Schrift rot auszuführen. Ich wurde gerade zum richtigen Zeitpunkt fertig, als mein Vater den Code-Namen des Einsatzes bekannt gab. Als hätten wir die Aktion einige Male geprobt, hob ich das Schild in die Höhe, und mein Vater konnte darauf deuten, während er den von mir geschriebenen Code-Namen schrie: „Unternehmen Vlad“. Das Raunen, welches durch den Raum ging, war Beweis für mich, dass mein Schild bei der Einsatztruppe auf Anerkennung stieß. Eine Frau meldete sich mit einem Lob zu Wort, doch als sie beginnen wollte, die Qualitäten meiner Arbeit näher zu analysieren, unterbrach sie mein Vater, da ab jetzt das Unternehmen lief und die Gegner keine Sekunde Vorsprung bekommen durften. Ich kannte den Ruf meines Vaters, und ich wusste, dass er tatsächlich hart sein konnte, trotzdem war ich überrascht von der Kompromisslosigkeit seiner Vorgangsweise. Eine Spielhölle nach der anderen wurde gestürmt, schwer bewaffnete Leibwächter mussten sich auf den Boden legen, Zuhälter wurden an die Wand gestellt und nach Waffen durchsucht, nackte und halbnackte Frauen liefen kreischend durch Gänge. Es gab massenweise Verhaftungen, und jeder Zeuge hätte die Aktion als durchschlagenden Erfolg werten müssen. Aber ich konnte nach mehreren Razzien im Gesicht meines Vaters erkennen, dass er beunruhigt war. Keiner jener vermeintlich so weit verbreitet und zu jeder Zeit stattfindenden Hahnenkämpfe war entdeckt worden. Er setzte sich auf einen der herumstehenden Plüschsessel und dachte nach, dann ließ er die nackten Frauen Ein Text von Kai Roßmann vorführen. Eine nach der anderen musste sich vor ihn auf einen Stuhl setzen und wurde von ihm verhört. Allerdings brachten ihre Aussagen keine brauchbaren Hinweise. Als klar wurde, dass die Operation nicht in der geplanten Zeit abgeschlossen werden konnte, rief er meine Mutter an und teilte ihr mit, dass sie nicht auf uns zu warten brauche. Anscheinend stellte sie die Frage, ob ich ebenfalls bleiben müsse, denn er reagierte gereizt mit der Bemerkung, dass es schließlich auch um meine Zukunft ginge. Dabei sah er mich an, und ich nickte ihm zu. Das Telefonat trug nicht zu seiner Beruhigung bei, im Gegenteil, er steckte das Handy mit einer wütenden Geste in seine Tasche zurück, und ich hatte den Eindruck, dass er es sogar noch kurz vorher ausgeschaltet hatte. Dann zögerte er kurz, öffnete seine Aktentasche, holte ein Ringbuch heraus und reichte es mir mit dem Auftrag, Skizzen von allen wichtigen Vorkommnissen zu machen. In meiner ersten Skizze hielt ich das Verhör einer nackten Prostituierten fest. Diese saß nach vorn gebeugt auf der Stuhlkante und hatte die Unterarme auf ihre Oberschenkel gestützt. Schon aus der Skizze ging hervor, dass aus ihr nichts herauszuholen war. Zwei weitere Verhöre fanden statt, die ich ebenfalls darstellte, und die ebenso wenig Hilfreiches zu Tage förderten. Ich konnte verstehen, dass mein Vater keinen Sinn darin sah, weitere Verhöre dieser Art durchzuführen. Man konnte annehmen, dass man von diesen Frauen belogen wurde und dass womöglich viele darunter waren, die in Wahrheit an Hahnenkämpfen teilgenommen hatten. Ich wählte mir einen erhöhten Platz, von dem aus ich die notwendige Übersicht hatte, um aussagekräftige Skizzen anfertigen zu können, musste allerdings noch einmal herunterklettern und meinem Vater helfen, einen der Tische in die Mitte des Raumes zu rücken und von Spielkarten, Aschenbechern und leeren Gläsern zu befreien. Wir stellten zwei Lampen an die beiden Längsseiten des Tisches und mein Vater zog den von der Decke hängenden Leuchter ein Stück tiefer, was für bessere Lichtverhältnisse auf der Glasplatte sorgte. Sobald ich an meinen Platz zurückgekehrt war, ließ mein Vater die erste Frau vortreten, ihren Namen sagen und sich ausgestreckt auf die Tischplatte legen. Die Untersuchung dauerte drei bis vier Minuten. Außer eines Muttermals war auf ihrem Körper nichts Auffälliges zu finden. Die nächste Frau besaß extrem weiße Haut, wodurch eine Wunde oder Narbe sofort ins Auge gesprungen wäre. Mein Vater ließ sie, nachdem er sie abgetastet hatte, sich in Bauchlage drehen, untersuchte ihren Rücken, ihr Gesäß und die Rückseite ihrer Beine, musste sie aber genauso ergebnislos entlassen wie ihre Vorgängerin. Obwohl die Untersuchung der dritten Frau doppelt so lang dauerte wie jene der vorangehenden, fiel das Ergebnis ebenso unbefriedigend aus. Ich fühlte die wachsende Frustration meines Vaters. Seine Anweisungen wurden schärfer, seine Berührungen gröber. Plötzlich, es musste sich um die Untersuchung der sechsten oder siebenten Frau handeln, bemerkte ich einen dunklen Fleck auf deren Haut unterhalb des Schlüsselbeines. Ich stellte fest, dass sich der Fleck langsam vergrößerte, allmählich seine kreisrunde Form verlor und zu einem Tropfen wurde, der Sekunden später in Richtung ihrer Achsel davon lief. Ich war nicht sicher, ob mein Vater den Vorgang bemerkt hatte, denn er war gerade mit der Außenseite ihres Oberschenkels beschäftig, und ich wollte ihm schon ein Zeichen geben, hielt mich aber zurück und hob stattdessen den Weg des Tropfens in meiner Skizze markant hervor, um später eine Analyse zu erleichtern. Die Notwendigkeit dafür erübrigte sich allerdings schon im nächsten Moment, denn als ich aufblickte, war bereits mehr Blut aus der Wunde gequollen und eine weitere Wunde hatte sich auf der linken Seite ihres Bauches geöffnet. Mein Vater richtete sich auf und wirkte erleichtert. Er hatte es nicht eilig, die Blutung zu stoppen. Diese Art von Verletzung konnte nur von einem messerscharfen Gegenstand wie einer Kralle herrühren. Ich bemerkte, wie sehr ich mich gesorgt hatte, dass die von meinem Vater geleitete Operation im Nichts verlaufen würde. Nun lag der Beweis für die Richtigkeit seiner Vorgangsweise auf dem Tisch. Die Kämpfe fanden statt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis man auch die Hahnenkostüme finden würde. Ich war stolz, nicht heimgelaufen zu sein und den Einsatz bis zu seiner entscheidenden Phase mitgemacht zu haben. Auch sollten meine Skizzen eine gute Grundlage für mich bilden, um in zehn oder fünfzehn Jahren Nachfolger meines Vaters in diesem Job werden zu können. </p>]]></content:encoded>
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		<title>Yankee-Sugar</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Jan 2012 06:00:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Daudieck</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Er heißt Rolf, aber alle nennen ihn Yankee-Sugar oder auch einfach Sugar. Sugar ist eine internationale Größe im Affiliate-Marketing, aber leicht strange...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-medium wp-image-1825" title="Fluff (Bild: Durkee Mower Inc.)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/fluff-280x280.jpg" alt="Fluff (Bild: Durkee Mower Inc.)" width="280" height="280" />Er heißt Rolf, aber alle nennen ihn Yankee-Sugar oder auch einfach Sugar. Sugar ist eine internationale Größe im Affiliate-Marketing, aber leicht strange, er ernährt sich fast ausschließlich von Cookies, die er aus Amerika einfliegen lässt: Brownies, Muffins, Bagles, Donuts. Sein absoluter Renner ist &#8220;Fluff&#8221;, eine homemade Marshmallow-Creme mit Cranberry-Geschmack von einer private Bakery aus Tallahassee. In Florida hat Sugar sein Eldorado gefunden, er jettet so oft wie möglich rüber, auch wenn er dort mit seinen 280 Pfund manchmal ins Schwitzen kommt.</p>
<p>Zwischen Boca Raton und Pompano liegt das Miccosucee Coconut Grove, sein Stamm-Hotel. Als der Rezeptionist Yankee-Sugar hereinstampfen sieht, verschwindet er sofort nach hinten, um die vorbestellten Schachteln zu holen, einen Stapel Nibble-Boxes mit Cookies der Firma &#8220;Leos Gourmandizer&#8221;, alle einzeln verpackt: ein Miss Chocoholic, ein Berry Berry Lady, ein Mrs. Crumbleberry, zwei Heidi On The Alm und zwei Sugardude.</p>
<p>&#8220;Too warm for the cookies&#8221;, grunzt Sugar statt einer Begrüßung. Der Rezeptionist heißt Solomon, er soll die Sachen gefälligst wieder in den Kühlschrank zurückpacken.<br />
&#8220;Back in the fridge?&#8221;<br />
&#8220;Yeah.&#8221;</p>
<p>Der Flug war anstrengend, das Essen ungenießbar, damn indischer Stuff mit Zitronengras. Sugar ordert bei Solomon &#8220;Pancake Special&#8221; mit echtem Ahornsirup, dazu ein Glas Fluff und Redbull. Für den Durst hat er sich ein eiskaltes Rootbier auf die Terrasse mitgenommen. Hier unter den Palmen sitzt es sich super-angenehm. Sugar streicht sich über seine Glatze, kaum Schweiß. Vor ihm der Highway, dahinter die Beach, auch richtig Traffic da und haufenweise hot Chicks. Sein Entschluss, nach Florida zu gehen, steht fest, es gibt keinen cooleren Platz auf der Welt.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1825" title="Fluff (Bild: Durkee Mower Inc.)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/fluff-140x140.jpg" alt="Fluff (Bild: Durkee Mower Inc.)" width="140" height="140" />Solomon kommt mit einem Berg Pancakes. Lecker, looks delicious &#8212; die Boys von der Hotelküche wissen, was er braucht. Nachdem Sugar alles weggeputzt hat, holt er den Kautabak aus der Hosentasche, natürlich Sweet Black Pig von Gawith Hoggarth, ein anderer kommt nicht in Frage. Das Rauchen hat er cancelled, nervt nur in den Staaten, aber Kauen mit Redbull kommt genauso gut, wenn nicht sogar besser. Gleich heute nach dem Lunch hat er ein Meeting, könnte tuff werden, das Syndikation-Business wird härter, mit dem Cookie-Tracking muss man sich immer mehr in Acht nehmen, doch wenigstens läuft es beim Keyword-Advertising, da ist noch viel Luft. Yankee-Sugar seufzt zufrieden&#8230; nicht ganz zufrieden &#8212; zu den Girls fehlt ihm noch das passende Add-on.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Refraktärphasen</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 06:11:53 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Du lebst in einer mittelgroßen Stadt. Was machst du hier? Du gehst einkaufen, du spülst, du putzt deine Wohnung. Du isst. Du wichst wie du pisst: 20 Sekunden oder ein bisschen mehr. Du erhältst dich am Leben; leihst dir Filme aus oder liest ein paar Bücher. Du versuchst von den Menschen nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu erwarten. Manchmal, wenn du ein Stück Wirklichkeit brauchst, gehst zu den Nutten, weil es einfach und unkompliziert ist.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="justify">Es gibt nichts zu tun. Du kannst weder den Tod noch das Leben annehmen. Du sitzt da in deiner Wohnung und hörst das Rauschen der Autos, die unter den geschlossenen Fenstern vorbeifahren. Du bekommst das Studiengeld von deinen Eltern, mit dem du deine Wohnung finanzierst; du hast einen kleinen Nebenjob. Du lebst nicht schlecht, du faule Sau: Du stehst spät auf, du hast keine dringlichen Pflichten, du studierst schon lange nicht mehr. Du hast dein schlechtes Gewissen, du hast deine kleinen Pseudo-Tätigkeiten, mit denen du dein Nichtstun kaschierst. Du hast soviel Zeit und keine Idee, wie es weitergehen soll. Du schiebst dein Leben auf. In dir ist schon lange eine latente Krise, die dein ganzes Leben überschattet. Du wartest auf ein Wunder, auf eine Verzauberung; du wartest auf eine Naturkatastrophe, auf einen Krieg. Du bist dir bewusst, dass alles in und bei dir selbst liegt. Du kennst deine Fehler in- und auswendig; du kannst deine Schwächen und Ängste vor- und rückwärts buchstabieren; du meinst ihre Gründe und Gegengifte zu kennen. Trotzdem änderst du dein Leben nicht.</p>
<p align="justify">Du weißt, dass menschliches Glück unter bestimmten Voraussetzungen möglich ist: Gute soziale Kontakte, reichhaltige Aktivitäten, eine Arbeit, die Freude bereitet, eine gut funktionierende Partnerschaft, eine optimistische Einstellung dem Leben gegenüber – du musst dich also nicht wundern, dass du ständig am Rande der Verzweiflung lebst. Aber im Grunde interessiert dich das sehr wenig, du bist nicht unbedingt ein erfolgreicher Manager des glücklichen Lebens. Du wirst dich hier nie richtig wohl fühlen und hast dich daran gewöhnt. Du fühlst dich oft krank, aber sagst dir immer wieder: Gesundheit ist zum Ausgeben da. Für deine Rekonvaleszenz brauchst du, neben dem Schutzwall aus Gewohnheiten, die Einsamkeit, die Stille, das Ordnen der Dinge, die Gespräche mit dir selbst. Wie jeder suchst du nach angenehmen Momenten und Empfindungen; du lebst in der Postmoderne, dein Körper verbietet sich jegliche Ahnung von Deprivation. Das Bett ist deine Freundin. Viel schlafen, wenig leben: das ist deine Formel. Du magst den Winter, die Zeit der großen Nacht. Du willst die Ruhe fühlen, die Stille und die Dunkelheit; du willst das Aufhören spüren, die ewige Dämmerung. Du willst das Nicht-Sein aktiv miterleben.</p>
<p align="justify">Deine Augen sind in eine blinde Einstellung gerastet. Du siehst dich aufstehen, dann gehst du aus der Wohnung &#8230; Du kannst deinen ganzen Tagesablauf gedanklich vorwegnehmen: du tust alles nur, um es getan zu haben. Gedämpft hörst du hörst die Autos vorbeirauschen und fühlst dich krank. Du weißt, dass du nur aufzustehen brauchst, die Rollladen hochziehen und die Fenster öffnen musst, um den Kontakt zur Außenwelt wieder herzustellen. Es gibt einen Moment, wenn man so daliegt, einen Moment, wo man schon gewillt, wo man schon ganz kurz davor ist aufzustehen &#8230; und da ist dann dieses Grauen, ein Gefühl, ein absolutes Gefühl der Erschöpfung, der Unmöglichkeit, der Unfähigkeit – dies überwunden, steht man. Du weißt, dass der Ruck, den man sich dazu geben muss, eine Art Geburt ist. Es gibt jeden Tag drei Geburten: Aufwachen, Aufstehen, aus der Wohnung gehen. Alle sind immer wieder aufs Neue ein sanfter Schock.</p>
<p align="justify">Du hast deine Gewohnheiten: die Abfolge deines Waschrituals ist immer dieselbe. Die Griffe, die Bewegungen, die Handhabung der Dinge sind immer die gleichen. Wie du dich abtrocknest, wie du dich anziehst und alles weitere. Deine Gewohnheiten funktionieren wie eine Weiche: sie leiten dich in den Tag um – in das bisschen, was davon eben übrig bleibt.</p>
<p align="justify">Du lebst in einer mittelgroßen Stadt. Was machst du hier? Du gehst einkaufen, du spülst, du putzt deine Wohnung. Du isst. Du wichst wie du pisst: 20 Sekunden oder ein bisschen mehr. Du erhältst dich am Leben; leihst dir Filme aus oder liest ein paar Bücher. Du versuchst von den Menschen nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu erwarten. Manchmal, wenn du ein Stück Wirklichkeit brauchst, gehst zu den Nutten, weil es einfach und unkompliziert ist. Moralischen Einwänden weichst du aus wie den Leuten in der Innenstadt, du trennst den Müll nicht. Du bist unpolitisch, ein Idiot. Du hast dein kleines Leben und deine kleinen Genüsse; du hast deine Angst, da ist diese Leere, die undeutliche Wahrnehmung eines Fehlens, etwas, das du nicht benennen kannst. Da ist diese Entfremdung, die du empfindest, das Gefühl, das Leben wäre unerreichbar, diese unaufhebbare Distanz. Du hast deine Vergangenheit, deine Unwirklichkeit, vereinzelte Bilder. Du betreibst deine Studien: für dich ist alles tief, für dich ist alles ein Verweis. Oft glaubst du gar nichts zu wissen. Vom Leben und überhaupt.</p>
<p align="justify">Du hältst dich nicht für intelligent: du bist langsam. Deine Aufgabe ist es eher, Intelligenzen zu erkennen und dich im Unterschied zu ihnen zu begreifen. Du bist inkompetent. Deine Allgemeinbildung ist mangelhaft. Wozu, sagst du dir, gibt es Bücher, CDs, Festplatten, also verlässlichere Speicherplätze? Das Nichtwissen lastet: es ist schwerer als dein Wissen. Dunkel erahnst du mehr von dem, was du nicht weiß, als das, was du tatsächlich an Wissen vorzuweisen hast. Deine Weitsichtigkeit reicht aus, um deine totale Beschränktheit ins Unendliche ermessen zu können.</p>
<p align="justify">Manchmal fehlen dir Wörter und Begriffe; manchmal wird dir aus der eigenen Sprache eine fremde. Es fällt dir schwer, dich in anderen Nervenbahnen zu orientieren. Du bist nicht diszipliniert, deine Konzentration ist schlecht, dein Hirn voller Löcher, das meiste fällt durch. Du musst öfters Nachfragen und die Leute wiederholen ihre Sätze. Deine Stimme im Kopf ist laut und beharrlich. Du hast deine Themen und Begriffe, die Gedanken, die einen eben haben. Du bist ein Klischee wie jeder andere. Du bist übervoll von dir. Du kotzt dich selbst an. Du kommst dir vor wie ein Behinderter, der gerade eben noch um seine Behinderung wissen kann, ohne sie überschreiten zu können. Dennoch sind, wie du pathetisch meinst, deine Verblödungsversuche allesamt gescheitert.</p>
<p align="justify">Du hast keinen Bereich des Könnens, du hast nie geübt, nie gelernt: weder eine Fremdsprache, noch ein Instrument oder Handwerk. Nicht mal tanzen kannst du. Du hast nie eine lange Zeit im Ausland verbracht, du hast, wie man sagt, nie wirklich etwas gewagt. Du hast dich einmal für eine Frau aufs Spiel gesetzt, aber das war kein Risiko, sondern die blinde Umklammerung eines Neugeborenen. Du warst oft peinlich. Du hast keine besonderen Talente, was die ganze Sache schwierig macht. Indem man sein Genre, seinen Beruf wählt, denkst du oft, wählt man sich selbst. Aber bei dir ist da nirgendwo ein fester Untergrund, auf dem sich wirklich bauen ließe.</p>
<p align="justify">Deine Interessen sind unsichtbar: es ist das Rätsel, sagst du romantisch, das dich verzehrt. Du hältst nicht viel von der Idee der Individualität: du empfindest dich als leeres Gefäß, das sich mit fremden Dingen anfüllt. Es gibt nur die wechselnden Einflüsse, die mit dir spielen wie der Wind mit allem Losen. Schwammig bist du und diffus. Du kannst dich schlecht abgrenzen, du verlierst dich im Abstrakten. Du bist unfähig, den Widerspruch zwischen Gedanke und Tat zu überwinden, du bleibst im Getriebe des Selbstzweifels stecken. Es werden keine Punkte für besser denken und besser wollen vergeben: Du weißt, dass nur die Tat, dass nur das Machen zählt. Du bist was du machst: du bist nichts. Du sprichst gerne von der Nichtigkeit des Lebens und weißt über sie Bescheid. Überhaupt gelingen dir die Überleitungen vom Persönlichen ins Allgemeine sehr gut.</p>
<p align="justify">Ein Tag wie jeder andere, der Tag geht um, es wird wieder dunkel draußen. Allein ist nichts wichtig; die Ereignisse versanden stumm in einem selbst. Du hast deine Erledigungen gemacht. Du hast tausendmal die gleichen Bewegungen ausgeführt, du hast tausendmal die gleichen Gedanken gedacht. Es ist still in deinem Zimmer, die Menschen sind wieder zur Ruhe gekommen, in deinem Zimmer ist es still. Dieses Leben, was du jetzt führst, ist eine Alternative, es wiegt nichts. Was du jetzt lebst, das ist schlechte Zwischenmusik, vieles, was man weglassen kann. Du hättest auch nicht sein können. Von dir gibt es Unzählige und keinen. Du weißt, dass dein Leid kein Anrecht auf Allgemeingültigkeit hat.</p>
<p align="justify">Die Uhr in deinem Zimmer. Die Stille. Das Ticken. Der Aufstand, der nie kommt. Manchmal zuckt noch eine Welle Wut durch dich. Doch Überdruss und Langeweile warten wie Schlangen in jedem Winkel deines Zimmers. Man muss alle Systeme verlassen, um wahrhaftiger zu sein, denkst du und starrst auf den Wasserhahn, aus dem in unregelmäßigen Abständen ein Tropfen Wasser tropft. Man wird nie klüger. Du spürst den Abgrund in jeder Abteilung deiner Sinneswahrnehmung, in Geräuschen, in Gerüchen, in deinen Gedanken, in jeder Tätigkeit. In der Stille. Du steigst hinter den Alltag, hinter die Zeit; du bist jenseits des Trubels, jenseits der Massen.</p>
<p align="justify">Die Tür öffnet sich, der Raum ist dunkel. Da ist ein Winkel, aus dem Licht zu kommen scheint; da ist ein Buchrücken, den man befühlt. Aus dem Unmerklichen tritt etwas ins Merkliche über. Transduktion. Man lebt. Es gibt ein Auge, das sieht, und ein Auge, das blind ist und in dem man sich spiegelt. Du bläst den Zigarettenrauch gegen deine Fresse und dein Blick ist glasig. Alles ist sinnlos. Hinter dem Spiegel ist nichts. Wir befummeln die Wahrheit mit tausend Dietrichen: sie ist nicht kitzelig; sie bleibt unbeweglich, starr, unbekannt. Nein, du Trottel, das sind keine Zeichen: das sind Selbstverweise. Wir sind eingesperrt in unsere Ordnung. Da liegt ein kaputter Regenschirm im Rinnstein. Der Mensch ist allein. Du bist allein. Draußen zwitschern schon die ersten Vögel. Was sie singen? Morgen wird wie heute sein.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Grün</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Jan 2012 06:35:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anton Velhagen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Foto]]></category>
		<category><![CDATA[grün]]></category>
		<category><![CDATA[leben]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/die_halme_.jpg" alt="Grün" title="Grün" width="580" height="580" class="aligncenter size-full wp-image-1836" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die Geburt der Vorsicht</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Jan 2012 06:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Maximilian Gahr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lyrik]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[Poesie]]></category>

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		<description><![CDATA[Fast stündlich verlasse ich hinkend / die Wärme des fröstelnden Ofens / und stutze mit besten Messern / den morgentreibenden Rasen, / bisweilen mit Wollust / ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fast stündlich verlasse ich hinkend<br />
die Wärme des fröstelnden Ofens<br />
und stutze mit besten Messern<br />
den morgentreibenden Rasen,<br />
bisweilen mit Wollust<br />
im Erdreich rupfend.</p>
<p>Ich war nach der großen Verwerfung<br />
mit der kindlichen Wiese vermählt,<br />
munkeln die sensenden Hände.</p>
<p>Trotz tüchtiger Gartenknechte<br />
und strengem Wolkenverbot<br />
mißlingt die Verwüstung<br />
und Meere frischer Keime<br />
reißen die Fahnen hinauf.</p>
<p>Sorglos schlief ich mich in die Jahre<br />
bis die erzharte Rinde der Zeit sich erboste und brach<br />
und mir mütternde Gräser<br />
im Traum<br />
in die wehrlose Nase blickten.</p>
<p>Ich ruhte so schwer in den Halmen.</p>]]></content:encoded>
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		<title>The Amputee</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 14:17:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anton Velhagen</dc:creator>
				<category><![CDATA[Foto]]></category>
		<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>
		<category><![CDATA[unverbunden]]></category>

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		<description><![CDATA[]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2012/01/daseinsrinde.jpg" alt="Daseinsrinde" title="Daseinsrinde" width="580" height="580" class="aligncenter size-full wp-image-1831" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Zwei Tänzer</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Jan 2012 06:31:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Hanna M. Scotti</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Miniatur]]></category>
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		<category><![CDATA[Tipps]]></category>
		<category><![CDATA[Ausstellung Hanna Scotti]]></category>
		<category><![CDATA[Frau]]></category>
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		<description><![CDATA[offen ihr leib / aus faden / gespannte unterwerfung / mut lust ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="aligncenter size-full wp-image-1795" title="Hanna M. Scotti: Zwei Tänzer" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/12/hanna_zwei_taenzer.jpg" alt="Hanna M. Scotti: Zwei Tänzer" width="560" height="606" /></p>]]></content:encoded>
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		<title>Nachruf auf einen Freund #1</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Jan 2012 06:53:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Flamingo</dc:creator>
				<category><![CDATA[Text]]></category>
		<category><![CDATA[Titelstory]]></category>
		<category><![CDATA[enden]]></category>
		<category><![CDATA[menschen]]></category>
		<category><![CDATA[seltsameWelt]]></category>
		<category><![CDATA[tod]]></category>

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		<description><![CDATA[Crocodile Dundee ist gestorben und danach schmerzten dir die Glieder immer öfter. Man hörte die Leute sagen, du könntest nicht mehr schlafen. Manchmal sogar nicht mehr gehen. Er starb auf seiner Harley Davidson mit den Krokodillederstiefeln eingekrallt in die Gangschaltung.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Crocodile Dundee ist gestorben und danach schmerzten dir die Glieder immer öfter. Man hörte die Leute sagen, du könntest nicht mehr schlafen. Manchmal sogar nicht mehr gehen. Er starb auf seiner Harley Davidson mit den Krokodillederstiefeln eingekrallt in die Gangschaltung.</p>
<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:CubanCrocodile_001.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1807" title="Crocodile (Foto: Ltshears, PD)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/12/crocodile-140x140.jpg" alt="Crocodile (Foto: Ltshears, PD)" width="140" height="140" /></a>Viel früher, kurz nachdem ich die Parkettböden nicht mehr mit Schornsteinen aus Lego und Kerzenwachs verkratzte, warst du es, der ich sein wollte. Was hätte ich gegeben um dein immerglühendes, grobporiges Mondgesicht, um deinen Tennisverein, deine Jogginghosen, Fußballstiefeln und dein Waldhorn.</p>
<p>Zwischen Stachelbeeren, auf Staub und Sand, ging die Sonne unter. Deine Schwester war ein „steiler Zahn“! Du warst wunderschön. Hinter zwei Türen habe ich gewartet, während du mit der telefoniertest, die ich am zweitliebsten sein wollte. Doch ich kaufte mir keine verranzten, klobigen Skaterschuhe. Ich lackierte mir die Fingernägel nicht bröckelig und ungeschickt und auch biss ich erst viel später an ihnen. Ich weiß nicht mehr was davon es war, weswegen du mich nicht so mochtest wie sie, aber irgendetwas muss es gewesen sein.</p>
<p><a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:CubanCrocodile_001.jpg"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-1807" title="Crocodile (Foto: Ltshears, PD)" src="http://kaschemme.de/wp-content/uploads/2011/12/crocodile-140x140.jpg" alt="Crocodile (Foto: Ltshears, PD)" width="140" height="140" /></a>Gestern starrte mich ein digitales, immerglühendes, grobporiges Mondgesicht an. Verschrocken wie ein aufgescheuchtes Reh. Zerbrechlich wie der ausgedörrte Stachelbeerstrauch in eurem Garten.</p>
<p>Crocodile Dundee ist seit zehn Jahren tot.<br />
Ich glaube sein Sohn ist es auch.</p>]]></content:encoded>
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