Fünf Minuten eines Nachmittags in Italien

Wir waren eine Gruppe von achtzehn Leuten und ständig hungrig.

„Mein Magen frisst sich gleich selbst auf.“ stöhnte ich und hielt mir den Bauch, als ob er schmerze.

Nicki grinste nur. „Trink Wein Andi, die haben noch nicht mal angefangen.“

Hungrig schüttete ich mir den letzten Rest Prosecco in den Hals und sah mich dann nach etwas Essbarem um. Doch wo ich auch hinsah: Nichts, nur Chianti, den ich mir reichlich eingoss.

„Habt ihr an Brot für morgen gedacht?“ In meinem Kopf blitzte kurz das Bild des heutigen Frühstücks auf: Fünf Frühaufsteher belegen sich dicke Brotscheiben mit reichlich Butter, Mortadella, Schinken und Käse.

Wenig später wandern eher schmale Scheiben von sparsam gestrichenen Butterbroten mit Salz in die Münder der Nachzügler.

Freilich kannte ich beide Szenarien nur vom Hörensagen — ich gehörte zu den Leuten, die zwei Stunden später verzweifelt versuchten, irgendwo noch ein paar trockene Kekse aufzutreiben.

Nicki, Besitzerin der Villa und Gastgeberin, gähnte und entblößte dabei blau gefärbte Zähne. „Weiß nicht. Mußt Du die Österreicher fragen, die waren heute einkaufen.“

Ich zog eine weitere Muratti aus der Schachtel und suchte einige Minuten mit sehr langsamen Bewegungen nach einem Feuerzeug.

„Nimm meins.“

Anette räkelte sich in der Sonne und hielt mir ein kleines, schwarzes Einwegfeuerzeug hin.
Als ich angekommen war, hatte ich fünf davon gehabt. Jetzt hatten fünf andere Menschen kleine, schwarze Einwegfeuerzeuge – ich gehörte nicht zu ihnen.

„Danke.“

Genüsslich lauschte ich, wie der Tabak knisternd zu brennen begann. Es schmeckte nach Italien. Die Sonne schien mir heiß auf den Bauch, dessen Fülle ich inzwischen schamlos zur Schau stellte.

„Was gibt’s denn heute Abend?“

Die Frage war an niemand bestimmtes gerichtet, ich murmelte eigentlich nur müde über die verstreuten Leiber hinweg.

„Fasan.“ sagte jemand.

„Ah.“

Gähnend wandte ich mich meiner Kladde zu, in der ich Geschichten zu schreiben pflege. Ich arbeitete hart an einer Science-Fiction-Story, ein astreiner Bestseller-Stoff, Big Opera, wirklich sehr heftig. Acht Seiten hatte ich schon, leider fehlte mir irgendwie der Kick für die restlichen 592 Seiten. Gestern hatte ich immerhin einen ganzen Satz geschrieben.

Jaja, der Satz.

Ich las ihn dreimal durch. Dann malte ich so viele Wellenlinien darüber, bis das Papier dünn wurde.

„Wundert mich, dat er keine Ochsenschwänze gekauft hat, um se zu kochen.“ Matthias schmierte sich zum zehnten Mal mit Sonnencreme ein.

Ich nippte an meinem Wein, sah auf die nackten Brüste von Anette und fragte mich, ob man es in einer solchen Hitze wohl miteinander treiben könnte, ohne dabei einzuschlafen.

„Die hatten keine mehr, sonst hätte ich welche besorgt!“ Das war Heinz, einer der Österreicher, ein Penis-Fetischist. Er trug eine lange, abscheulich moderne Badehose und etwas in den Art von Birkenstock-Sandalen. „In Österreich gibt’s Metzgereien mit allen Sorten von Schwänzen, ja, da kannst Du Dir das Anatomiestudium sparen.“

Mühsam brachte ich die Zähne auseinander. „Was wird’n das für’n Fasan heute abend?“

Heinz schob seine Angebersonnenbrille auf der Nase nach oben. „Da wirst Du staunen! Fasäne und Hühner, ja.“ Er legte die Zeigefinger auf die Daumen und deutete damit herum. „Zuerst mal Pfannkuchen mit einer köstlichen Radicciofüllung.“

Das Publikum Umm-te pflichtschuldig.

„Hernach Geflügelpfanne Heinz und schließlich, ja…“, er machte eine weitere Pause, „…Crepe Suzette!“.

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Wird man davon satt?“

Er warf mir kurz einen Blick zu, den Cäsar beim Anblick eines kleines gallischen Dorfes hätte haben können, und eilte zurück in die Küche.

Nicki sah ihm hinterher. „Ich glaub, die haben zwei Fasane und drei Hühner gekauft. Riesenteile.“

Matthias wischte eine Fliege von seiner Schulter. „Wie wolln die denn dat innen Herd kriegen?“

Keiner antwortete.

Ich sah wieder in meine Kladde, las den durchgestrichenen Satz noch mal durch. In meinem Kopf bildete sich eindeutig die Assoziation zu — gar nichts. Mein Blick wanderte wieder auf die Wälder, die uns umgaben.

„Grün.“ dachte ich. „Grün.“

In einiger Umgebung machte eine Biene einen Höllenlärm beim Versuch, eine Kleeblume zu besteigen. Dahinter lag der Pool, leider zu kalt, um hineinzugehen. Guido saß daneben, braungebrannt, millimetergenauer Haarschnitt, durch und durch perfekt gestylt und so natürlich wie eine japanische Edelteetasse unter Vitrinenglas.

Er unterhielt sich mit Karin und sah dabei über die Mini-Gläser seiner sündhaft teuren Designersonnebrille. Karin war freie Werbetusse, offensichtlich belatscherte sie Guido, um einen Auftrag an Land zu ziehen.

Sie sah sehr kompetent aus.

Er wirkte gelangweilt.

Nicki sah auf die Uhr. „Vielleicht sollte mal jemand anfangen, den Tisch zu decken.“

Matthias goss sich noch etwas Sonnencreme auf die nackte Haut. „Oh ja, das sollte man tun.“

In der Ferne fiel mir ein Baum auf, der absolut nichts besonderes an sich hatte und den anderen Hunderttausend zum Verwechseln ähnlich sah; aber ich verlor ihn sofort aus den Augen.

„Mmmh, richtig, der Tisch.“

„Den sollte man decken, stimmt.“

„Will noch jemand Wein?“

Antonjan Fellhagen

(exküntzlername ‚jon do‘) ist autor, maler und fotograf und lebt in bremen | am liebsten schreibt er gebrauchstexte für die industrie, weil küntzla und adelige sonst arm sind und prostituierter dreck die meiste asche abwirft | findet den literaturapparat unappetitlich + aufgeblasen + fazinierend – jedenfalls den teil mit den texten

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